„Ariana, geht es dir gut?“ Kaum war Ariana Grandes neues Musikvideo veröffentlicht, ging es im Netz nicht mehr um den Song, sondern um ihren Körper. Fans verglichen aktuelle Bilder mit alten Aufnahmen, Fremde glaubten, auf ihren Gesundheitszustand schließen zu können. Dabei hatte die Sängerin bereits 2023 darum gebeten, weniger selbstverständlich über fremde Körper zu urteilen: Außenstehende könnten nicht wissen, was ein Mensch gerade durchmache.

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Inzwischen hat ihr Management eine Auszeit nach Monaten „endloser, anhaltender öffentlicher Kritik“ angekündigt. Ob Grandes Gewicht dabei eine Rolle spielt, bleibt offen. Doch ihr Fall trifft einen Nerv: Auf roten Teppichen, Laufstegen und in sozialen Medien sind sehr dünne Körper wieder auffällig präsent. Abnehmspritzen haben schnellen Gewichtsverlust zum Dauerthema gemacht. Unter Schlagworten wie „SkinnyTok“ wird Gewichtskontrolle in den sozialen Medien als Lifestyle verkauft. Sind „Size Zero“ und der „Heroin Chic“ der 90er zurück? Warum landen ausgerechnet jetzt doppelt so viele Mädchen mit Essstörungen im Krankenhaus wie vor 20 Jahren? Körperbildforscherin und Magersucht-Expertin Prof. Dr. Silja Vocks von der Universität Osnabrück betont, dass das alte Ideal junge Menschen heute noch stärker treffen kann – und daher noch gefährlicher ist.
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Magerwahn: Abnehmspritzen verändern die Bilder aus Hollywood
In Hollywood sind Abnehmmedikamente längst Alltag. Stars wie Oprah Winfrey, Sängerin Meghan Trainor oder Tennisstar Serena Williams sprechen öffentlich darüber, sie zu nehmen. GLP-1-Medikamente wie Ozempic & Co. können für Menschen mit Diabetes oder Adipositas eine wichtige Behandlungsmöglichkeit sein. In der Promiwelt entsteht durch die Abnehmspritzen jedoch ein mächtiges Vorher-nachher-Bild: Hier der bekannte Star, dann derselbe Mensch deutlich schlanker – millionenfach geteilt und kommentiert. Was medizinisch sinnvoll sein kann, erscheint plötzlich als Abkürzung zum Wunschkörper.
Gleichzeitig geraten auffallend schlanke Stars wie die Schauspielerinnen Demi Moore oder Lily Collins in den sozialen Netzwerken unter ähnlich scharfe Beobachtung wie Grande. Dabei gilt: „Niemand kann anhand eines Fotos erkennen, ob ein Mensch ein Medikament verwendet oder an einer Essstörung leidet“, betont Silja Vocks. Die Psychologieprofessorin forscht seit über 25 Jahren zu Essstörungen, Körperbild und medialen Schönheitsidealen. Über das Körperideal, das die große Anzahl solcher Bilder vermittelt, müsse dennoch gesprochen werden.

Schlankes Schönheitsideal: Auf den Laufstegen verschwindet die Vielfalt
Die Beobachtungen aus der Welt der Stars und Social Media lassen sich für die Modewelt sogar beziffern: Bei mehr als 9000 ausgewerteten Looks der Schauen für Frühjahr und Sommer 2026 trugen rund 97 Prozent der Models sehr kleine Konfektionsgrößen. „‚Body Positivity‘ und ‚Body Neutrality‘ scheinen wieder in den Hintergrund zu rücken, während ‚Size Zero‘ und Bewegungen, die Essstörungen als Lebensstil darstellen, an Bedeutung gewinnen“, sagt Vocks. Sie spricht von einem „bedauernswerten Rückschritt“.
Auch Kate Moss verkörperte in den 90er-Jahren den „Heroin Chic“. Doch sie blieb ein Supermodel aus einer fernen Welt. „Jugendliche sahen solche Körper in Magazinen oder Werbespots – und legten das Heft irgendwann weg“, betont Vocks. Damals sei man „noch nicht permanent davon beschallt“ worden. Heute schauten Menschen in nahezu jeder freien Minute aufs Handy. Die Konfrontation mit dem Ideal habe sich dadurch massiv verstärkt.
