Lange bevor wir uns selbst kennenlernen, sehen wir uns durch die Augen unserer Mutter. Ihr Lob kann Selbstvertrauen wachsen lassen, ihre Geringschätzung tiefe Spuren hinterlassen. In dieser Ausgabe unseres Beziehungs-Newsletters „Ein FUNKE Liebe“ erklärt unsere Autorin, warum die erste Beziehung unseres Lebens oft bis ins Erwachsenenalter nachwirkt und weshalb sie bis heute jeden Tag mit ihrer Mutter telefoniert.

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Ich habe da ein kleines Ritual: Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Mama. Wenn ich das erzähle, reagieren viele Menschen oft überrascht. Manche finden es rührend. Andere runzeln die Stirn. Jeden Tag? Wirklich? Ja, wirklich. Und nein – nicht, weil ich muss. Sondern weil ich will.

Ich bin längst erwachsen, treffe meine eigenen Entscheidungen und stehe mit beiden Beinen im Leben. Trotzdem gibt es kaum einen Tag, an dem wir nicht miteinander sprechen. Mal dauert das Gespräch nur fünf Minuten, mal eine halbe Stunde. Wir lachen, erzählen uns Alltägliches, diskutieren große und kleine Fragen des Lebens. Ich schätze ihre Meinung, freue mich über ihren Rat – und manchmal reicht schon ihre Stimme, um einen hektischen Tag ein bisschen leichter zu machen.

Mit diesem täglichen Kontakt bin ich keineswegs eine Ausnahme. Rund ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland telefoniert täglich mit den Eltern, vor allem mit der Mutter. Und das überrascht mich nicht. Denn kaum eine andere Beziehung prägt unser Leben so nachhaltig wie die zu unserer Mutter. Sie ist meist die erste Person, in deren Augen wir uns selbst erkennen. Aus ihren Reaktionen lernen wir früh, ob wir willkommen sind, ob wir genügen, ob wir etwas wert sind. Ein liebevoller Blick, ehrliches Lob, Trost nach einem Misserfolg oder das Gefühl, bedingungslos angenommen zu werden – all das sind keine beiläufigen Gesten. Sie bilden das Fundament für das spätere Selbstvertrauen.

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Kindheit mit narzisstischer Mutter prägt das ganze Leben

Die psychologische und neurobiologische Forschung bestätigt: Kinder, die emotionale Unterstützung erfahren, entwickeln häufig ein stabileres Selbstwertgefühl. Sie trauen sich mehr zu, können Rückschläge besser verkraften und gehen mit größerem Vertrauen durchs Leben. Wer schon früh erlebt hat: „Ich bin gut, so wie ich bin“, trägt diesen inneren Satz oft ein Leben lang mit sich. Und das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

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Doch leider gilt auch das Gegenteil. Wer ständig kritisiert, klein gemacht oder mit den Erwartungen der Mutter konfrontiert wird, übernimmt diese Stimmen oft als eigene. Aus Sätzen wie „Das reicht nicht“ oder „Andere können das besser“ wird irgendwann ein innerer Kritiker, der sich auch Jahrzehnte später noch zu Wort meldet. Viele Erwachsene kämpfen mit Selbstzweifeln, Perfektionismus oder der Angst, nicht zu genügen – und entdecken erst in einer Therapie oder intensiven Selbstreflexion, wie eng diese Gefühle mit den Erfahrungen ihrer Kindheit verbunden sind.

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Alina Juravel ist Redakteurin im Ressort Leben der FUNKE-Tageszeitungen.

Besonders schlimm ist es für Kinder, die mit einer narzisstischen Mutter aufwachsen müssen. „Ich hatte immer Angst vor dem Augenblick, in dem meine Mutter mal wieder grundlos explodiert“, erinnert sich Simone an ihre Kindheit. Schon als Kind stellte Simone die Bedürfnisse ihrer Mutter über ihre. Die Angst vor der Mutter prägte nicht nur ihre Kindheit, sondern später auch ihr Leben als Erwachsene. Meine Kollegin Helena Düll hat mit Simone darüber gesprochen, was sie erleben musste und wann sie erfahren hat, dass ihre Mutter eine verdeckte Narzisstin ist.

Ich musste mehr als einmal schaudern, als ich die Geschichte von Simone las. Als Mutter einer kleinen Tochter kann ich mir nicht im Geringsten vorstellen, dass ich mein Kind einmal so schlecht behandeln könnte. Das heißt aber nicht, dass ich alles perfekt mache. Auch ich bringe meine eigene Geschichte mit, meine Verletzungen, Ängste und Prägungen. Auch ich werde sie – ob bewusst oder unbewusst – an mein Kind weitergeben. Aber ich möchte, dass meine Tochter mit dem Gefühl aufwächst, immer geliebt zu werden, unabhängig von Leistung, Noten oder Erfolgen. So wie ich bei meiner Mutter aufwachsen durfte.

Mutter-Kind-Beziehung: Häufiger Kontakt ist kein Qualitätsmerkmal

Und ich hoffe, dass meine Tochter später mit mir auch gerne und oft telefoniert. Auch wenn die Häufigkeit allein erstaunlich erstaunlich wenig über die Qualität der Beziehung aussagt. Darauf weist die Psychologin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl hin. „Du kannst eine wunderbare, gesunde Beziehung zu deiner Mutter haben und nur einmal im Monat telefonieren. Und du kannst eine hochproblematische Beziehung haben und jeden Tag mehrmals Kontakt.“ Meine Kollegin Marta Ways hat mit der Psychologin darüber gesprochen, wann hinter dem ständigen Kontakt zu den Eltern eine toxische Dynamik steckt und was man tun sollte.

Stefanie Stahl
Stefanie Stahl© www.susannewysocki.de | www.susannewysocki.de

Morgen werde ich meine Mutter wieder anrufen. Wahrscheinlich sprechen wir über nichts Weltbewegendes. Vielleicht über das Wetter, über die Arbeit oder darüber, was es zum Abendessen gibt. Und doch steckt in diesen alltäglichen Gesprächen etwas, das alles andere als alltäglich ist: die Erinnerung daran, wie viel ein Mensch im Leben eines anderen bewirken kann – oft mit nichts weiter als ehrlichem Interesse, ein paar ermutigenden Worten und dem Gefühl: Ich bin für dich da.

Und wie oft telefonieren Sie mit Ihrer Mutter? Oder sehen Sie lieber nur an Weihnachten und Co.? Sie können es mir gerne erzählen – auch anonym.

Alles Liebe,
Alina Juravel

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P.P.S.: Auch heute möchte ich Ihnen den FUNKE-Podcast „Länger Leben“ empfehlen. Darin spricht meine Kollegin Natalja Fischer mit dem Mediziner und Longevity-Experten Dr. Felix Bertram darüber, wie wir uns möglichst lange gesund halten. Neue Folgen erscheinen jeden Mittwoch, überall, wo es Podcasts gibt. Hier können Sie reinhören.

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