Wer war wohl zuerst da – der gute alte Kaiser oder all die prächtigen Rhododendren in den Villengärten auf dem Weg zum Botanischen Garten, zwischen der Mozart- und der Masaryk-Straße?
Die Meinungen darüber gehen auseinander im nordböhmischen Liberec, doch verbürgte Tatsache ist dies: Im Jahre 1906 hatte Kaiser Franz Joseph das damalige Reichenberg mit einem offiziellen Besuch beehrt, befand sich die Stadt doch zu dieser Zeit auf dem Territorium der k.u.k.-Monarchie.
Noch heute erinnert hier ein berückendes Backsteingebäude mit Erkern, Türmchen und Balkonen an das ehrwürdige Ereignis: „Kaiser-Franz-Joseph-Bad“ steht in Frakturschrift an der Fassade eingemeißelt, vor der wiederum ein Bau-Kran auf die ultimative Renovierungs-Order zu warten scheint.
Pseudo-Antike und Wiener Jugendstil
Vis-à-vis ist man da schon weiter, denn das ebenso herrschaftlich anmutende Gebäude des „Nordböhmischen Museums“ (tgl außer Mo 9-17 Uhr) erstrahlt längst wieder in altem Glanz. Im Jahre 1873 in nur anderthalb Jahren fertiggestellt, betritt man über die Freitreppe nicht nur eine Vorhalle mit Marmorsäulen, sondern auch eine andere Welt.
Eklektizistisch, durchmischt im besten Sinne: Ein klein bisschen Pseudo-Antike und authentischer Wiener Jugendstil, dazu in den weitflächigen Ausstellungsräumen spätmittelalterliche Gobelins und Fin-de-Siècle-Lüster.
Nicht zu vergessen das technische Wunderwerk eines „pneu-mechanischen Pianos“, an dessen Seitenwand das Rundbild eines Smoking-tragenden afroamerikanischen Drummers die beginnende Moderne ebenso symbolisiert wie eine Sammlung futuristischer Plakate.
So optimistisch und innovativ, denkt der Besucher, hätte es selbst nach 1918 weitergehen können – nach dem Ende der Monarchie, als das deutsch-tschechisch besiedelte Reichenberg nun Teil der tschechoslowakischen Demokratie geworden war.
Die Geschichte jedoch ist anders verlaufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Deutschen aus Böhmen vertrieben. Ihre Spuren sind noch heute sichtbar, wenn man sich auf den Weg aus dem idyllischen Außenviertel ins Stadtzentrum macht, mit der im Zehn-Minuten-Takt fahrenden, hypermodernen Straßenbahn, per Fahrrad oder auch zu Fuß. Liberec ist hügelig, aber auch der Blick auf die Häuser gleicht mitunter einer Berg- und Talbahnfahrt.
Villen und Wohnblöcke
Euphorie beim Anblick liebevoll restaurierter Villen, die längst keine aus Wohnungsnot künstlich zusammengestückelten Mini-Unterkünfte mehr beherbergen, sondern ihre ursprüngliche, großzügige Geräumigkeit wiedergefunden haben.
Nostalgie angesichts seit sieben Jahrzehnten in sich zusammensackender Häuser, deren verwitterte deutsche Inschriften an eine Zeit erinnern, als Reichenberg noch prosperierte. Und schließlich das Grauen vor jenen altsozialistischen Wohnblöcke, deren Verfall noch nicht einmal Melancholie weckt.
Doch dann: Der Beginn des Stadtzentrums mit der elegant gestalteten Bibliothek linkerhand, deren Glasfront übergeht in ein jüdisches Bethaus, dessen hebräische Wandinschriften an die einstige, 1938 zerstörte jüdische Synagoge erinnern.
