Das Areal am Auswärtigen Amt gehört zu den exklusivsten Wohngebieten Berlins. Unter Friedrich I. siedelten dort die Günstlinge des Hofes. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Viertel zerstört. Jetzt entsteht es neu, ohne Großinvestoren. Die Hausherren sind die Bauherren – ein Modell für Deutschland.

Es ist ein spektakulärer Ausblick auf das Zentrum der Hauptstadt, den Corinna Gliese von der Dachterrasse ihres Wohnhauses aus hat: von der Friedrichswerderschen Kirche über das Kronprinzessinnenpalais und den Fernsehturm bis zum Berliner Dom. Die Investmentberaterin wohnt in der Townhouse-Siedlung neben dem Auswärtigen Amt, die nach dreijähriger Bau- und Planungszeit nun vor der Fertigstellung steht.

Corinna Gliese ist eine Pionierin. Eine, die mit rund vier Dutzend anderen Bürgern einen der ältesten Stadtteile, den Friedrichswerder, neu besiedelt und eine Form des Bauens in die historische Mitte zurückbringt, die es lange nicht mehr gab. Die des privaten Bauherren, der sein Haus selbst nutzt und es nicht einem x-beliebigen Großinvestor überlässt, eine standardisierte Unterkunft zu errichten.

Corinna Gliese hat ihr Haus mit entworfen, saß in vielen stundenlangen Sitzungen neben ihrem Architekten, hat Pläne entworfen und verworfen, hat nachgebessert und zahlreiche Details überarbeitet. Hat Rigipswände wegnehmen lassen, wenn diese sie störten. Und Raumhöhen im Entwurf vergrößern lassen, wenn sie diese als zu niedrig empfand. Das Ergebnis überzeugt. Es ist ein markantes, herrschaftliches Haus geworden. Mit einer massiven Fassade aus grauem Stein und einer hohen, schweren hölzernen Eingangstür.

Modernste Elektronik im Haus ermöglicht es zudem, etwa aus dem Urlaub per Funkbefehl die Raumtemperatur zu steuern. „Ich fühle mich hier wie ein Sonntagskind“, sagt Corinna Gliese. Leben und Arbeiten in einem Haus, das sei am Friedrichswerder nun alles möglich. Zuvor wohnte sie in Kleinmachnow, südlich Berlins. Bereut hat sie den Umzug nicht.

Nicht immer ging die Rechnung für die Bauherren auf

Im Erdgeschoss hat sie ihr Büro, in den Etagen darüber wohnt sie. Es ist ein Wohnmodell, das sich Berlins Senat für das Viertel auch wünschte. Ende 2004 schrieb er das Areal mit 47 um die 220 Quadratmeter großen Parzellen für private Bauherren aus. Damit der Traum vom Wohnen im eigenen Haus im Zentrum der Stadt auch möglich wurde, gab das Land die erschlossenen Grundstücke für rund 950 Euro pro Quadratmeter ab. Inklusive der Kosten für Bau und Grundstück sollten die Häuser mit einer Bruttogeschossfläche von um die 450 Quadratmeter weniger als eine Million Euro kosten. Doch nicht immer ging die Rechnung auf.

Wegen steigender Stahlpreise, Änderungswünschen während des Bauens und Extraausstattungen wie doppelten Treppenhäusern, Fahrstühlen, Schwimmbädern auf dem Dach oder Tiefgaragen-Hubvorrichtungen für mehrere Autos zahlten einige der Townhouse-Besitzer für ihren Traum vom Wohnen mehr als eine Million Euro.

Immer noch weniger als für viele Villen im Südwesten Berlins

Als Elite verstehen sie sich dennoch nicht. „Was man hier zahlt, ist immer noch weniger als viele Villen im Südwesten Berlins kosten“, sagt Stefan Laebe, der wenige Meter von Corinna Gliese entfernt ein Townhouse bezogen hat. Die Lage in Mitte rechtfertige den Preis. „Das ist hier ja fast eine dörfliche Situation“, sagt der Unternehmensberater und schmunzelt. Es ist ein zufriedenes Lachen. Eines, das signalisiert, angekommen zu sein. Laebe wohnte zuvor in Potsdam. Ohne Auto ging da wenig. Nun lässt er es öfter in der Garage stehen und erkundet Berlins Mitte stattdessen mit seinem Fahrrad.

Die Townhouse-Siedlung ist ein Dorf in der Stadt. Eines, das in für Berlin einzigartiger Weise die Vielfalt der Architektur widerspiegelt. Die Häuser sind nur 6,50 Meter breit, und keines ähnelt auch nur annähernd dem Nachbargebäude. Wer den Caroline-von-Humboldt-Weg und die anderen Straßen rund um die Townhouses entlang flaniert, kommt an Häusern mit supermodernen Fassaden vorbei, die an die Neue Sachlichkeit erinnern. Aber auch an solchen mit verschnörkelt-historisierenden Fassaden, die an Townhouses in London, in Amsterdam oder in der New Yorker Upper West Side erinnern.

Touristen und Studenten pilgern durch das Viertel

Berlins Townhouse-Siedlung ist bereits zu einem Dorado für Architekturinteressierte geworden. Obwohl einige der Häuser erst im Frühjahr 2008 fertig werden, pilgern Tag für Tag mit Kameras ausgestattete Touristen und Studenten zu dem Viertel. Offenbar hat es für viele Vorbildcharakter. „Es gibt Anfragen von Städten aus ganz Deutschland“, heißt es aus der Bauverwaltung. Das Berliner Townhouse-Modell könne zur Revitalisierung der Innenstädte beitragen. Oftmals seien diese ja zu reinen Einkaufszonen verkommen und weitgehend dem Handel überlassen. Mit den Townhouses könne man jedoch das Wohnen im Zentrum stärken und auch für Gutverdiener, die auf Individualität Wert legen, wieder attraktiv machen. Ein hehres Ziel, das zumindest in Berlin nicht ausbaubar ist. Denn es gibt keine vergleichbar großen Flächen in Mitte, die noch in Landesbesitz sind und entsprechend „günstig“ parzelliert werden könnten.

Stefan Laebe und seine Nachbarn sind sich ihrer besonderen Lage bewusst. „Das ist schon ein bisschen wie in New York, eine dörfliche Situation mit allen Vorteilen der Großstadt, mit Kultur und großem Panorama.“ Aus seinem Haus blickt Laebe auf das Auswärtige Amt, in dessen Gebäude in den 1940er-Jahren die Reichsbank untergebracht war und zu DDR-Zeiten das Zentralkomitee der SED.

Damit die Townhouses nicht zum Spielball für Investoren werden, hat der Senat vorgesorgt. Zehn Jahre lang dürfen sie nicht verkauft werden. Eine begründete Regelung. Denn an Interessenten fehlt es nicht. Aber viele Bewohner würden auch nicht verkaufen. „Das ist was Einzigartiges“, sagt Laebes Nachbarin Eva Schwab. Sie wohnt mit Sohn Emil auf dem Werder – und fühlt sich dort „extrem wohl“.