„Meine Seele hat die Schotten dichtgemacht“, schreibt Michael Linder in einem bewegenden Leserbrief. Den Impuls dazu gab ihm die Narzissmus-Kolumne unserer Autorin Alina Juravel. Michael Linder ist bereits 81 Jahre alt. Seine Familie beschreibt sein Verhalten als „tendenziell narzisstisch“. Nun, im hohen Alter, sucht Linder nach einem Weg, dieses Gefühlsdefizit zu überwinden – und zu prüfen, ob hinter der vermeintlichen Selbstbezogenheit nicht in Wahrheit alter Selbstschutz steckt.
Linder bittet unseren Therapeuten Gisbert Straden um Rat und vertraut ihm seine Lebensgeschichte an. Er erzählt, wie ein frühes Trauma ihn von seinen eigenen Gefühlen trennte – und wie daraus im Laufe des Lebens ein Muster aus Kontrolle, Rationalität und emotionaler Distanz entstand. Denn das Leben des heute 81-Jährigen geriet früh aus der Bahn. Er kam in den letzten Kriegsmonaten zur Welt, als uneheliches Kind einer jungen Frau, die aus Scham verstoßen wurde – und musste weg.
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„Meine Mutter setzte sich mit mir in den nächsten Zug nach Leipzig, wo sie mich bei einer Bekannten meines Vaters zur Pflege ablieferte“, erinnert er sich. Sie kehrte ohne ihn nach Hamburg zurück. Was folgte, nennt er „eine Odyssee“: Nur wenige Monate durfte er bei der Bekannten bleiben, dann wurde der kleine Michael weitergereicht wie „eine ungewollte Hypothek“, schreibt er. Erst 1947 holt ihn der Großvater wieder nach Hamburg – „völlig verwahrlost, mit Krätze am ganzen Körper und ohne ein einziges Wort auf den Lippen“.


