Ratgeber Erbrecht

Darf ich über meine Vorerbschaft völlig frei verfügen?

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Ein Vorerbe kann den Willen des Erblassers nicht ignorieren. Er darf jedoch unter bestimmten Voraussetzungen das Vermögen verzehren.

ERBRECHT – Die Ehefrau von Manfred Sch. aus Zehlendorf hinterließ bei ihrem Tod vor vielen Jahren ein Testament, in dem sie ihn als alleinigen Erben einsetzte. Er sollte jedoch nur Vorerbe sein. Sie befreite ihn gleichzeitig von allen gesetzlichen Beschränkungen und Verpflichtungen, soweit dies gesetzlich zulässig ist. Zu Nacherben setzte Frau Sch. A, B und C ein. Nun möchte Manfred Sch. seiner jetzigen Ehefrau eine Immobilie kaufen und fragt, ob er denn über sein Erbe frei verfügen kann. Und darf das Erbe auch irgendwann aufgebraucht sein?

Erbrechtsexperte Max Braeuer erklärt den Fall: „Wer etwas vererbt, kann normalerweise für die Zeit nach seinem Tode keinen Einfluss darauf nehmen, was mit seiner Hinterlassenschaft geschieht. So ist es, wenn gar kein Testament gemacht wurde oder wenn eine Person einfach als Erbe eingesetzt wurde. Der Erbe übernimmt alles, was ihm hinterlassen wurde, alle Gegenstände und Schulden, alle Rechte und Pflichten. Er kann damit machen was er will. Etwas anderes gilt nur in Fällen, bei denen das Gesetz das ausdrücklich anordnet.

An Regelungen im Testament gebunden

Ein typischer Fall, in dem der Erblasser über seinen Tod hinaus Einfluss nimmt, ist ein gemeinschaftliches Testament, das zwei Eheleute miteinander errichten. Wenn einer gestorben ist, kann der andere nicht mehr frei entscheiden, wer sein Erbe wird. Er ist an die Regelungen im gemeinschaftlichen Testament gebunden. Etwas Ähnliches gilt, wenn, wie in diesem Fall, eine Nacherbschaft angeordnet ist.

Jeder kann in seinem Testament einen Nacherben bestimmen. Deshalb hat Herr Sch. seine Frau alleine beerbt. Er kann aber nicht selbst bestimmen, wer nach seinem Tode das erbt, was er von seiner Frau übernommen hat. Dieser Teil seines Nachlasses fällt automatisch an die Nacherben, die Frau Sch. in ihrem Testament bestimmt hatte. Über sein eigenes Vermögen, das nicht aus dem Nachlass seiner Frau stammt, kann er frei verfügen, jetzt und auch durch Testament.

Treuhänder für das Vermögen

Wer Vorerbe ist, ist wirtschaftlich nur so etwas wie ein Treuhänder. Er darf das Vermögen benutzen, muss es aber bewahren für die Nacherben, die das Vermögen nach seinem Tod übernehmen werden.

Wieweit der Vorerbe die Interessen der Nacherben zu beachten hat, hängt von der Anordnung im Testament ab. Frau Sch. hat ihren Mann, soweit das gesetzlich möglich ist, von allen Beschränkungen befreit. Er ist deshalb gegenüber den Nacherben nicht rechenschaftspflichtig und kann zu Lebzeiten mit dem ererbten Vermögen tun, was er möchte.

Wenn er Geld oder Wertpapiere geerbt hat, dann stehen ihm nicht nur die Zinsen zu, er hat auch das Recht, das Geld für seine eigenen Zwecke zu nutzen. Wenn es am Ende seines Lebens verbraucht ist, dann bleibt für die Nacherben eben nichts mehr übrig.

Große Geschenke nicht zulässig

Nicht zulässig ist es aber, dass der Vorerbe damit seiner jetzigen Frau ein großes Geschenk macht. Kauft er ein Haus, das auf den Namen der jetzigen Frau im Grundbuch eingetragen wird, dann überschreitet er die Rechte, die er als Vorerbe hat. Er darf die Vorerbschaft nicht verschenken. Die Nacherben, also A, B und C, könnten nach seinem Tod das Grundstück von der zweiten Frau zurückverlangen. Das Vermögen verschenken darf der Vorerbe in keinem Falle, auch wenn er sonst durch das Testament von Beschränkungen befreit ist. Allerdings können die Nacherben zustimmen. Mit der Erlaubnis von A, B und C kann er das Vermögen auch verschenken.“

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