Ratgeber Recht

Wie kann man den Pflichtteil reduzieren?

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Notar bei Raue LLP und Experte für Familien- und Erbrecht. An dieser Stelle beantwortet er Leserfragen

Rechtsanwalt Max Braeuer

Rechtsanwalt Max Braeuer

Foto: Amin Akhtar

Leserfrage: Mein Mann ist mit mir in zweiter Ehe verheiratet. Seine erste Frau ist verstorben. Ein Testament hatte sie nicht gemacht. Aus der ersten Ehe hat mein Mann eine Tochter und zwei Enkelkinder. Es gab ein gemeinsames Haus. Das ist heute schätzungsweise 800.000 Euro wert. Daneben gibt es Geldvermögen von 200.000 Euro. Mein Mann hat mich in seinem Testament als Alleinerbin eingesetzt und die Tochter enterbt. Wir wollen beide, dass ich weiter in seinem Haus leben kann. Die Tochter hatte von der Mutter 1/4 des Hauses geerbt. Ich möchte ihr dieses Viertel irgendwann für 200.000 Euro abkaufen. Die Tochter wird nach dem Tod meines Mannes ihren Pflichtteil verlangen. Das ist 1/4 der Nettoerbmasse, also nochmal 200.000 Euro (1/4 von ¾ des Hauses = 150.000 + 1/4 vom Geldvermögen = 50.000). Wie kann man den Pflichtteil reduzieren? Wäre es sinnvoller, mein Mann schenkte mir das Geldvermögen jetzt schon, damit pro Jahr davon zehn Prozent schon aus der Erbmasse herausfallen? Sollten Geldgeschenke an Tochter und Enkel genau notiert werden, damit diese schon in die Pflichtteilsberechnung eingehen? Sollte mein Mann mir jetzt schon seine Anteile des Hauses überschreiben, damit die Höhe des Pflichtteils aus dem Wert des Hauses auch über die Jahre schon sinkt? Sollte man der Tochter die Zahlung einer Abfindung für den Verzicht auf ihren Pflichtteil anbieten?

Dr. Max Braeuer: Sie beschreiben den typischen Interessenkonflikt, der entsteht, wenn es in einer Ehe Kinder gibt, die nicht gemeinsame Kinder sind. Sie und die Tochter Ihres Mannes haben vermutlich kein engeres Verhältnis. Zumeist wird das Verhältnis zwischen Witwe und Stieftochter noch distanzierter, wenn der Ehemann und Vater verstorben ist. Ihre Überlegungen sind deshalb sinnvoll. Wenn Sie kein eigenes Vermögen haben, werden Sie den Pflichtteil und den ¼-Hausanteil aber nicht bezahlen können.

Stirbt Ihr Mann, dann erben Sie das Vermögen im Wert von 800.000 Euro (3/4 Hausanteil 600.000 Euro, Barvermögen 200.000 Euro). Den Pflichtteil von 200.000 Euro können Sie mit dem Barvermögen bezahlen. Für den Zukauf des ¼-Anteils der Stieftochter ist kein Geld im Nachlass. Die Stieftochter ist auch nicht verpflichtet zu verkaufen. Ob Sie sich auf einen Kaufpreis von 200.000 Euro einigen können, ist nicht absehbar.

Ihre Ideen, den Pflichtteil zu verringern, werden nicht zum Ziel führen. Wenn Ihr Mann zu Lebzeiten Vermögen verschenkt, wird das Verschenkte bei der Berechnung des Pflichtteils so behandelt, als wäre es im Nachlass noch vorhanden. Für den beschenkten Ehegatten gilt die von Ihnen erwähnte Zehn-Jahresfrist nicht. Das Geschenk wird vielmehr dauerhaft bei der Berechnung des Pflichtteils berücksichtigt. Vermögen zwischen Ihnen und Ihrem Mann zu verlagern, ändert also an der Höhe des zukünftigen Pflichtteils nichts.

Sie haben auch überlegt, Geschenke genau zu dokumentieren. Ihr Mann hat zwar die Möglichkeit, bei Geschenken an seine Tochter anzuordnen, dass diese auf einen zukünftigen Pflichtteilsanspruch angerechnet werden. Das ist dann wie eine vorweggenommene Pflichtteilszahlung. An der Gesamthöhe des Pflichtteils ändert sich dadurch aber nichts.

Mit der Tochter einen Pflichtteilsverzicht gegen Abfindung zu vereinbaren, wäre ein guter Weg. Das geht aber nur, wenn die Tochter mitmacht, und das wiederum hängt von der Höhe der Abfindung ab. Sparen lässt sich also auch damit nichts.

Wenn es Ihnen aber nur darum geht, auf Dauer in dem Haus wohnen zu können, gäbe es noch einen anderen Weg: Ihr Mann könnte für Sie ein Wohnungsrecht bestellen und dieses ins Grundbuch eintragen lassen. Das Wohnungsrecht würde dann zwar nur seinen eigenen Miteigentumsanteil belasten. Es würde Ihnen aber trotzdem das Recht sichern, das Haus zumindest mitzubenutzen. Auch wenn das Haus irgendwann verkauft oder versteigert würde, bliebe das Wohnungsrecht bis zu Ihrem Lebensende bestehen.

Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an familie@morgenpost.de. Ein Rechtsanspruch auf eine Antwort besteht nicht. Eine Haftung ist ausgeschlossen.

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