Erbrecht

Sind Halbgeschwister erblich gleichgestellt?

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In Patchworkfamilien sind nicht alle Kinder erblich gleichgestellt. Es kommt immer auf das Verwandtschaftsverhältnis zu Mutter und Vater an. Dabei kann auch die Erbfolge im Testament wichtig werden.

Der 80-jährige Alfred R. aus Neukölln und seine Ehefrau, 73, haben einen gemeinsamen Sohn. Herr R. hat zudem eine Tochter und einen Sohn mit in die Ehe gebracht. Die Mutter dieser beiden Kinder ist vor seiner jetzigen Ehe verstorben. Mit seiner zweiten Ehefrau hat er ein Berliner Testament verfasst, in dem sie verfügt haben, dass der gemeinsame Sohn das kleine Haus, in dem die Eheleute wohnen, erben soll. Das übrige Vermögen sollen alle drei Kinder zu gleichen Teilen bekommen. Der gemeinsame Sohn würde das Haus also zusätzlich erben. Alfred R. hat gehört, dass leibliche Kinder den Halbgeschwistern erblich gleichgestellt sein sollen und fragt, ob er dennoch so verfahren kann, wie beschrieben. Er möchte weiterhin wissen, ob es bei diesem Vorhaben egal ist, welcher der Ehepartner zuerst stirbt.

Wie die Erbfolge bei Halbgeschwistern geregelt ist, erklärt der Erbrechtsexperte Max Braeuer: „Wenn Alfred R. davon gehört hat, dass Halbgeschwister mit leiblichen Kindern gleichgestellt sein sollen, dann verwechselt er das möglicherweise mit der Gleichstellung von nichtehelichen Kindern, die erbrechtlich die gleiche Stellung haben wie eheliche Kinder.

Bei Halbgeschwistern kann es diese Gleichstellung nicht geben. Die Erbansprüche, die ein Kind hat, sind im Verhältnis zu jedem der beiden Elternteile getrennt zu beurteilen. Halbgeschwister haben nur einen Elternteil gemeinsam und als anderen Elternteil jeweils verschiedene Personen. Deshalb sind die drei Kinder im Falle des Todes von Herrn R. gleichberechtigt. Die beiden älteren Kinder sind mit seiner jetzigen Frau jedoch überhaupt nicht verwandt und erben deshalb von ihr auch nichts.

Testament geht dem gesetzlichem Erbrecht vor

Das Ehepaar R. hat ohne weiteres die Möglichkeit, in dem Berliner Testament den gemeinsamen Sohn zu bevorzugen. Wenn es ihm das Haus vermacht, dann ist das jedenfalls auch wirksam. Die Regelungen in einem Testament gehen immer dem gesetzlichen Erbrecht vor.

Wenn allerdings das Haus sehr viel mehr wert ist als das übrige Vermögen, dann kann es sein, dass die zwei übergangenen Kinder zusätzlich zu ihrem Erbteil noch einen Pflichtteilsanspruch haben. Der begünstigte gemeinsame Sohn müsste dann an seine Halbgeschwister noch einen gewissen Ausgleich zahlen. Das Haus, das ihm seine Eltern vermachen wollen, kann ihm dadurch aber nicht genommen werden.

Im Verhältnis zu den beiden älteren Kindern macht es einen erheblichen Unterschied, welcher der Eheleute zuerst stirbt. Stirbt Herr R. zuerst, dann kann er nur die Hälfte des ehelichen Vermögens vererben, weil die andere Hälfte ja seiner Frau gehört. Pflichtteilsansprüche der beiden älteren Kinder berechnen sich deshalb nur nach dem halben Vermögen.

Erbfolge unterschiedlich regeln

Sollte Herr R. nach seiner Frau sterben, dann hat er vorher von seiner Frau geerbt und hinterlässt somit das gesamte eheliche Vermögen. Der Pflichtteilsanspruch seiner beiden älteren Kinder ist dann vermutlich höher. Wenn er das verhindern will, dann muss sein Testament etwas komplizierter werden als ein einfaches Berliner Testament.

Die Erbfolge muss unterschiedlich geregelt werden, je nachdem, wer der beiden zuerst stirbt. Für den Fall, dass die Ehefrau zuerst stirbt, sollte er nur Vorerbe werden und der gemeinsame Sohn als Nacherbe eingesetzt werden. Durch eine solche Regelung ist sichergestellt, dass die beiden älteren Kinder einen Pflichtteilsanspruch jedenfalls nur nach der Hälfte des ehelichen Vermögens haben, gleichgültig, ob zuerst Herr R. stirbt oder seine Frau.“

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