Kleine Fluchten

Auf nach Posen – Polens unterschätzte Szene-Stadt

Auf Entdeckungstour in einer Stadt, die mit ihren Gründerzeit- und Jugendstilvierteln an Berlin erinnert – und mit Design überrascht. So bietet das Hotel „Blow Up Hall 50 50“ Kultur in alten Mauern.

Posen war vor einiger Zeit kurz in den Schlagzeilen, als herauskam, dass Angela Merkel einen polnischen Großvater hat, Ludwig Kazmierczak, der aus eben dieser Stadt stammt.

Die Nachricht von den polnischen Wurzeln der deutschen Bundeskanzlerin wurde in Polen mit Begeisterung aufgenommen, polnische Medien gruben sogar einen entfernten Verwandten der Kanzlerin aus, den Pensionär Zygmunt Rychlicki, der Opa Kazmierczak noch persönlich kannte.

Dass er mit der deutschen Regierungschefin verwandt ist, wusste Rychlicki bis vor kurzem selbst nicht, getroffen hat er sie noch nie, sagt er. Mit einem Besuch der Kanzlerin rechnen er und seine Frau nicht: „Wir sind bescheidene Rentner und wohnen im dritten Stock eines Plattenbaus.“

Sollte es Angela Merkel doch einmal nach Posen ziehen und sollte sie nicht bei der polnischen Verwandtschaft absteigen wollen, hätten wir einen Vorschlag: das 2007 am Rande der Altstadt eröffnete Hotel mit dem etwas komplizierten Namen „Blow Up Hall 50 50“.

Es ist Teil des „Stary Browar“-Komplexes, einer europaweit einzigartigen Mischung aus niveauvoller Einkaufsmeile und anspruchsvoller Kunstgalerie, die allein schon eine Kurzreise wert ist und die es mit sämtlichen Berliner Shopping Malls locker aufnehmen kann.

Eine Brauerei als Kulturzentrum

„Stary Browar“ nimmt das Gelände der 1876 gegründeten Hugger-Brauerei und eines angrenzenden preußischen Forts ein. Bis in die 80er-Jahre wurde hier noch Bier gebraut, danach lag das Gelände brach.

Ende der 90er-Jahre begannen dann aufwendige Arbeiten, die alten Backstein-Gebäude wurden minutiös restauriert und um einen passenden Neubau ergänzt, 2003 wurde Eröffnung gefeiert.

Heute gibt es auf sechs Etagen über 200 gut sortierte Geschäfte (von Delikatessen bis Mode) und gehobene Restaurants (von italienischer Küche bis Sushi-Bar), dazu Bars, Cafés, ein Theater, eine Konzerthalle und Flanierpromenaden, dazwischen eine beeindruckende Sammlung moderner Kunst aus Bildern, Skulpturen und Installationen.

Das Publikum ist elegant und großstädtisch, „Stary Browar“ hat bereits mehrere internationale Designpreise gewonnen und zieht monatlich mehr als eine Million Besucher an, darunter erstaunlich viele Spanier und Briten.

Hier kann man mühelos Stunden, wenn nicht ein komplettes Wochenende verbringen, ohne sich zu langweilen, zumal die Geschäfte auch am Sonntag geöffnet sind.

Kultfilm gab den Namen

Ein Teil dieses durchaus spektakulären Gebäudekomplexes ist besagtes Hotel, dessen Name zurückgeht auf den britisch-italienischen Kultfilm „Blow up“ von 1966. Ausgesucht hat ihn Grazyna Kulczyk, die Grande Dame der polnischen Kunstszene und Initiatorin des „Stary Browar“-Projekts, das Kunst und Kommerz bewusst und erfolgreich miteinander verknüpft.

„Das Hotel ist mein Baby“, sagt die gebürtige Posenerin, „ich habe viel Herzblut hineingesteckt, um ein luxuriöses, großzügiges Haus zu schaffen mit einmaligem Interieur, persönlichem Service und der Möglichkeit für die Hotelgäste, Kunst zu erleben.“

Das ist ihr vortrefflich gelungen. Das „Blow Up Hall“ mit gerade mal 22 Zimmern ist eine grandiose Mischung aus Boutiquehotel, Kunstinstallation und High Tech, die selbst Bundeskanzlerinnen beeindrucken dürfte.

Eine Rezeption gibt es nicht, man betritt ein lichtes Atrium, ist umgeben von Backsteinwänden, einer großen Freitreppe hinauf zur Bar (im alten Mälzerturm, gute Wodka-Auswahl!) und großartiger moderner Kunst, geschaffen etwa von der italienischen Performance-Künstlerin Vanessa Beecroft oder vom amerikanischen Starfotografen Spencer Tunick.

„Ich versuche, mich so weit es geht in den Hotelalltag einzubringen“, sagt Grazyna Kulczyk weiter, „so kann ich meine Vision, Kunst, Kultur und Business miteinander zu verbinden, mit Leben erfüllen.“

iPhone statt Zimmerschlüssel

Was sie darunter versteht, zeigen die Zimmer: Die sind nicht nummeriert, Türschlüssel haben sie auch nicht. Stattdessen bekommt jeder Gast beim Check-in in der Lounge ein iPhone in die Hand gedrückt, das er während seines Aufenthalts benutzen kann – als virtuellen Concierge oder auch für Stadttouren durch Posen.