Denn auch diese Lektion hält das heutige Liberec für den Besucher bereit: Mag der von ultra-nationalistischen Tschechen bis heute erhobene Vorwurf, alle damaligen Deutschen seien Nazis gewesen, auch ein bequemer Mythos sein und die Existenz vor allem der Reichenberger Sozialdemokraten und Hitlergegner leugnen – Tatsache ist dennoch, dass auch hier die Synagogen gebrannt und die jüdischen Geschäfte zerstört worden waren.
Theater gegenüber dem jüdischen Gebetshaus
Und all das sogleich nach dem deutschen Einmarsch 1938, als im berüchtigten „Münchner Abkommen“ Hitler das Plazet bekommen hatte zur faktischen Zerstörung der Tschechoslowakei. Freilich finden sich dann in der Kulturstätte, die auch eine deutschsprachige Bibliothek beherbergt, nirgendwo pauschale Anklagen, sondern sachliche Informationen.
Vis-à-vis befindet sich übrigens auf einem Hügelchen das dezent crémefarbene Theater, 1893 nach Pariser Vorbild gebaut und ein damaliges Zentrum der städtischen Kulturelite. Und heute?
„Heute“, sagt Kristina Pompova, eine als kenntnisreiche Reiseführerin arbeitende vitale Pensionärin, „heute gelangen in Busausflügen oft Opernfreunde aus Görlitz, Zittau oder anderen deutschen Städten hinter der Grenze zu uns, da die Klassik-Abende qualitätsvoll sind und preislich noch durchaus modest.“
Auch in der Diktion von Frau Pompova schwingt ein wenig dieses anheimelnde, altertümliche deutsch mit, und als wir an einer Straßenecke am einstmals so florierenden „Kaffeehaus Post“ vorbeikommen, stellen wir uns trotz der blinden Scheiben und des dahinter verstaubenden Stucks stellen wir uns eine Szene vor:
Tschechen, jüdische und nichtjüdische Deutsche beim Plaudern und Bestellen einer Wiener Melange, beim genießerischen Zigarre-Rauchen oder geräuschvollem Aufblättern des „Reichenberger Tageblatts“, einer dazumal berühmten Zeitung, die bis weit hinein in die 30er-Jahre einen liberalen, ethnienverbindenden Kurs gehalten hatte.
Vom „Babylon“ ins Iser-Gebirge
Doch ehe wir uns völlig in den Tagträumen der Vergangenheit verlieren: Fahrradgeklingel, Zurufe und Kinderlachen. „Das ist die Zukunft“, sagt die Pensionärin lächelnd. „Leute aus Berlin oder Bayern, die Nordböhmen mit dem Rad entdecken und hier in Liberec gern übernachten.
Dann geht’s entweder in den Erlebnispark ,Babylon’ oder gleich hinüber ins wilde Isergebirge oder hoch auf unseren Jeschken-Berg. Im Winter per Ski, im Sommer mit dem Wanderstab, auf Pferderücken oder mit Montainbikes.
Ich meine, wenn ich und mein Mann uns einen Urlaub in Spanien zusammensparen, weshalb sollten dann deutsche Gäste nicht auch hier…“ Eine Rückkehr nach Europa, denken wir. Region für Region, Stadt für Stadt.
Der eiserne Vorhang gefallen, die ältere Generation von jahrzehntelang wirkungsmächtigen Rede- und Denk-Tabus befreit, die Jüngeren voller Neugier und dazu die zahlreichen EU-finanzierten Projekte als unschätzbare Hilfe für den Wiederaufbau ewig lang vernachlässigter Orte.
Rathaus wie ein Kafka-Schloss
Obwohl der Marktplatz noch immer nach dem umstrittenen Vertreibungspolitiker Benes benannt ist. Und doch drücken wir just dort den Kopf in den Nacken, denn wie gigantisch ist das Rathaus mit seinem 65 Meter hohen Turm!
Ein österreichisches Wunderwerk der Neorenaissance, ein zinnen- und türmchenbewehrtes Kafka-Schloss voller Mosaikfenster, ein weiteres Stück k.u.k.-Monarchie hier im nordtschechischen Grenzland, im Jahre 1893 erbaut nach den Plänen eines Wiener Architekten.
