Kleine Fluchten

Ein plattdeutsches Bullerbü in Mecklenburg-Vorpommern

Auf Middenmank in Mecklenburg-Vorpommern schlafen Feriengäste Wand an Wand mit Schafen – überraschend stylish.

Genüsslich mampft Anna, während Frieda döst. Zu unterscheiden sind die beiden gut. Anna hat eine blonde Strähne, Frieda nicht. Zwischen Kochlöffel, Quirl und Kaffeemaschine tauchen die Köpfe der beiden Schafe auf. Das verglaste „Kiekfenster“ über der Küchenzeile in der Ferienwohnung „Däl“ lässt direkt in ihren Stall blicken.

„Das ist unser Konzept“, sagt André Schuldt, von allen kurz Andy genannt,. Zusammen mit seiner Frau Britta Paarmann betreibt er den Ferienhof Middenmank. „Wir wollen ein Gefühl von früher vermitteln. Einst war der Stall im Haus, und die Tiere spendeten den Menschen Wärme.“ Diese Art von Heizung braucht heute niemand mehr, dafür gibt es Fernwärme. Aber die Sehnsucht nach dem molligen Gefühl von damals ist geblieben. Daher haben André und Britta den Stall ins Bauernhaus geholt, in dem sechs Ferienwohnungen liegen, von einigen kann man zu Anna und Frieda rüberkieken.

Über eine Leiter klettern Kinder zu ihnen auf die Weide. Die beiden Wolltiere liegen inzwischen gemütlich im Schatten. Hausherr Andy mistet den Stall aus, hält inne und verteilt Schafsleckerlis an die Kinder: „Immer aus der flachen Hand fressen lassen!“ Die Tiere futtern alles auf und verlangen Nachschub. Fix zupfen die Kinder frisches Gras. Auch Heu dürfen sie vom Ballen in die Futterkrippe im Stall füllen. Mit Vorsicht: Anna und Frieda schießen mit Karacho nach drinnen, wenn sie neues Futter wittern. Meist sind die Schafe jedoch draußen.

Middenmank ist ein Abenteuerspielplatz

Unser Nachwuchs auch. Mit einem Spielkameraden aus Köln und Schubkarre und Schaufeln erobert er den Sandkasten. Andere, etwas ältere Kinder, versuchen ihr Angelglück im kleinen Kanal, der am Grundstück entlangfließt. Middenmank ist ein Abenteuerspielplatz. Und mittendrin.

„Das bedeutet das plattdeutsche Wort Middenmank auch“, erklärt der 42-jährige Hofbesitzer. Und genau dort liegt der Ferienhof: zwischen Elbe und Ludwigslust, rund 50 Kilometer entfernt von Schwerin, inmitten von Wiesen und Wäldern – in Glaisin, einem der hübschesten Dörfer Mecklenburg-Vorpommerns. Der 350-Seelen-Ort versteckt sich auf halber Strecke zwischen Hamburg und Berlin. Er ist eines dieser Bauerndörfer, in dem es noch stimmt, wenn man sagt: Urlaub auf dem Land. Allerdings mit schickem Design und angenehmem Komfort. Sogar eine hofeigene Sauna gibt es in Middenmank.

So kommt das, wenn ein Fachmann wie André am Werk ist. Er ist gelernter Maurer, hat nach der Lehre ein Architekturstudium in Wismar drangehängt und war mit dem Herzen doch immer in dieser Gegend, in die er als Kind gezogen war. Und bei Britta, die er seit der Schule kannte und die in Rostock studierte. „Gemeinsam wollten wir wieder in die Heimat zurück.“

Die Gelegenheit ergab sich, als der Hofs verkauft wurde. Ostern 2010 übernahmen Britta und Andy in Arbeitsklamotten die Schlüssel. Doch das Anwesen befand sich in einem furchtbaren Zustand. „Haus und Nebengebäude mussten wir vollständig entkernen, um sie wieder nach historischen Vorgaben zu rekonstruieren“, erklärt Architekt André. Dabei integrierte er behutsam große Glasfronten und andere moderne Elemente in die alte Bausubstanz. Nach anderthalb Jahren wurden in den hellen, geräumigen Zimmern die ersten Gäste empfangen. Im skandinavisch-ländlichen Design harmonieren Nuancen in Weiß, Grau, Dunkelbraun miteinander. Die Möbel mit klaren Linien aus Holz sind selbst gezimmert.

Doppel-Alkoven als Kinderbetten

Die kleinste Unterkunft, „Lütt Stuv“, war einmal ein Stall. In die großzügige Erdgeschosswohnung „Däl“, fuhren früher die Kutschwagen mit Ernteladung. Heute ist das Dielentor verglast. Auf 80 Quadratmeter Urlaubsraum haben hier vier Erwachsene und vier Kinder Platz. Die Kleinen schlafen in Kuschelhöhlen, den Doppel-Alkovenbetten – und schauen durchs größte Kiekfenster des Hofs in den Stall. Auch im ehemaligen „Waschhus“ können seit vergangenem Jahr Gäste urlauben. Das separate Ferienhäuschen hat eine eigene Terrasse im Grünen. Jede der Bleiben ist mit Duschbad samt Fußbodenheizung, moderner Küchenzeile, WLAN und Flachbildfernseher ausgestattet.

Fast unnötig ist er, möchte man sagen. Denn selbst wenn eine Regendusche vom Himmel schwappt, wie jetzt, gibt es genug im Bauernhaus zu sehen. Was ist denn das im Obergeschoss? Ein „Kinnerdörp“ mit lebensgroßer Puppenstube, wo der Nachwuchs Landleben nachspielt: Äpfel pflücken, Wasser aus dem Brunnen pumpen, Eier aus dem Hühnernest holen. Alles ganz nostalgisch wie zu Omas Zeiten.

„Viele Spielsachen haben wir im Internet ersteigert“, sagt Andy. „Manches haben die Dorfbewohner angebracht.“ Wer mag, kann in der Werkstatt des Hofs basteln. Filz, Schafwolle, Malfarben, Holz und Bastelkarton stehen bereit. Schiffchenbauen wird dennoch auf später vertagt. Die Sonne blinzelt wieder hervor, die Kinder stürmen raus und in den Bollerwagen rein.

Fröhlich rumpelt er über die Glaisiner Straßen, hoch zum wunderschönen Oberdorf. Das Kopfsteinpflaster scheint noch das alte zu sein, wo wohl schon Johannes Gillhoff drüberlief, als er seine Kindheit und Jugend im Ort verbrachte. Der Schriftsteller ist Glaisins bekanntester Sohn. Eine Ausstellung im ehemaligen Dorfschulhaus erinnert an ihn.

Eine Wiese zwischen Dreiseithöfen lädt zur Pause ein. Der Große rennt zu ein paar freilaufenden Hühnern, trippelt dann hinter der Bäuerin her und verschwindet hinter einer Tür. Wagemutig klettert er kurz darauf über den Zaun, während er etwas in den Händen bugsiert. Zwei Eier.

Frühstückskiste bis an die Wohnungstür

Herzlich sind die Glaisiner. Das merken wir auch im Hofcafé Holunder. Kaffee und Kuchen gibt es heute leider nicht (geschlossene Gesellschaft), dafür ein Eis auf die Hand, liebevoll verziert mit Erdbeere und Kornblume. Melanie Czoske, die das Hofcafé mit Brittas Schwester Antje Rink betreibt, bringt es uns heraus. Ihre kulinarischen Leckereien probieren wir am nächsten Morgen. Auf Wunsch liefern die jungen Frauen eine Frühstückskiste vor die Wohnungstür in Middenmank. Voll gefüllt ist sie mit Obst, Tomaten und Mozarella, Käse, Wurst, Eiern, Joghurt, Milch, Orangensaft – sogar Kaffeepulver steckt in einem Beutelchen drin. Im Sonnenschein und mit Blick auf die Schafe werden die Köstlichkeiten auf der Terrasse verputzt. Und vergessen die Zeit.

„Guten Morgen“, grüßt jemand im fremden Dialekt. Alois holt uns zur Kutschfahrt ab. Ob wir zum Slawischen Burgwall oder Töpferhof Hohenwoos wollen, fragt der gebürtige Baden-Württemberger. Wir entscheiden uns für die Kleinkind-Tour durch Wald und Flur. Die Kutsche ruckt an. Emil und Paul, die Warmblüter im Gespann, legen los. Vom Himmel strahlt die Sonne, Koppeln ziehen vorbei. Die Allee macht einen Knick, es geht in einen Wirtschaftsweg rein, weiter in den Wald. Zu hören sind nur das sanfte Rauschen der Blätter und Kuhmuhen aus der Ferne.

„Terap“, befiehlt Alois. Wir wackeln auf erdig-sandigem Boden des Kutsch- und Reitwegs zwischen Mecklenburg und Neustadt in Brandenburg. Brav sitzt Colliemischling Trixi mit auf dem Kutschbock. Die Augen der Kinder glänzen, ab und an schielen sie zu Alois Jarkovsky. Der Mann von der Schwäbischen Alb hatte mehrmals in der Gegend Urlaub gemacht, bevor er einen Dreiseithof in Glaisin erwarb. Seine Firma gab er an die Tochter ab und ging vor neuen Jahren mit Frau und Pferden nach Glaisin. „Pferde waren meine Leidenschaft. Ich bin früher Jagd geritten und habe an Springturnieren teilgenommen“, sagt er. Heute veranstaltet der 72-Jährige nur noch Kutschfahrten und genießt die neue Heimat, in der es wie in Bullerbü ist, nur auf Deutsch.

Die Namen der Ortschaften klingen niedlich, Kirch Jesar, Klein Krams oder Strohkirchen. Ihre Häuseransammlungen sind hübsch mit bäuerlichem Charakter. Um die weitläufigen Dorfplätze gruppieren sich mal ein Weiher, mal eine Gaststätte und hin und wieder eine Bushaltestelle. Das nahe gelegene barocke Schloss Ludwigslust und den Park sollten wir uns ansehen, hatte Britta von Middenmank empfohlen. Und die Stadtkirche gegenüber. Wie aus dem Nichts taucht sie am Rande einer schmucklosen Wiese als prächtige Tempelkirche auf. Die vier Evangelisten schweben auf dem Dach und wir auf die Vorhalle zu. Der Blick geht die dorisch-toskanischen Säulen hoch zum dreieckigen Giebel und dem sieben Meter hohen Christusmonogramm. Mitten im Kirchschiff steht der Sarkophag, in dem Friedrich der Fromme liegt, der das Haus 1770 als Schlosskirche erbaute.

Aufregend, diese Tage auf dem Land. Dennoch klettern die Kleinen abends ganz von allein über eine Leiter in ihre gemütlichen Alkovenbetten. Nicht jedoch, ohne vorher Anna und Frieda Gute Nacht zu wünschen.

Die Reise wurde unterstützt vom Ferienhof Middenmank und dem Hofcafé Holunder.

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