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Müssen wir unsere Kinder im Testament gleich behandeln?

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Eltern können frei entscheiden, ob sie in ihrem Testament  ihre Kinder zu gleichen Teilen bedenken wollen

Eltern können frei entscheiden, ob sie in ihrem Testament ihre Kinder zu gleichen Teilen bedenken wollen

Foto: Andrea Warnecke / dpa-tmn

Ein älteres Ehepaar hat zwei Töchter. Seine Wohnung will es jedoch nur einem der Mädchen vererben. Geht das rechtlich überhaupt?

Frage: Das Ehepaar M. aus Buckow besitzt eine Eigentumswohnung, in der sie seit 37 Jahren leben. Die beiden sind nun 75 und 62 Jahre alt und wollen ihren Nachlass regeln: Sie haben zwei erwachsene Töchter, möchten aber, dass nur eine der beiden die Wohnung erbt. Sie fragen sich, ob das überhaupt geht, weil sie davon ausgehen, dass Kinder gleichbehandelt werden müssen. Wäre es in diesem Fall vielleicht sinnvoller, der einen Tochter die Wohnung jetzt schon zu überschreiben?

Erbrechtsexperte Max Braeuer erklärt die Rechtslage: „Wenn die Eheleute M. eine ihrer Töchter bevorzugen wollen, dann ist das im Prinzip ganz einfach: Sie errichten ein Testament, in dem sie nur eine der beiden Töchter als Erben einsetzen und die andere enterben. Wenn sie die Tochter nur bei der Wohnung, nicht aber beim sonstigen Vermögen bevorzugen wollen, dann ist das auch durch Ihr Testament möglich: Sie können anordnen, dass die eine Tochter bei der Teilung des Nachlasses die Wohnung alleine bekommt und nur der Rest zwischen beiden Schwestern hälftig aufgeteilt wird.

Eltern dürfen einzelne Kinder bevorzugen

Die beiden Töchter haben keineswegs automatisch gleiche Rechte. Nur wenn ihre Eltern kein Testament errichten, werden die beiden Töchter zu gleichen Teilen erben. Es ist den Eltern nicht verboten, im Testament eine Tochter zu bevorzugen. Eltern mögen moralisch die Pflicht haben, ihre Kinder gerecht zu behandeln. Das Gesetz verlangt das nicht von ihnen.

Das Gesetz sieht nur einen Mindestanspruch im Todesfalle vor, das Pflichtteilsrecht. Trotzdem bleibt ein Testament, mit dem sie die Wohnung nur einer Tochter zuweisen, wirksam. Das Pflichtteilsrecht der anderen Tochter kann das nicht verhindern. Diese wird jedenfalls nicht Miterbin der Wohnung, sondern hat im Todesfalle allenfalls einen Geldzahlungsanspruch.

Geldzahlungsanspruch bleibt

Der Geldzahlungsanspruch richtet sich nach dem Wert dessen, was der verstorbene Elternteil hinterlassen hat. Beim Tod des ersten Elternteiles ist es ein Achtel davon, beim Tod des zweiten ein Viertel. Auf diese Weise kann die zweite Tochter am Wert der Wohnung beteiligt werden; die Wohnung selbst erhält sie keinesfalls.

Die M.s können die Wohnung jetzt schon ihrer anderen Tochter schenken. Allerdings wird das, was sie verschenkt haben, bei der Berechnung des Pflichtteils für eine gewisse Zeit noch so berücksichtigt, als wäre es nicht verschenkt worden. Wenn Frau M. oder ihr Mann in dem Jahr sterben, in dem sie die Wohnung verschenkt haben, dann wird der Wert der verschenkten Wohnung bei der Berechnung des Pflichtteils noch vollständig hinzugerechnet. Für jedes Jahr, das seit der Schenkung verstrichen ist, verringert sich die Hinzurechnung um ein Zehntel. Wenn beide Eheleute noch zehn Jahre leben, dann fällt die Wohnung völlig aus der Pflichtteilsberechnung heraus.

Eine Schenkung darf nicht beschränkt sein

Allerdings gilt das nur, wenn Sie die Wohnung auch wirklich verschenkt haben. Die bevorzugte Tochter muß unbeschränkte Eigentümerin werden. Wenn Sie sich bei dem Geschenk ein eigenes Wohnrecht vorbehalten oder einen Nießbrauch, dann haben Sie die Wohnung nicht wirklich verschenkt. Dann wird die Wohnung auch weiterhin bei der Berechnung des Pflichtteils berücksichtigt, unabhängig davon, wie viele Jahre Sie das Geschenk überlebt haben.“

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