Mit dem iPhone geht er dann durch den abgedunkelten Flur (wir sind schließlich in einem von Künstlern gestalteten Domizil) seiner Hoteletage. Wie von Geisterhand angeknipst leuchtet ein Bildschirm neben der Tür auf, der den Gast willkommen heißt, danach öffnet sich automatisch die Tür.

Und schon steht man in seinem Zimmer, einem Gesamtkunstwerk aus Glaswänden, schlichten, hellen Designmöbeln, schwarzem Marmorbad, modernen Designerlampen und einem High-Tech-Fernseher von Bang & Olufsen, der mehr als 1000 Programme bietet; selbst mit einem sudanesischen TV-Kanal kann man sich die Zeit vertreiben.

Ein Ambiente, das man in Polen nicht unbedingt erwartet – aber nur weil das Land in Deutschland traditionell unterschätzt wird, heißt es nicht, dass es Avantgarde dort nicht gibt.

Preußen kamen als Eroberer

Fortschrittlich ist man in Posen auch im Umgang mit der eigenen Geschichte, schließlich war die Stadt von 1793 bis 1918 Teil Preußens, deutsche Architektur ist überall sichtbar.

Es ist zwar ein heikles Erbe, denn die Preußen kamen nicht als Gäste, sondern als Eroberer, doch es wird im heutigen Poznan nicht negiert und auch nicht abgerissen, sondern als Teil der Stadtgeschichte bewahrt und integriert. Zur Erinnerung: Preußen hatte sich Posen, trotz polnischer Bevölkerungsmehrheit, 1793 im Zuge der zweiten polnischen Teilung einverleibt.

Im 19. Jahrhundert und erst recht im Zweiten Weltkrieg, als Posen deutsch besetzt war, versuchten die Deutschen dann, Stadt und Umland zu germanisieren, sie unterdrückten die polnische Kultur und Sprache massiv.

Ganze Gründerzeit- und Jugendstil-Stadtviertel wurden damals hochgezogen, die bis heute existieren und eins zu eins in Berlin stehen könnten; zum Flanieren sind sie ideal.

Deutsches Theater, deutsche Oper

Posen erhielt ein deutsches Theater, eine deutsche Bibliothek, eine deutsche Oper, ein Bismarck-Denkmal, besagte Hugger-Brauerei (in der heute „Stary Browar“ residiert) und das letzte Kaiserschloss, das in Europa gebaut wurde – die 1910 für Wilhelm II. fertiggestellte Residenz errichtete Franz Schwechten, der Architekt der Berliner Gedächtniskirche.

Wilhelm war ganze drei Mal in seiner Trutzburg, dann dankte er ab. Nach der Besetzung Polens durch Nazi-Deutschland 1939 wurde der 600-Zimmer-Klotz dann von Albert Speer massiv umgebaut, dem Hofarchitekten Adolf Hitlers. Letzterer weilte allerdings nie an seinem Posener Zweitwohnsitz.

In Posen überlegte man nach dem Krieg zunächst, das deutsche Schloss abzureißen, doch man entschied sich, es als Behördensitz zu erhalten. Vor ein paar Jahren wurde der Sandsteinbau dann komplett saniert und zum Kulturzentrum ausgebaut.

Im Entree zeigt eine interessante Fotoausstellung heute Schlossansichten aus deutscher Zeit, im Keller erinnert ein kleines Museum an den antikommunistischen Posener Aufstand von 1956, ansonsten finden diverse Veranstaltungen und Ausstellungen statt.

Und im Obergeschoss hat ein cooles Café namens „Swietlica“ eröffnet, wo man hervorragenden Espresso und gute Toasts bekommt und – ganz wie im Hotel „Blow Up Hall“ – auf minimalistisches Design setzt als bewussten Kontrast, als symbolhafte Auflockerung des klotzigen historischen Erbes.

Überall Avantgarde

Auch das ein gutes Beispiel für die avantgardistische Denke, die heute in Posen herrscht und noch anderswo in der Stadt anzutreffen ist: Etwa im „Spot“, einer Mischung aus Restaurant, Weinladen, Spa und Boutique (die die Mode einiger interessanter, in Deutschland unbekannter polnische Modedesigner im Programm hat), untergebracht in einem alten Kraftwerk aus dem 19. Jahrhundert im Stadtteil Wilda.

Oder im „KontenerART“, einem Beachclub aus Containern, der seit einigen Jahren stets im Sommer am Ufer der Warthe seine Pforten öffnet und ein gut gelauntes, künstlerisch interessiertes Publikum anlockt.

Es gibt also, für geschichtlich wie für kulturell Interessierte, eine Reihe von Gründen, nach Posen zu fahren, das mit knapp 600.000 Einwohnern eine veritable Großstadt ist – und einer der lebendigsten Orte in ganz Polen.

Wir empfehlen übrigens die Anreise mit der Bahn: Der nagelneue Hauptbahnhof (Eröffnung im Herbst 2013) sieht mit seiner futuristischen Glasfassade aus wie von einem anderen Stern. Würde Angela Merkels Posener Großvater noch leben und seine alte Heimat besuchen, er käme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Polnischen Fremdenverkehrsamt. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit