Kleine Fluchten

Stettin ganz slow erleben und in einem Stück Geschichte wohnen

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Eberhard von Elterlein

Foto: Park Hotel Stettin

Im „Park Hotel“ entspannen Business- und Feriengäste mitten in der Stadt. Erbaut wurde das Haus vor 100 Jahren von einem Absolventen der Berliner Bauakademie.

Vom Stadtpark weht ein laues Lüftchen herüber. Der Blick geht ins Saftiggrüne. Jetzt vielleicht eine „Chłodnik“, eine Litauische Suppe mit Rote Bete, Wachtel-Ei und Krebsen? Oder darf es ganz gewagt etwas Internationales wie Scharfe Krevetten nach afrikanischer Art mit Ananas und Piri-piri-Paprikaschoten sein? Hm, schwierig.

Im „Park Hotel Stettin“ befindet sich der Gast stets in einer Art Zwischenzone. Eigentlich liegt das Vier-Sterne-Boutique-Hotel mitten in der Stadt, doch davon spüren wir hier im Innenhof, der sich nicht ganz ohne mediterranen Stolz „Patio“ nennt, so gar nichts. Kommt das ferne Rauschen von den Autos oder von den Bäumen? Egal.

Überhaupt mediterran. Eigentlich hat Chefkoch Mariusz Siwak deftige polnische Küche auf dem Teller, zum Beispiel „Marinierter Ostseehering ,Moskalik’ mit essbarer Erde“, aber es gibt auch internationale Küche mit mediterranem Einschlag: Pilgermuscheln oder Rucola-Blätter mit Granatapfelkernen. Und sogar molekulare Küche, sieben Gänge.

„Alle zwei Monate gibt es neue Empfehlungen des Maître“, sagt Hoteldirektor Michal Matuszewski. „Spargel, Pilze oder Gans. Ganz abhängig von der Saison.“ Und: „Wir sind eines der wenigen Slow Food Restaurants in Polen“, sagt der 37-Jährige. Seit kurzem sogar mit internationalem Renommee: Im März wurde das Haus von der Internationalen Slow Food Organisation empfohlen, als überhaupt erst drittes Restaurant in Polen. „Darauf sind wir wirklich stolz.“

Stadt mit bewegter Geschichte

Also alles ganz slow hier in Stettin, und wer die Fülle dieser Stadt, die eine so bewegte Geschichte hat (pommersche Residenzstadt, schwedische Besatzung, preußische Regierung, Einnahme durch russische und sächsische Truppen, preußische Verwaltung nach dem Stockholmer Frieden, Einnahme durch französische Truppen, danach wieder in preußischer Hand, 1939 mit 460 Quadratkilometern flächenmäßig drittgrößte deutsche Stadt nach Berlin und Hamburg, seit 1945 polnisch) nach diversen Besichtigungstouren erst einmal sacken lassen will, ist im „Park Hotel“ im Osten der Stadt im „Park Zeromskiego“ richtig untergebracht.

Nicht nur, weil man Stettin hier ganz slow erlebt, sondern auch gleich in einem Stück Geschichte wohnt. Das Parkhaus, in dem sich heute das Hotel befindet, wurde vor 100 Jahren nämlich von Wilhelm Meyer-Schwartau, einst Student an der Berliner Bauakademie, errichtet. Der Baustadtrat der Jahre 1891 bis 1921 ist so etwas wie Stettins Leib-und-Magen-Architekt, zeichnet er doch für Oberpostdirektion, Polizeipräsidium und Hauptfriedhof verantwortlich und hat Stettins bekanntestes Bauensemble verantwortet: Die Haken-Terrasse auf dem Gelände des ehemaligen Forts nördlich der ehemaligen Altstadt am Ufer der Oder.

Man muss sich diesen nach dem Oberbürgermeister Hermann Haken genannten Komplex mit Seefahrthochschule in Neorenaissance, einem Jugendstilbau mit Meeresmuseum – mit Kupferdach – und „Theater der Gegenwart“ sowie dem Regierungssitz der Wojewodschaft Westpommern im Stil der nordischen Renaissance ein bisschen wie die Brühlschen Terrassen in Dresden vorstellen – nur nicht so geschlossen und von Touristen überlaufen. Und dass an den beiden Enden der gut 500 Meter langen Uferschleife zwei Restaurants mit den schönen internationalen Namen „Colorado“ und „Christopher Columbus“ stehen, ist ja auch recht ungewöhnlich. Das passt aber irgendwie zu dieser Stadt und diesem Hotel, in denen das Ungleiche und das Ungleichzeitige nebeneinander wohnen wie zwei Geschwister, die sich nur langsam aneinander gewöhnen.

Eine leise Ahnung vom alten Stettin

Hier der Stadtpark mit seiner idyllischen Ruhe – und nur fünf Gehminuten entfernt das Campus-Gewusel der Marineuniversität mit ihren blau uniformierten Studenten und Studentinnen, von denen unser Stadtführer allerdings gar nichts hält. „Haben Körper wie Gladiator, aber Gehirn wie Knoblauchzehe“, sagt Bogdan Jazym und kommentiert damit die Tatsache, dass die einstige Eliteschule heute angeblich jeden (gutgebauten) Kandidaten aufnimmt. Überhaupt: Jazym, 59, („Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie Adolf Hitler“) ist ein Genuss. Nicht nur wegen seiner radebrechenden Wortspiele über deutsche Sehnsuchts-Bustouristen („lauter Frauen, waren grau wie Tauben, mit drei Männern als Zierde“), sondern weil er einen frischen Blick auf die geschichtsreiche Stadt wirft: „Schauen Sie, das ist sozialistische Gotik“, sagt er zu den (hässlichen) Neubauten in der „Altstadt“ der „Stare miasto“, mangels einer echten Altstadt, da Stettins Innenstadt im Krieg zu 60 Prozent zerstört wurde.

Also kein Zentrum im klassischen Sinne, bis heute. Nur große Gebäude (allen voran das wiederaufgebaute Residenzschloss der Pommern, das heute ein Kulturzentrum ist), Plätze (zuvörderst der Befreiungsplatz), Straßen (allen voran die Straße der Unabhängigkeit am früheren Paradeplatz, die „soll mal so werden wie der Kudamm“ (Jazym), Tore (zuallererst das Berliner Tor und Königstor) und neue Projekte wie die moderne Einkaufsmall Galaxy, die sinnbildlich gleich neben dem Hochhaus des „SAS Radisson Hotel“ einen Blickfang in der Neustadt bildet.

Dazwischen viele Brachflächen, kein einheitliches Stadtbild und nur eine leise Ahnung vom alten Stettin mit der Kirche Peter und Paul, ein echtes gotisches Bauwerk aus dem 12. Jahrhundert in Bahnhofs-Nähe, das den Krieg ohne Schaden überlebt hat, und am friedlichen Heumarkt mit dem Alten Rathaus, ebenfalls gotisch.

Ob so viel disparater Eindrücke erfreut man sich dann seines Refugiums im „Park Hotel“ und kommt aus einem der 32 gemütlichen Zimmer, die alle ganz individuell im rotbraun gehaltenen Retrostyle eingerichtet sind, und verbringt die Zeit vor dem Abendessen im blau gekachelten modernen Spa-Bereich mit Pool, als schwimme man im Orient. Auch das ein Zeiten- und Stilsprung – aber ein sehr erholsamer.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Polnischen Fremdenverkehrsamt. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/una bhaengigkeit