In wirtschaftlich unsicheren Zeiten fragen sich viele: Wie lege ich mein Geld sinnvoll an der Börse an? Wir haben mit Andreas Kern, Gründer der Social-Trading-Plattform Wikifolio gesprochen. Der Profi verrät uns vier Grundregeln, mit denen Privatanleger seiner Meinung nach durch turbulente Börsenphasen kommen. Zudem erklärt Kern, warum ein ETF auf den MSCI World für ihn nicht ausreicht. Lesen Sie hier: Was sind Aktien und wie funktionieren sie?
ETF und Co.: Vier goldene Regeln
Bitte beachten:
Aktien, Immobilien und andere Investments sind grundsätzlich mit einem Risiko verbunden. Auch ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals kann nicht ausgeschlossen werden. Ebenso können Kredite eine erhebliche finanzielle Belastung darstellen. Verbraucher sollten ihre finanzielle Situation sorgfältig prüfen und alle Kosten gründlich durchrechnen. Die veröffentlichten Artikel, Daten und Prognosen sind keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Rechten und ersetzen keine fachliche Beratung.
Die klassische 60/40-Regel – also 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen im Depot – oder nur einen ETF auf den MSCI World zu kaufen, reicht laut Kern heute nicht mehr aus. „Die Welt verändert sich rasant – Portfolios müssen sich dynamisch anpassen“, ist der Finanz-Experte überzeugt.
Erfolgreiche Anleger investieren laut Kern nicht in Tausende Titel gleichzeitig, sondern gezielt in einzelne Werte, die sie genau kennen. „Viele erfolgreiche Portfolios bei Wikifolio sind konzentriert und enthalten maximal 30 Positionen“, so Kern. Demnach seien häufig nur wenige Aktien im Depot enthalten – diese aber aus unterschiedlichen Branchen und Ländern. Wobei ein konsequentes Risikomanagement entscheidend ist: „Fällt der Wert eines Titels stark, wird reduziert oder verkauft.“

Ein zusätzlicher Punkt, der aus Kerns Sicht oft unterschätzt wird, ist die Diversifikation nach Denkweise. Bedeutet: Das Portfolio nicht nur geografisch oder branchenspezifisch breiter aufzustellen, sondern auch nach Handelsstil. Dabei unterscheiden Investoren nach Anlagestilen – etwa Value (Investieren in unterbewertete Aktien), Growth (Anlegen in wachstumsstarke Unternehmen) oder Trendfolge (Investieren entlang aktueller Markttrends). Lesen Sie hier: Top-Anleger gibt überraschenden Einblick in sein Depot.
Seinen Analysen zufolge basiert ein gutes Depot auf vier Bausteinen:
- Eine breite Streuung über Regionen und Branchen
- Fokussierte Einzelpositionen, mit denen Anleger sich auskennen
- Unterschiedliche Strategien im Mix (zum Beispiel Value, Trendfolge usw.)
- Ausreichend Liquidität, etwa in Festgeld oder kurzlaufenden Anleihen
„Ein häufiger Fehler ist, in der Krise zu lange abzuwarten und dann in Panik am Tiefpunkt zu verkaufen“, betont Kern. Entscheidend sei, die Situation schnell einzuschätzen – und trotzdem langfristig zu denken.
MSCI World: Warum er allein nicht ausreicht
Anleger könnten sich fragen: Warum nicht einfach nur in einen MSCI-World-ETF investieren? „Rund 70 Prozent der Werte sind US-lastig, mit großem Fokus auf Technologie“, erklärt Kern. Damit handele es sich aber laut dem Experten um keine echte Diversifikation. „Mit zehn gezielt ausgewählten Aktien könnte man teilweise besser streuen“, so Kern. Ein weiteres Problem seiner Ansicht nach: „Fonds sind stark reguliert – zum Beispiel dürfen sie meist nur fünf Prozent in einen Titel investieren. Sie können daher erfolgreiche Positionen gar nicht richtig laufen lassen.“
Über Andreas Kern:
Andreas Kern, studierter Mathematiker, gründete 2008 die Social-Trading-Plattform Wikifolio. Auf der Plattform können Trader – darunter auch professionelle Investoren und Vermögensverwalter – ihre Handelsideen in Form von Musterportfolios mit der Öffentlichkeit teilen.
Diese ETFs können Anleger mit dem MSCI World kombinieren
Der Profi stellt aber klar: ETFs können sich durchaus für Anleger eigenen, die sich nicht intensiv mit Märkten beschäftigen können: „Wer nicht die Zeit hat, sich selbst fundiert ein Urteil zu bilden, sollte auf passive ETFs setzen und zusätzlich aktive Manager oder Strategien ins Portfolio holen.“ Die Kombination aus beiden Ansätzen sei seiner Meinung oft die beste Lösung. Anleger sollten dabei beachten, dass die eigene Anlagestrategie stets individuell ist und zum persönlichen Risikoprofil sowie zu den eigenen Zielen passen muss.
Die prozentuale Aufteilung im Depot hänge stark von der persönlichen Situation ab. „Der Cash-Anteil richtet sich nach dem individuellen Sicherheitsbedürfnis. Für manche reichen drei Monatsgehälter.“ Für den investierten Teil rät Kern: „50 Prozent in breit gestreute, passive ETFs stecken – als Basisinvestment. 50 Prozent können Anlage in Themen, Trends oder Einzeltitel investieren, an die sie langfristig glauben.“ Dazu können auch Wikifolios zählen, wenn man den jeweiligen Ansatz nachvollziehen kann. Er ergänzt: „Grundsätzlich würde ich raten, sich nicht allein auf den MSCI World zu verlassen.“ Denkbar wäre stattdessen:
- Andere breit gestreute ETFs ergänzen, etwa auf Regionen oder Länder, die einen besonders interessieren.
- Gezielt Themen oder Branchen beimischen, an die man glaubt – etwa Technologie, Gesundheit oder Energie.
- Zusätzlich aktive Trader oder Strategien ins Portfolio holen.
Investieren: Wie Anleger ihre Depots jetzt aufstellen sollten
„Ich glaube, viele der aktuellen Krisen sind politisch verursacht – und werden auch politisch gelöst“, so Kern. Deshalb sehe er keinen Grund, jetzt von bewährten Strategien abzuweichen. Der größte Fehler wäre, wegen kurzfristiger Turbulenzen gar nichts mehr zu machen. „Langfristig denken, breit streuen, aktiv und passiv kombinieren – das bleibt aus meiner Sicht der richtige Ansatz“, schließt der Wikifolio-Chef.



