Alt ist die Tür. Rokoko. In sattem Braun schimmert matt und mächtig ihr Holz in der Sonne, die eiserne Klinke quietscht, wird sie nach unten gedrückt. Über eine Steinstufe, die von tiefen Furchen durchzogen ist, geht es in einen Raum mit gebrannten Kacheln auf dem Boden. Links durch die Gründerzeit-Flügeltür flackern echte Kerzen im schmiedeeisernen Leuchter von der Decke. Breite Holzdielen wärmen den Raum. Im bayrischen Trachtenjackett, dazu schlicht schwarze Hose, ein weißes Hemd, steht ein Mann. „Willkommen“, sagt er, hell und freundlich. Und: „Ja, die Tür ist noch das Original von 1764“, zum fragenden Gesicht, hat man sie hinter sich geschlossen.

Roland Frankfurth ist Inhaber des Romantik Hotels Alte Försterei in Kloster Zinna, einem Ortsteil von Jüterbog 70 Kilometer südwestlich von Berlin, Landkreis Teltow-Fläming. In Kassel geboren, am Bodensee ein Internat besucht und nach Berlin zum Architekturstudium gezogen, ließ er sich nach zehn Semestern zum Hotelfachmann ausbilden. Drei Jahre, bis zum Mauerfall, im Kempinski Bristol Hotel am Kudamm. Noch während seiner Zeit dort las er von einer ehemaligen Försterei, später Kohlehandlung und Wohnhaus in Kloster Zinna, welches verkauft werden sollte.

Der Traum vom eigenen Hotel – war da. „Es schlappte eine ältere Dame an die Tür“, erzählt Roland Frankfurth von seinem ersten Besuch. Die „Frau Paul“ sei das gewesen, die die ehemals königlich-preußische Oberförsterei aus Altersgründen habe aufgeben müssen. Er sah sich Wohnbereich, Schweine- und Pferdestall an, blickte ins Grüne – und die Sache war entschieden. „Es war ein Segen, dass hier über Jahrzehnte nichts gemacht worden war“, sagt Roland Frankfurth.

Friedrich der Große gründete Kloster Zinna

Kloster Zinna ist Flächendenkmal. Die 1764 von Friedrich dem Großen gegründete Kloster und Webersiedlung ist in Größe und Aufbau bestehen geblieben, 900 Einwohner leben in den 220 Normhäusern von nicht mehr als neun Metern Höhe. Das Denkmal Friedrichs des Großen am ehemaligen Marktplatz, durch den heute die Autos und Lastwagen der B101 rasen, das Webhaus, heute Museum und Café, die 1000-jährige Heidenlinde, ein Antik- und ein Schreibwarengeschäft sind schnell erreicht. Einen Supermarkt gibt es nicht. Am Ortsrand rollen Räder und Skater auf dem Fläming-Skate vorbei, am ehemaligen Grenzfluss zwischen Preußen und Sachsen, der Nuthe entlang.

Alte Türen gibt es nicht nur in der ehemaligen Oberförsterei. Die teils mehrfach überstrichenen und schon lange nicht mehr funktionalen Holzpforten ziehen sich wie bunte Tupfer durch den Ort. Denkmalgeschützte sind mit einer roten Nummer gekennzeichnet, so das Wohnhaus Nummer „65“, das verlassene Steinhaus an der Heidenlinde, ein Ex-DDR-Jugendclub mit der Nummer „zwei“ und das ehemalige Gästehaus des Klosters, von dem die „eins“ leuchtet.

Die Mönche des Ortes, Zisterzienser, haben sich vor über 800 Jahren angesiedelt, sind jedoch der Reformation 400 Jahre später bereits wieder gewichen. Geblieben sind satte Spätgotik der Alten und Neuen Abtei des namensstiftenden Klosters sowie des Gästehauses mit fingierten Fensterrosen, in vier Farben leuchtende Formsteinen an den Spitzbögen sowie eine imposant spätromanische Kirche. In der Neuen Abtei ist heute das Stadtmuseum untergebracht, im ehemaligen Gäste- und Siechenhaus eine Kräuteressenzherstellung. Nur hier gibt es ihn noch, den Original „Zinnaer Klosterbruder“-Likör – Kostprobe im Eintritt enthalten. Oder, zum Dinner und Kauf, bei Roland Frankfurth, in der Alten Försterei.

