Es sind ausgerechnet jene Chemikalien, die seit Jahrzehnten unauffällig durch den Alltag wandern, die nun unter einen neuen Verdacht geraten: PFAS, Industriestoffe, die in Pfannenbeschichtungen, Regenjacken oder Lebensmittelverpackungen stecken, könnten das biologische Altern beschleunigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie, die im Fachblatt „Frontiers in Aging“ veröffentlicht wurde. Gemeint sind per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, besser bekannt als „Forever Chemicals“ – Chemikalien also, die in der Umwelt und im Körper über Jahre, teils über Jahrzehnte verbleiben.
Lesen Sie auch
PFAS und Gesundheit: Warum „Forever Chemicals“ so problematisch sind
Der Name ist keine Übertreibung. PFAS umfassen Tausende künstlich hergestellte Verbindungen, deren besondere molekulare Struktur sie außergewöhnlich widerstandsfähig macht. Eben diese Robustheit machte die Stoffe für die Industrie lange so attraktiv – und macht sie heute zum Problem. Denn in der Umwelt bauen sich PFAS kaum ab, und auch im menschlichen Körper bleiben sie über lange Zeit erhalten. Auf diese Weise können sie sich im Blut und in Organen anreichern. Frühere Studien brachten sie bereits mit einer eingeschränkten Nierenfunktion, Schilddrüsenproblemen, Fortpflanzungsstörungen und Entwicklungsrisiken für Föten in Verbindung.
Ein internationales Forschungsteam aus China untersuchte nun die Frage, ob PFAS nicht nur mit einzelnen Erkrankungen zusammenhängen, sondern womöglich noch tiefer in zentrale biologische Prozesse eingreifen – und Menschen auf Zellebene schneller altern lassen. Dafür analysierten die Wissenschaftler die Daten von 326 US-Amerikanern über 50 Jahren. Berücksichtigt wurden dabei nicht nur die PFAS-Konzentrationen im Blut, sondern auch Angaben zum Lebensstil der Teilnehmer.
Auch interessant
Biologisches Alter: Warum der Körper älter sein kann als der Mensch
Jeder Mensch hat ein chronologisches Alter, also das Alter, das im Ausweis steht. Daneben gibt es jedoch noch ein biologisches Alter. Es beschreibt, wie stark der Körper tatsächlich gealtert ist – unabhängig davon, wie viele Jahre seit der Geburt vergangen sind. Um dieses biologische Alter zu bestimmen, griffen die Forscher auf zwölf sogenannte epigenetische Uhren zurück. Gemeint sind damit Rechenmodelle, die bestimmte Veränderungen an der DNA auswerten.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Im Kern geht es um die sogenannte DNA-Methylierung. