In den vergangenen Jahren ist der Bitcoin-Kurs rasant gestiegen und hat zeitweise die Marke von 120.000 US-Dollar überschritten. Seit Jahresbeginn hat die Kryptowährung allerdings rund 24 Prozent an Wert verloren, der aktuelle Kurs liegt damit deutlich unter dem Höchststand. Trotzdem gehen Bitcoin-Prognosen weiterhin von Potenzial nach oben aus.

Anlage-Experte Jonas Krettek sieht das jedoch kritisch. Im Interview erklärt der Investmentstratege der Apobank, aus welchen Gründen er Bitcoin nicht für eine geeignete Geldanlage hält und wie er die Zukunft der Kryptowährung einschätzt. Er verrät außerdem, worauf Anleger stattdessen setzen sollten und welche Rolle neben Gold für den langfristigen Vermögensaufbau im Portfolio spielt.

>> Dazu spannend: Eine Bitcoin-Prognose für 2030 und 2050 finden Sie in einem separaten Artikel. Sie wollen Bitcoin kaufen? Wir erklären, was bei Trade Republic und Scalable Capital zu beachten ist. <<

Bitcoin: Kann die Kryptowährung wertlos werden? „Fairer Wert nicht seriös benennbar“

Der Bitcoin schwankt nach seinem Höhenflug stark. Woran liegt das?

Jonas Krettek: Da es keinen klaren Maßstab für den Wert von Bitcoin gibt, hängt der Preis von den Erwartungen und der Stimmung am Markt ab. Deshalb schwankt der Kurs so stark. Bei Bitcoin – und auch bei anderen Kryptowährungen – gibt es keine Cashflows, also keine laufenden Einnahmen wie Zinsen oder Dividenden, die man bepreisen kann. Hinzu kommt, dass hinter Bitcoin kein Unternehmen steht, das Gewinne erwirtschaftet oder reale Güter produziert. Es gibt also keinen klassischen wirtschaftlichen Bezugspunkt und auch keinen intrinsischen Nutzen.

Was bedeutet das für Privatanleger?

Jonas Krettek: Für Privatanleger erfüllen Kryptowährungen keine wichtige wirtschaftliche Funktion. Die Nachfrage nach Bitcoin ist rein spekulativ – in der Hoffnung, dass ein anderer Marktteilnehmer später einen höheren Preis zahlt. Der Preis entsteht ausschließlich durch Angebot und Nachfrage. Deshalb kann Ihnen niemand seriös sagen, ob der faire Wert von Bitcoin bei 100.000 Euro liegt oder bei einem Euro.

Befürworter argumentieren, dass Bitcoin gerade durch seine Funktion als digitales Zahlungsmittel oder Wertspeicher einen Nutzen habe.

Jonas Krettek: Geld erfüllt drei Aufgaben: Man kann damit bezahlen, seinen Wert über längere Zeit speichern und Preise darin angeben. Diese Funktionen erfüllt Bitcoin nur eingeschränkt. Selbst in El Salvador, wo Bitcoin 2021 als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt wurde, werden nur rund fünf Prozent der Transaktionen tatsächlich damit abgewickelt. Zudem verhindert die hohe Volatilität, dass Bitcoin zuverlässig als Wertaufbewahrungsmittel funktioniert.

Jonas Krettek
Jonas Krettek arbeitet als Investmentstratege bei der Apobank und beschäftigt sich mit Anlagestrategien. © Deutsche Apotheker- und Ärztebank (apoBank)

Kryptowährungen wie Ethereum & Co.: Profi erkennt „zukunftsweisende Entwicklung“

Wie ist es bei Kryptowährungen mit konkreten Anwendungen?

Jonas Krettek: Seit der Einführung von Bitcoin im Jahr 2008 sind Tausende Kryptowährungen und Tokens entstanden. Wenn Interesse und Nachfrage nachlassen, verlieren viele Projekte schnell an Bedeutung. Gerade kleinere Kryptowährungen werden nach einer gewissen Zeit häufig illiquide. Bei größeren Kryptowährungen wie Ethereum gibt es durchaus interessante Ansätze, etwa Smart Contracts auf der Blockchain. Das sind digitale Verträge, die automatisch ausgeführt werden, sobald bestimmte Bedingungen erfüllt sind – zum Beispiel eine Zahlung oder eine Lieferung.

Das ist technologisch spannend und sicherlich eine zukunftsweisende Entwicklung. Trotzdem würde ich auch hier aus Sicht der Geldanlage sehr vorsichtig sein. Diese Kryptowährungen unterliegen ebenfalls starken Kursschwankungen und korrelieren oft stark mit Bitcoin, der als größte Kryptowährung eine Art Zugpferd des Marktes ist.

Über den Experten:

Jonas Krettek studierte Betriebswirtschaftslehre an der Heinrich Heine-Universität in Düsseldorf. Anschließend promovierte er dort zum Dr. rer. pol. Parallel zur Promotion war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Finanzdienstleistungen tätig. Seit November 2025 arbeitet er als Investmentstratege bei der Apobank.

Könnte eine große Kryptowährung wie der Bitcoin theoretisch auch ihren kompletten Wert verlieren?

Jonas Krettek: Bitcoin ist die bekannteste und gemessen an der Marktkapitalisierung auch die größte Kryptowährung. Deshalb ist es eher unwahrscheinlich, dass er von einem Tag auf den anderen verschwindet. Ein Totalverlust ist theoretisch aber möglich – zum Beispiel, wenn aufgrund eines Vertrauensverlusts niemand mehr den Bitcoin nutzen möchte.

Bitcoin-ETFs: Neue Anlageformen beeinflussen Krypto-Investitionen

Krypto-Anleger argumentieren, dass Bitcoin durch die Begrenzung auf 21 Millionen Einheiten ein begrenztes Gut sei. Könnte das den Wert stabilisieren?

Jonas Krettek: Aus ökonomischer Sicht sprechen zwei Gründe dagegen. Erstens ist die Begrenzung des Bitcoin-Angebots seit seiner Einführung bekannt und daher längst in den aktuellen Kursen berücksichtigt. Zweitens kann sich der Preis bei einem fixen Angebot immer noch durch Veränderungen der Nachfrage bewegen. Lässt das Marktinteresse am Bitcoin nach, führt dies zu einem entsprechenden Preisrückgang.

Inzwischen investieren auch institutionelle Anleger und es gibt Bitcoin-ETFs.

Jonas Krettek: Das ändert nichts am spekulativen Charakter solcher Anlagen. Dass es solche Produkte am Markt gibt, zeigt lediglich, dass eine Nachfrage existiert.

Bitcoin gilt als „Zugpferd des Marktes“, doch kann er seinen Wert auch komplett verlieren?
Bitcoin gilt als „Zugpferd des Marktes“, doch kann er seinen Wert auch komplett verlieren? © AFP | JUSTIN TALLIS

Jetzt in Bitcoin investieren? „Für langfristige Ziele ungeeignet“

Lohnt es sich für private Anleger, zumindest einen kleinen Teil in Krypto zu investieren?

Jonas Krettek: Ich sehe Kryptowährungen als Anlageform kritisch. Bei Anleihen lassen sich künftige Zinszahlungen abzinsen, bei Aktien erwartete Gewinne. Bei Bitcoin fehlt dieser Bewertungsmaßstab. In Verbindung mit den starken Kursschwankungen eignet sich das nicht für eine solide, langfristige Geldanlage. Man sollte sich bewusst sein, dass es sich um hochspekulative Anlagen handelt – bis hin zum möglichen Totalverlust. Wenn sich jemand dennoch dafür entscheidet, sollte er nur Geld investieren, dessen Verlust er verschmerzen kann. Für langfristige Ziele wie die Altersvorsorge halte ich Kryptowährungen für ungeeignet.

Welche Strategie empfehlen Sie für den langfristigen Aufbau von Vermögen?

Jonas Krettek: Zunächst sollte man sich darüber klar werden, welche Ziele man verfolgt und welchen Anlagehorizont man hat. Bei der Altersvorsorge sprechen wir in der Regel über sehr langfristige Zeiträume. Wichtig ist außerdem, die eigene Risikotoleranz realistisch einzuschätzen. Auf dieser Grundlage würde ich raten, klassisch über den Kapitalmarkt zu investieren – etwa über eine Mischung aus Aktien und Anleihen. Aktien sollten breit über verschiedene Regionen und Branchen gestreut, Anleihen aus Staats- und Unternehmensanleihen kombiniert werden. Ergänzend kann man insbesondere bei einem langfristigen Vermögensaufbau auch ein Investment in Immobilien in Betracht ziehen.

Bitcoin kann ein Baustein im Portfolio sein – allerdings sollte ein Depot immer ausgewogen aufgestellt sein.
Bitcoin kann ein Baustein im Portfolio sein – allerdings sollte ein Depot immer ausgewogen aufgestellt sein. © FUNKE Foto Services | Rainer Hoheisel

Bitcoin als digitales Gold? Profi hat klare Meinung zum Vergleich

Welche Rolle kann Gold in einem solchen Portfolio spielen?

Jonas Krettek: Gold kann insbesondere in unsicheren Zeiten eine stabilisierende Funktion als Diversifikator und langfristiger Wertspeicher übernehmen. Ein Argument für Gold ist seine lange Geschichte als Wertaufbewahrungsmittel. Außerdem haben Zentralbanken und institutionelle Investoren gerade vor dem Iran-Krieg stärker Gold nachgefragt. Allerdings erzeugt Gold ebenfalls keine Cashflows, also keine Dividenden oder Zinszahlungen. Deshalb sollte der Anteil im Portfolio nicht zu groß sein. In unserer Vermögensverwaltung liegt er aktuell bei vier Prozent. Für den einzelnen Anleger können solche Gewichtungen aber ebenfalls höchst individuell sein.

Viele Anleger bezeichnen Bitcoin als „digitales Gold“ und hoffen auf dieser Basis auf eine Wertsteigerung.

Jonas Krettek: Das Stichwort Hoffnung ist hier entscheidend. Der Vergleich mit Gold hält nur bedingt stand: Gold wird seit Jahrtausenden genutzt und hat einen realen Nutzen. Insofern ist die Werthaltigkeit von Gold eine andere als bei Bitcoin. Für eine fundierte Anlagestrategie reicht das nicht.

Quellen:

Interview mit Dr. Jonas Krettek, Investmentstratege der Apobank, im März 2026