Ländliche Romatik

Roland Frankfurth zeigt auf Nachfrage gern, was sein Haus besonders macht. Er führt vom Vorraum des Hotels an einem Stuhl aus Dammhirschschaufeln vorbei. „Das ist unser Wellnessbereich – die Schaufeln massieren hervorragend“, sagt Roland Frankfurth. Dann lacht er. Weiter geht es an Geweih an der Wand durch die Flügeltür in einen Steinfußbodengang, rechts ein paar Stufen hinauf zur Küche, dem Frühstücksraum. Ein alter Kachelofen, um die Jahrhundertwende gebaut, prangt im Raum.

Darauf stehen Platten mit Käse, Wurst, Trauben. Aus der geöffneten Ofenluke lugen Brötchen im Korb hervor, unter den Glasplatten auf den Holztischen klemmen alte Leinentücher. Ein blau gesticktes Mädchen in Dirndl lächelt darauf entgegen. Die Stufen wieder zurück geht es den Gang entlang am Restaurant „Friedrichs Stuben“ vorbei, der Schankstube „12 Mönche“ bis zur Treppe hinauf zu den Zimmern. Antike Schränke, ein Ohrensessel, ein altes Holzkastenbett, ein Waschtisch anno 1900 und dickes Fachwerk an den Wänden bis zur sechs Meter hohen Decke hinauf warten. Schlafen lässt sich’s prima.

„Zimmer 14, Ihre Kutsche ist da“, schallt es am Morgen die Steinwände entlang. Vor der Rokoko-Tür der Alten Försterei steht Günter Riebe, 62. Mit dabei: Seine zwei Schimmel „Pakko“ und „Mennox“, die vor einen nachgebauten, britisch grünen Landauer gespannt sind. „Fühlen Sie sich wie eine Gräfin“, sagt Günter Riebe und hilft die zwei Stufen zur Kutsche hinauf. Schon erledigt. Im Trab geht es vorbei am Alten Fritz, dem Webhaus, über die Nuthe entlang Richtung Jüterbog. „Jüterbock“, sagt Norbert Jannek, der vor norddeutscher Backsteingotik am Kulturquartier Mönchenkloster auf Kutscher und Kutsche gewartet hat. Sonst höre man gleich, dass man nicht von hier komme. Er steigt hinzu. Pakko und Mennox ziehen an.

Vorbei an Steinhäusern, vereinzelt von Holzpfeilern durchbrochen, geht es zum Begleitturm vom Dammtor. „Steinbau war früher schick – jetzt legen sie das Fachwerk wieder frei“, sagt Norbert Jannek. Beim Turm wird Halt gemacht, die Stufen erklommen steht Norbert Jannek grinsend auf der Ebene der Turmspitze. Er zeigt auf das gotische Rathaus, die Nikolaikirche, die Liebfrauenkirche mit ehemaligem Zisterzienserinnenkloster, die geschlossene Stadtmauer, die Tore in alle Himmelsrichtungen. „Selbst die Straßenbreite ist noch die aus dem Mittelalter“, sagt Norbert Jannek.

Der Leiter des Museums in Kloster Zinna und in Jüterbog ist geborener Jüterboger. Sensibel und informativ führt er in die Geschichte beider Städte ein – doch wo Unterschiede bestehen, sollten sie gemacht werden. Kloster Zinna sei seit der Brandenburger Gemeindezusammenführung nun mal ein Ortsteil von Jüterbog. Und a propos „Brandenburg“ – Jüterbog verstehe sich eher mittelalterlich. Dazu brandenburgisch. Nur nicht märkisch, Jüterbog sei ja erst im 19. Jahrhundert märkisch geworden, im Gegensatz zu Kloster Zinna.

Eine der ältesten Städte Brandenburgs

Norbert Jannek steht für seine Stadt, eine der ältesten Brandenburgs, historisch vom Mittelalter über die Reformation mit Luther-Gegenspieler Johann Tetzel bis zum Beginn des Siebenjährigen Krieges, als Friedrich der Große hier 1756 einmarschierte, bedeutend. Dennoch weiß Norbert Jannek von ihren Problemen heute, schönt sie nicht. Seit 1990 ist die Einwohnerzahl von 16.000 auf 10.000 Einwohner gesunken. Häuser stehen zum Verkauf, „Arbeitsplätze müssen her“, sagt Norbert Jannek. Junge Menschen begegnen einem eher selten. „Die, die hier sind, fahren jeden Morgen nach Berlin zum Arbeiten“, sagt Dimitrios Hrissafis, 24 und Inhaber der Tetzelstuben am Dammtor. Warum er selbst sich entschieden habe, zu bleiben, ein Restaurant zu übernehmen? „Weil ich das Alte hier mag – wo gibt es denn noch eine so schöne Altstadt?“, sagt Dimitrios Hrissafis.

