Ratgeber Recht

Berliner Testament: Was steht mir zu?

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Notar bei Raue LLP und Experte für Familien- und Erbrecht. Hier beantwortet er Leserfragen

Rechtsanwalt Dr. Max Braeuer

Rechtsanwalt Dr. Max Braeuer

Foto: Amin Akhtar

Leserfrage: Mein Vater hat vor mehr als 30 Jahren wieder geheiratet, eine Frau mit einer Tochter. Es gibt keine gemeinsamen Kinder. Es gibt ein Berliner Testament. Mein Kenntnisstand ist der, dass, wenn mein Vater zuerst stirbt, die zweite Frau Erbin ist. Wenn diese stirbt, dann erbt ihre Tochter und ich einen Pflichtteil. Oder bin ich raus aus dem Erben-Rennen? Sollte die Frau zuerst sterben, dann wäre mein Vater der nächste, und wenn dieser verstirbt, wer ist dann an der Reihe?

Dr. Max Braeuer: Der Begriff Berliner Testament wird viel verwendet. Nicht jedem ist aber klar, was damit eigentlich gemeint ist. Der Begriff kommt im Gesetz auch nicht vor, sondern hat sich im Laufe der Jahre eingebürgert für eine bestimmte Form von Testamenten. Weil das Berliner Testament im Gesetz nicht geregelt ist, gibt es natürlich auch keinen festen Inhalt, den ein solches Testament haben muss. Üblicherweise ist es aber recht einfach.

Es handelt sich immer um ein gemeinschaftliches Testament, das zwei Eheleute gemeinsam aufsetzen. Darin ist zunächst geregelt, dass die Eheleute sich gegenseitig zu Erben einsetzen. Wenn einer von beiden stirbt, dann wird der andere dessen Alleinerbe. Wenn das Testament geschrieben wird, wissen die beiden natürlich noch nicht, wer von ihnen den anderen überleben wird. Das muss auch nicht feststehen. Jedenfalls übernimmt der Überlebende, welcher der Eheleute das auch sei, alleine das Vermögen, das vorher beide gemeinsam hatten.

Damit aus dem gemeinschaftlichen Testament ein Berliner Testament wird, wird auch noch für den zweiten Todesfall eine Regelung getroffen. Wenn der Ehepartner, der zunächst überlebt hat, auch stirbt, so werden eine oder mehrere Personen dessen Erben, die die beiden Eheleute zu ihren Lebzeiten noch gemeinsam ausgesucht und in das Berliner Testament geschrieben haben. Üblicherweise sind das Kinder der Eheleute.

Ein Berliner Testament kann es nicht nur dann geben, wenn die Eheleute gemeinsame Kinder haben. Es ist gerade für einen Fall wie den Ihren sinnvoll, wenn nicht alle vorhandenen Kinder gemeinsame Kinder der Eheleute sind oder sogar keines der vorhandenen Kinder von beiden Eheleuten abstammt, sondern jeweils nur von einem. Die Kinder, die nicht von beiden Eltern abstammen, hätten ohne ein Testament nur beim Tode ihres leiblichen Elternteils ein Erbrecht. Beim Tode des anderen würden sie leer ausgehen. Wenn Ihr Vater also seine Frau im Testament zur Alleinerbin eingesetzt hat, dann hätten Sie beim Tode der Frau überhaupt kein Erbrecht, nicht einmal einen Pflichtteilsanspruch. Genau diese Folge soll das Berliner Testament verhindern. Beide Kinder sollen in jedem Fall einen gleichen Teil erben, unabhängig davon, ob der leibliche Elternteil zuerst oder als zweiter verstirbt.

Um diese Erbfolge sicherzustellen, wird das Berliner Testament bindend, sobald der erste der beiden Eheleute gestorben ist. Der Überlebende kann es nicht mehr ändern. Ihre Stiefmutter kann also nicht mehr Ihre Erbeinsetzung aufheben. Sie können sicher sein, Ihre Stiefmutter eines Tages zu beerben, sofern Sie sie überleben. Allerdings können Sie nicht wissen, was Sie erben werden. Die Frau Ihres Vaters kann mit dem geerbten Vermögen tun was sie will. Sie kann es nach Belieben verbrauchen. Sie kann Nachlassgegenstände ohne Zustimmung der späteren Erben auch verkaufen. Sie unterliegt nur einer einzigen Einschränkung, dass sie nämlich den Nachlass ihres Mannes nicht verschenken darf.

Sie haben die Pflichtteilsansprüche angesprochen. Zwar würden Sie beim Tode Ihrer Stiefmutter keinen Pflichtteilsanspruch haben. Pflichtteilsrechte sind im Zusammenhang mit dem Berliner Testament trotzdem wichtig. Wenn Ihr Vater zuerst versterben sollte, dann hat er Sie durch das Berliner Testament in gewisser Weise enterbt. Sie werden zwar nach dem Tode seiner Witwe erben. Nach dem Tod Ihres Vaters gehen Sie jedoch zunächst leer aus. Bei seinem Tod steht Ihnen deshalb ein Pflichtteilsanspruch zu. Pflichtteilsrechte können niemals durch Testamente ausgeschlossen werden, also auch nicht durch ein Berliner Testament.

Würden Sie den Pflichtteilsanspruch geltend machen, würde das aber zu einer Ungerechtigkeit gegenüber Ihrer Stiefschwester führen. Diese hat beim Tod Ihres Vaters keinen Pflichtteilsanspruch, weil sie mit ihm ja nicht verwandt ist. Beim Tode der Frau werden Sie dann trotzdem noch einmal genauso viel erben wie Ihre Stiefschwester. Das können die Eheleute in ihrem Berliner Testament dadurch verhindern, dass sie eine Ergänzung aufnehmen. Die Kinder erben beim zweiten Todesfall nur dann etwas, wenn sie beim ersten Todesfall ihren Pflichtteilsanspruch nicht geltend gemacht haben. Das ist eine sinnvolle Ergänzung, die aber nicht notwendigerweise zu jedem Berliner Testament gehört. Wer ein solches gemeinschaftliches Testament errichten möchte, sollte deshalb immer auch an die Pflichtteilsansprüche denken und eine geeignete Klausel in das Testament aufnehmen.

Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an familie@morgenpost.de. Ein Rechtsanspruch auf eine Antwort besteht nicht. Eine Haftung ist ausgeschlossen.

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