Berlin-Mitte

Was das Hackesche Quartier so besonders macht

Vor drei Jahren erstreckte sich südlich des Hackeschen Marktes in Mitte ein verwilderter Parkplatz. Nun steht dort Berlins neuestes Stadtviertel: das Hackesche Quartier – mit hochklassigen Mietern, aber ohne Wohnungen.

Foto: Amin Akhtar

Der Wind weht heftig an diesem Oktobertag, die Bauarbeiter haben Mühe, der stilisierten Litfaßsäule, fünf Meter hoch und in Beton gegossen, die vergoldete Krone aufzusetzen. Doch schließlich ist auch das geschafft. Die Säule sorgt nunmehr dafür, dass der Litfaß-Platz seinem Namen Ehre macht. Und sie ist überdies der letzte Baustein zu einem Stadtquartier, in das erst vor sechs Monaten die ersten Mieter eingezogen sind.

Der Neuling unter den Berliner Vierteln hört auf den Namen "Hackesches Quartier" und gibt damit zu verstehen, woran der Bauherr des Ensembles, die IVG Development GmbH, anknüpfen will: an den quirligen Hackeschen Markt auf der nördlichen Seite des S-Bahn-Viadukts – und nicht an die strukturlose Gebäude-Ansammlung aus DDR-Platte und einigen von Krieg und Abrissbirne verschonten Altbauten, die sich von hier aus bis zum Alexanderplatz erstreckt.

Eine schwierige Lage, aus der die beteiligten Architekten des aus sieben Gebäuden, zwei Stadtplätzen und einer Gasse bestehenden Neubau-Quartiers jedoch das Beste gemacht haben. Anstatt das unmittelbare Nachbargebäude, einen DDR-Wohnhausriegel an der Spandauer Straße, städtebaulich zu ignorieren, haben sie diesem sogar die schönste Seite des Ensembles, den Litfaß-Platz, zugewandt.

Die Häuser, jedes unterschiedlich gestaltet, von modernen Backsteinfassaden bis hin zu einer wabenartigen Konstruktion aus Stahl und Glas (Gesine Weinmiller, Litfaß-Platz 2), eint als zentrales und verbindendes Element, dass im Erdgeschoss Ladengeschäfte, Restaurants und Cafés untergebracht sind. Diese verleihen dem Viertel auch die Urbanität, die dieser Gegend noch vor wenigen Jahren fehlte. Bis vor drei Jahren, als die Bagger anrückten, war dort ein durch Grünwuchs verwilderter Parkplatz, eine Brachlandschaft in bester Mitte-Lage. Die IVG hat das Risiko gewagt, 160 Millionen Euro in eine Gegend zu investieren, die vorher lediglich Autofahrer auf der Suche nach Parkplätzen kannten.

Zwei getrennte Welten

"Die DDR", sagt Architekt Ivan Reimann, "hat uns an dieser Stelle einen Graben hinterlassen, an dem sich zwei Welten den Rücken zukehren." Das Berliner Büro Müller Reimann Architekten hat nicht nur drei der sieben Häuser entworfen, sondern auch die Gesamtkoordination mit den anderen beteiligten Architekten übernommen. Die Architektur der weiteren Gebäude lieferten neben Gesine Weinmiller auch Grüntuch Ernst Architekten, ebenfalls beides erfolgreiche Berliner Büros. Im Gegensatz zum attraktiven, belebten und dichten Quartier am nördlichen Hackeschen Markt mit seiner kleinteiligen Bebauung war der Rückgriff auf alte Strukturen des historischen Stadtgrundrisses im Bereich südlich der Bahntrasse nicht mehr möglich. Es galt, eine Verbindung dieser getrennten Welten herzustellen. "Und das haben wir auch geschafft", sagt Architekt Reimann, der das neue Quartier als versöhnende Symbiose zwischen den noch erhaltenen Quartieren der Vorkriegszeit und der DDR-Bebauung versteht. Dass die Gebäude so schnell von der Öffentlichkeit und ihren Nutzern angenommen worden seien, zeige, dass das Konzept aufgegangen sei.