Günter Riebe scheint von all dem wenig beeindruckt. Geduldig warten er und seine Pferde an jeder Station, die die Stadtrundfahrt bietet. Normalerweise bietet er auch selbst Touren an – heute lässt er Norbert Jannek übernehmen. Der am Ende in die Kleine Försterei von Jüterbog führt, einem Café und Weinkontor am Markt. „Die gehört übrigens auch Herrn Frankfurth“, sagt Norbert Jannek.Roland Frankfurth hat neben dem Romantik Hotel-Aufbau und Betrieb in der Alten Försterei noch das Hotel Klosterhof in Zinna und die Kleine Försterei in Jüterbog übernommen. „Ich war schon immer Jäger und Sammler“, sagt Roland Frankfurth, nachdem Günter Riebe zurück nach Kloster Zinna kutschiert hat.

Als die Verträge für die ehemalige Försterei unterschrieben waren, hat Roland Frankfurth zunächst provisorisch, bis alle Kredite bewilligt waren, eine Gastronomie in den ehemaligen Wohnräumen der Alten Försterei eröffnet. Hat mit seinem damaligen Lebenspartner gemeinsam die „Kutscherstube“ betrieben, er hat in der Küche gestanden, „der Achim“ am Herd. Im Ort habe er „offene Türen gehabt“, sagt er. Die Menschen seien größtenteils sehr freundlich gewesen. Auch, wenn sie anfangs nicht verstanden hätten, warum er hier keinen modernen Bau schaffe. „Machen Sie doch einen Bungalow“, habe Frau Paul ihm geraten, erzählt Roland Frankfurth, Bungalow mit „f“. Aber Roland Frankfurth wollte Altes bewahren. Bis zur Eröffnung des Hotels 1994 hatte er einen Großteil der antiken Stücke, die die Alte Försterei ausmachen, bereits eingesammelt.

Dekoration aus dem Sperrmüll geborgen

Den Hirschschaufelstuhl von einem Arzt aus Jüterbog, den Leuchter von englischen Gästen, Seitenrahmenstühle von Nachbarn, den Rest von Flohmärkten, Antiquitätenhändlern, auf dem Sperrmüll besorgt. Alles sorgsam selbst abgebrannt und aufgebeizt. „Ich wollte ein Hotel, was etwas Authentisches hat“, sagt Roland Frankfurth. Das möglichst so aussieht, wie zu Zeiten Friedrichs des Großen. „Hier hat er auch mehrmals geschlafen“, sagt Roland Frankfurth. Stolz zeigt er auf die Porträts, den Stich des Alten Fritz mit seinen Windspielen, die vereint an der Wand gegenüber der Rezeption hängen.

So verzeiht man Roland Frankfurth auch die anderen etwas älteren Modelle und Sitten des Hauses, wie die in die Jahre gekommene Plastikduschwand auf dem Zimmer, die fehlende Moderne auf der Speisekarte von Friedrichs Stuben, den leicht ruppigen Ton seiner Empfangsmitarbeiterin an diesem Wochenende. Perfektion, ein durchgestyltes Hotel – das ist hier alt. Antike Stücke, Zeugnisse der Zeit aufzubereiten und das Haus möglichst so zu zeigen, wie es einst war, mit allen Ecken und Kanten – das war hier der neue Gedanke. In der Alten Försterei in Kloster Zinna setzt Roland Frankfurth ihn charmant konsequent um. Und bleibt dabei immer: Konsequent charmant.

Diese Reise erfolgte auf Einladung des Romantik Hotels Alte Försterei, König-Friedrich-Platz 1, 14193 Jüterbog OT Kloster Zinna, Tel. 03 372 / 46 50, www.alte-foersterei.com. Mit Unterstützung von Pegasus Kutschfahrten, Inhaber Günter Riebe, Tel. 033 72 / 40 09 43, www.pegasus-kutschfahrten.de