Zudem zeigen nicht mehr nur unerreichbare Stars diesen Körper. Influencerinnen filmen Mahlzeiten, Sporteinheiten und Morgenroutinen. Sie wirken wie „Mädchen wie du und ich“, sagt Vocks. So entsteht der Eindruck, jeder könne genauso aussehen, wenn man nur diszipliniert sei. „Und der Vergleich mit vermeintlich Gleichaltrigen wirkt stärker als der mit einem Hollywood-Star“, betont die Expertin.
Essstörung wegen Schönheitsideal
Essstörungen bei Mädchen: Zahl der Klinikaufenthalte deutlich gestiegen
Wie ernst die Lage ist, zeigen Daten des Statistischen Bundesamts: Rund 6000 Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren wurden 2024 wegen Essstörungen stationär behandelt – mehr als doppelt so viele wie 2004. Über alle Altersgruppen hinweg war Magersucht mit rund 9000 Fällen die häufigste Diagnose bei Essstörungen. Und die Statistik bildet dabei nur Krankenhausfälle ab. Vocks verweist darauf, dass die echte Zahl, deutlich höher liege. Zudem würden Erkrankte offenbar immer jünger werden. Schon im Grundschulalter könnten Kinder mit ihrem Körper unzufrieden sein – und nicht nur Mädchen. Bei Jungen gehe es aber weniger ums Schlanksein als um Muskeln.
Besonders tückisch ist laut Vocks, dass der neue Magertrend nicht offen vom Hungern spricht. Er trägt Sportkleidung und verspricht Gesundheit, Kontrolle und Selbstoptimierung. Bewegung und ausgewogene Ernährung sind zunächst positiv. Problematisch werde es, wenn sich diese Verhaltensweisen verselbstständigten: „Gedanken kreisen ständig um Essen und Gewicht, ‚gesund‘ bedeutet nur noch kalorienarm, Sport dient allein dem Kalorienverbrauch. Belastungsgrenzen werden ignoriert“, erklärt die Psychologin. „Die Relationen gehen verloren.“
Der Algorithmus verschärft das Problem. Wer länger bei sehr schlanken Körpern oder Diätvideos verweilt, bekommt mehr davon angezeigt. Gerade Menschen mit Essstörungen oder entsprechenden Risikofaktoren betrachteten solche Bilder häufiger und würden so mit immer mehr schädlichem Material versorgt, gibt Vocks zu bedenken. In Experimenten konnte sie zudem zeigen: Sogenannte Fitspiration-Inhalte mit schlanken, durchtrainierten Körpern können die Stimmung verschlechtern und dazu führen, dass Menschen den eigenen Körper stärker ablehnen. Bilder aus den Bereichen „Body Positivity“ und „Body Neutrality“ wirkten dagegen günstiger auf Stimmung und Körperbild.
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Magersucht: Soziale Medien und Hollywood verstärken den Druck auf das Körperbild
Klar ist auch: Hollywood und soziale Medien verursachen Magersucht nicht allein. Essstörungen entstehen durch ein Zusammenspiel genetischer, biologischer, psychischer und gesellschaftlicher Faktoren. Ein geringes Selbstwertgefühl, Körperbildprobleme, Mobbing oder belastende Lebensereignisse können die Anfälligkeit erhöhen. Bei Menschen, die ohnehin verletzlich sind, könne der mediale Druck die Entwicklung jedoch beschleunigen oder negativ beeinflussen, so Vocks.
Eltern sollten deshalb früh über Filter, Algorithmen und inszenierte Bilder sprechen sowie den eigenen Umgang mit Diäten und Körperkritik prüfen. Die richtige Frage sei laut Vocks nicht: „Was stimmt mit diesem Star nicht?“ Sondern: „Warum gelten plötzlich wieder fast nur schlanke Körper als gesund und schön?“