Das sieht auch Thomas Heilmann so. Der CDU-Politiker, zurzeit als möglicher Senator im Gespräch, hatte als ehemaliger Chef der Werbeagentur Scholz & Friends nicht nur die Entscheidung gefällt, die bis dahin drei Standorte der Agentur in Berlin an einem Platz zu vereinen, sondern er hat auch aktiv Einfluss genommen auf die Gestaltung des neuen Firmensitzes. "Wir hatten eigentlich einen Altbau gesucht, aber keinen gefunden, in dem unsere 420 Berliner Mitarbeiter Platz gehabt hätten", sagt Heilmann. Weil er "keinesfalls einen Neubau von der Stange" wollte, wandte er sich schließlich an den damaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann. Der verwies ihn an die IVG, die das Areal schon vor Längerem gekauft hatte.

Baubeginn 2009

Mit dem Mieter Scholz & Friends, der Gasag, die kurz darauf ebenfalls die feste Zusage gab, ihre Firmenzentrale in das neue Quartier zu verlegen, sowie der Hotelgruppe "Adina", die das geplante Gebäude an der Nordostecke sogar kaufte, konnte 2009 mit dem Bau begonnen werden. Inzwischen ist Heilmann zwar bei der Werbeagentur ausgestiegen, "ein Büro habe ich hier aber immer noch, das möchte ich nicht missen", sagt er. Architektonischer Höhepunkt des gesamten Ensembles ist ohne Zweifel die Firmenzentrale von Scholz & Friends am Litfaß-Platz 1. Das Haus mit den umlaufenden Brüstungsbändern aus schwarzem Glas ist "ausgesprochen elegant geworden", lobt Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD).

Im Gegensatz zu den Büros sind allerdings nicht alle Ladenflächen vermietet. Die Mietpreise liegen hier zwischen 40 und 70 Euro pro Quadratmeter, durchaus angemessen, meint Nicolas Novotny von der Berliner Niederlassung der IVG. Von den Ladengeschäften seien 13 bereits vermietet, fünf sind noch zu haben. "Die Einzelhändler warten einfach ab, bis das Quartier sich im Bewusstsein der Passanten endgültig etabliert hat", sagt Novotny. In wenigen Monaten, ist er überzeugt, wird alles vermietet sein. Gespräche mit Interessenten gebe es.

Eröffnet haben bereits ein Modegeschäft des Labels "Who killed Bambi", eine Apotheke nebst Drogerie sowie ein Teeladen und mehrere Restaurants und Cafés, darunter auch das Garnison Bräu (Litfaß-Platz 2), in dem bayerische Litergläser (6,90 Euro) zu bekommen sind.

Wohnungen fehlen völlig

Einen echten Schönheitsmakel hat das sonst so gelungene Viertel dennoch. Obwohl mitten in der Stadt gelegen, gibt es keine einzige Wohnung. "Der Bebauungsplan sah einen Wohnanteil von 20 Prozent vor", sagt Baustadtrat Gothe. Dieser sei mit dem Bau des Boardinghouses "Adina", das Wohnen auf Zeit bietet, quasi erfüllt worden. "Das ist nicht glücklich, aber formal korrekt, da nach verschiedenen Gerichtsurteilen Boarding-Wohnen eben auch Wohnen ist." Da in der Nachbarschaft große Wohnungsbestände der WBM bestehen, sei der Mangel an Wohnungen verkraftbar, so Stadtrat Gothe.

"Wir haben lange geprüft, ob wir Wohnungen bauen oder nicht", sagt IVG-Mitarbeiter Nicolas Novotny. Weil das Quartier aber von der Straßenbahn, Stadtbahn und Nachtbussen extrem stark angefahren wird und deshalb nicht eben Ruhe ausstrahlt, habe man sich entschieden, keine Wohnungen zu bauen. Die Bewohner des Apartmenthauses "Adina" scheint der Trubel nicht zu stören. Sie seien offenbar deutlich "ausgehfreudiger" als andere Mieter in dem Ensemble, sagt Novotny.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.