Dazu ein Art-déco-Gebäude im Rücken, das verglaste Eisengehäuse eines Orginal-Polymeters/Barometers von 1891, ein rustikaler Brunnen und rechts und links des Platzes ehrwürdige Bürgerhäuser.
Dass wir verblüfft sind, ist noch eine Untertreibung. Wie konnte es passieren, fragen wir uns, dass eine solche Wirklichkeit, eine solche Stadt so lange aus dem historischen Gedächtnis entschwunden war und nun erst langsam wieder ins Wahrnehmungsfeld gerät?
Erinnerung an Prager Frühling
Wie als Antwort – und als eine Art Pendant zur Erinnerung an die zerstörte Synagoge – weist Frau Pompova auf die neun Glieder einer Panzerkette, die an der Vorderseite des Rathauses angebracht sind.
Die darauf eingravierten Namen erinnern an jene Tschechen, die hier am 21.August 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen demonstriert hatten und von den Schüssen aus einem sowjetischen Schützenpanzer niedergestreckt worden waren.
Die Einwohner von Liberec übten daraufhin auf gewaltlose Weise Revanche, indem sie zur Desorientierung der Okkupanten über Nacht alle städtischen Hinweisschilder übermalten und in „Dubcekova Ulice/Dubcek-Straße“ umwandelten.
Immerhin hatte man mit derlei jahrhundertelange Erfahrung, waren doch bereits im Dreißigjährigen Krieg die Söldner durch Reichenberg gezogen – eine Zeit, an die das nahegelegene Fachwerk-Ensemble der „Wallenstein-Häuser“ erinnert.
Schlafen zwischen Karel-Gott-Schallplatten
Das auf Wanderwegen oder per Seilbahn zugängliche Liberecer Wahrzeichen, der 1012 Meter hohe Hausberg Jeschken (Jested), bietet zum Abschluss nicht nur einen atemberaubenden Rundblick auf die Stadt und das grüne Paradies des hier beginnenden Iser-Gebirges, sondern beherbergt mit seinem futuristischen Fernsehturm und Berghotel noch eine weitere Sehenswürdigkeit.
Erbaut 1973 im damals modernistischen Stil, erinnern heute in den familienfreundlichen Zimmern nicht nur die Schiffs-Bullaugen der Panoramafenster, sondern auch die neben der Rezeption drapierten Karel-Gott-Schallplatten an eine inzwischen vergangene Epoche.
Hier im Hotel „Jested“ nächtigen wir schließlich, quasi hunderte Meter hoch über der geschichtssatten Gegend, doch bleiben wir auch nach einem frugalen Abendessen mit Gulasch, knedlicky und böhmischem Schwarzbier bestens geerdet.
Gute-Nacht-Gedanken aus dem Grand Hotel
Dies nicht zuletzt Dank unserer spannenden Gute-Nacht-Lektüre: „Grand Hotel“, der Roman von Jaroslav Rudis, spielt nämlich just im „Jested“, wo der junge tschechische Romancier vor Jahren an der Rezeption gearbeitet hat. In langen Nachtstunden machte er sich seine ironischen und absolut originellen Gedanken über die Stadt mit den wechselnden Namen.
Und während wir dann inmitten weicher, also nicht-sozialistischer, nicht-kratzender Bettwäsche langsam in den Schlaf gleiten, da hoch oben im Turmhotel, glauben wir beinahe, dass es auch mit Rudis´ neuem Wahlwohnort eine gewisse Logik hat:
Den ehemaligen Rezeptionisten zieht es mittlerweile nach Berlin. Liberec-Reichenberg, soviel ist sicher, wird ab jetzt auf unserer Entdecker-Landkarte markiert bleiben.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Tschechischen Zentrum für Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit


