Kleine Fluchten

Im grünen Lehrreich des Fürsten von Anhalt-Dessau

In dem ältesten englischen Landschaftsgarten auf dem europäischen Festland können Gäste auch stilecht übernachten.

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz, hier ein Wasserlauf im Luisium,  gilt als landschaftliches Kleinod. Seit November 2000  gehört es zum Unesco-Welterbe. Foto: Waltraud Grubitzsch

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz, hier ein Wasserlauf im Luisium, gilt als landschaftliches Kleinod. Seit November 2000 gehört es zum Unesco-Welterbe. Foto: Waltraud Grubitzsch

Foto: Waltraud Grubitzsch / picture alliance / ZB

Das Nützliche mit dem Schönen verbinden – das war das Credo des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817). Er wollte eine harmonische Verbindung von Mensch, Natur und Landschaft erreichen. Und das ist ihm mit dem Gartenreich Dessau-Wörlitz gelungen. So sehr, dass dieses Gesamtkunstwerk seit November 2000 unter dem Schutz der Unesco steht.

Zur Inspiration unternahm der Fürst mit seinem Freund, dem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff Studienreisen nach Italien, Frankreich, in die Schweiz, nach Holland und England.

Seine unterwegs gewonnenen Erkenntnisse machten Anhalt-Dessau zu einem der modernsten Kleinstaaten Deutschlands – und das 142 Quadratkilometer große Gartenreich, mit dem Fürst Franz den Besucher erfreuen, bessern und belehren wollte, zum ältesten englischen Landschaftsgarten auf dem europäischen Festland.

Heute ist jenem Fürsten ein 72 Kilometer langer Radweg durch die von ihm geschaffene Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt mit sechs Schlössern und sieben Parks gewidmet. Teilweise verläuft der auf der Strecke des Elberadwegs – so wie auf der gut 16 Kilometer langen Etappe zwischen Dessau und Wörlitz, die wir uns vornehmen.

Rundumsicht auf Elbe und Hafen

Wir starten im Park Georgium: 1780 begann Prinz Johann Georg (1748–1811), der jüngere Bruder des regierenden Fürsten Franz, nordwestlich von Dessau mit der Anlage des Gartens im sogenannten Beckerbruch. Noch heute finden sich in dem etwa 100 Hektar großen Wald-, Wiesen- und Teichgelände Ionische Tempel, die Nachbildungen römischer Ruinen und ein Triumphbogen.

Der Georgengarten beherbergt auch einen „Lehrpfad für Tier- und Pflanzenkunde“. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein sehenswerter Zoo, der 1958 rund um ein gewaltiges Mausoleum angelegt wurde, in dem die Herzöge von Anhalt ihre letzte Ruhestätte fanden.

Das Schloss, in dem sich die Anhal­tische Gemäldegalerie befindet, wird momentan restauriert, die Ausstellung ist leider bis auf weiteres geschlossen. Sonderausstellungen gibt es in der Orangerie und im Fremdenhaus. Sichtachsen leiten den Blick durch den Landschaftspark – auch zu unserer Unterkunft, die ebenfalls ein Beitrag für die „Landesverschönerung“ von Fürst Franz ist.

Elbpavillon war Teil des Hochwasserschutzsystems

Der dreistöckige Elbpavillon am Ende des Parks wurde 1792 als Wall-Wachhaus errichtet und war damit Bestandteil des damals ausgebauten Hochwasserschutzsystems an der Elbe. Von seinem Belvedere aus konnten Gefahren abgeschätzt werden, die von einem Hochwasser des nahen Stromes ausgingen. Heute können Gäste die Rundumsicht auf die Elbe, den Leopoldshafen, wo auch Bootsurlauber anlegen können, und das Georgium genießen.

Doch erst einmal radeln wir weiter durch Wald und Wiesen und über die Mulde. Die neuerbaute, überdachte Jagdbrücke macht – was den Fischreichtum der unter ihr hinweg fließenden Mulde betrifft – ihrem Namen alle Ehre.

Dann führt der Fürst-Franz-Radweg rechts vom Elberadweg weg Richtung Schloss und Park Luisium. Auch der klassizistische Landsitz jener Fürstin Luise von Anhalt-Dessau, Gattin von Fürst Franz, wird von einem eleganten englischen Landschaftsgarten umgeben.

Auf der Weiterfahrt vertrauen wir den Wegweisern beziehungsweise halten die Augen nicht genug auf und gelangen durch ein Wohngebiet an eine ziemlich befahrene Straße – ohne Radweg. Noch dazu lauert am sogenannten Schwedenwall ein Krokodil: Am Wegesrand hat die Wörlitzerin Heike Kunath Wurzeln mit etwas Farbe in Fabelwesen verwandelt.

Durch den Sieglitzer Park gelangen wir nach Vockerode. Zwischen all der landschaftlichen Schönheit erhebt sich nahe dem Dörfchen die Ruine des einstigen Braunkohlekraftwerks. 1998 wurde es nach mehr als 60 Jahren Arbeit stillgelegt, „So arbeitet das Kraftwerk Vockerode“ besagt einmittlerweile verwittertes Schild. Wir treten weiter in die Pedale und erreichen die Wörlitzer Anlagen.

Ein Restaurant im alten Speicher

Das gelb-weiße Schloss Wörlitz gilt als frühestes klassizistisches Schlossbauwerk außerhalb Englands und kann bei Führungen auch von innen gebührend bewundert werden. Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff errichtete es zwischen 1769 und 1773 für das jung vermählte Fürstenpaar Franz und Luise. Im Küchengebäude befinden sich ein Restaurant und der Gartenreichladen mit allerlei Souvenirs und Büchern.

Wer nicht nur durch den Park mit seinen zahlreichen Bauwerken vom Gotischen Haus bis zum Floratempel spazieren möchte, unternimmt eine Gondelfahrt zur Insel Stein. Auf dem „Wunderfelsen von Wörlitz“, wie das mit Findlingen verkleidete Bauwerk genannt wird, erhebt sich die Villa Hamilton am Fuß eines Vulkans. Wir könnten uns noch stundenlang aufhalten, doch wir wollen sportlich sein und die Strecke zurückradeln, statt uns bequem in den Zug setzen.

Auch auf dem Rückweg lassen wir den Elbpavillon zunächst noch einmal links liegen, denn wir sind hungrig und so ganz um das Thema Bauhaus kommen wir in Dessau nun doch nicht herum. Direkt am Deich, dort wo die Elbe einen großen Bogen macht, steht das Restaurant Kornspeicher.

Von dem 1730 entstandenen Kornhaus, in dem Getreide gelagert wurde, ist außer dem Namen nichts geblieben. In dem Rundbau mit gläserner Fassade und großer Terrasse fühlen wir uns wie auf einem Schiffsdeck, und das hat der Bauhausarchitekt Carl Fieger 1929 auch so beabsichtigt. Auf der deutsch-englischen Karte findet sich Bodenständiges wie der Dessauer Fischtopf ebenso wie Kreationen à la Erdbeer-Paprika-Gazpacho mit Ziegenkäseeis.

Man setzt auf Mundpropaganda

Gestärkt kehren wir nun endlich zu „unserem“ Elbpavillon zurück. Er gehört zu den Ferienwohnungen an historischen Orten, die die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz vermietet – ohne laut dafür Werbung zu machen. Man setzt auf Mundpropaganda, und die funktioniert bestens. Das Gästebuch ist voll des Lobes über das behutsam sanierte Gebäude, die stilvolle Einrichtung und die absolute Ruhe. Das Erdgeschoss nimmt eine komplett ausgestattete Küche ein. Besonders schön sind der alte Fliesenboden und ein Kamin, Holz für ein Feuer liegt bereit. 25 enge Holzstufen führen in den Wohnraum mit gemütlichen Sofas, Bücherregal und Schreibkabinett. 16 Holzstufen höher liegen Schlaf- und Badezimmer. Und noch einmal 15 Stufen sind es zum Belvedere.

Um Urlaubern ganz im Sinne von Fürst Franz Natur und Kunst näherzubringen, wurde bewusst auf Telefonanschluss, Fernseher und Radio verzichtet. So fühlen wir uns behaglich-nostalgisch, wobei auch einige Merian-Hefte helfen: Manche Exemplare des Reisemagazins stammen aus den 1950er Jahren.

Die Reise wurde unterstützt vom Gartenreich Dessau-Wörlitz.

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