Ratgeber Recht

Muss ich den Sohn meines Mannes suchen?

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Notar bei Raue LLP und Experte für Familien- und Erbrecht. An dieser Stelle beantwortet er Leserfragen

Rechtsanwalt Max Braeuer

Rechtsanwalt Max Braeuer

Foto: Amin Akhtar

Leserfrage: Im Oktober ist mein Mann verstorben. Wir haben ein gemeinschaftliches Testament. Haben uns gegenseitig als Alleinerben eingesetzt und anschließend unsere fünf gemeinsamen Kinder nach dem Tod des zuletzt Verstorbenen als Erben zu gleichen Teilen. Mein verstorbener Mann hat noch einen Sohn aus erster Ehe, zu dem er seit 1992 keinen Kontakt mehr hatte. Bin ich als Alleinerbe verpflichtet, diesen Sohn zu suchen und ihn vom Ableben seines Vaters zu unterrichten? Außer dem Namen ist mir nichts bekannt.

Dr. Max Braeuer: Sie sind durch das gemeinschaftliche Testament Alleinerbin geworden. Ohne das Testament wären die sechs Kinder Ihres Mannes zusammen mit Ihnen ebenfalls Erben geworden, also die fünf gemeinsamen und der Sohn aus erster Ehe, alle gleichberechtigt. Durch das Testament sind nach dem Tode des Vaters alle sechs Kinder enterbt worden. Sie haben deshalb keine Rechte am Nachlass. Allen enterbten Kindern steht allerdings ein Pflichtteilsanspruch zu. Jedes Kind hat einen Anspruch in Höhe von 1/24 des Vermögens, das Ihr Mann hinterlassen hat.

Dieser Pflichtteilsanspruch fällt den Berechtigen allerdings nicht automatisch zu. Er muss ausdrücklich geltend gemacht werden. Ihre eigenen Kinder werden das vermutlich nicht tun, weil sie den Willen Ihrer gemeinsamen Eltern respektieren und außerdem nach dem Tod der Mutter deren Vermögen vollständig erben werden. Dass der übergangene Sohn aus erster Ehe seinen Pflichtteilsanspruch geltend machen wird, ist allerdings zu erwarten. Er wird bei Ihrem Tode leer ausgehen und hat keinen Grund zur besonderen Rücksichtnahme.

Um den Pflichtteilsanspruch geltend machen zu können, muss der Sohn aus erster Ehe vom Tod seines Vaters allerdings überhaupt erst einmal erfahren und auch davon, dass er enterbt worden ist. Deshalb stellen Sie zurecht die Frage, ob Sie diesen Sohn suchen und ihn informieren müssen. Eine solche Verpflichtung gibt es nicht. Mit dem Pflichtteilsanspruch verhält es sich wie mit jeder anderen Geldforderung. Es ist Sache des Berechtigten, des Gläubigers, sich darum zu kümmern. Das Recht Ihres Stiefsohnes, den Pflichtteil zu verlangen, wird dann aber lange Bestand haben, wenn er nicht informiert wird. Er wird es auch nach vielen Jahren, wenn er von dem Tod seines Vaters erfahren sollte, geltend machen können. Zwar verjährt ein Pflichtteilsanspruch nach drei Jahren. Die Verjährung beginnt aber erst zu laufen, wenn der Pflichtteilsberechtigte von dem Todesfall und seiner Enterbung erfahren hat. Den Pflichtteilsanspruch kann der Sohn unter Umständen auch noch gegenüber den Halbgeschwistern geltend machen, wenn Sie verstorben und Ihre Kinder Erben geworden sein sollten.

Möglicherweise werden Sie sich aber aus einem anderen Grund um den Aufenthalt Ihres Stiefsohnes kümmern müssen. Möglicherweise benötigen Sie einen Erbschein, um Ihre Rechte als Erbin nachweisen zu können. Den Erbschein müssten Sie über einen Notar beim Nachlassgericht beantragen. Das Nachlassgericht wird dann von Ihnen wissen wollen, wer Ihren Mann ohne das Testament beerbt hätte. Dafür müssen Sie dann Angaben über seinen Sohn aus erster Ehe machen und dafür möglicherweise auch Nachforschungen anstellen. Das Nachlassgericht wird ihn dann von Ihrem Erbscheinsantrag unterrichten, bevor der Erbschein ausgestellt wird. Das muss das Gericht tun, auch wenn eigentlich keine Zweifel bestehen, dass das Testament wirksam ist.

Sie müssen allerdings nicht in jedem Fall einen Erbschein beantragen. Um Ihre Rechte als Erbin gegenüber einer Bank geltend zu machen oder um das Grundvermögen Ihres Mannes im Grundbuch umzuschreiben, genügt meistens auch die Vorlage des notariell beurkundeten Testaments. Den Erbschein benötigen Sie nur in komplizierteren Fällen. Sie können darauf verzichten, wenn Sie Ihren Stiefsohn nicht einbinden wollen.

Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an familie@morgenpost.de. Ein Rechtsanspruch auf eine Antwort besteht nicht. Eine Haftung ist ausgeschlossen.

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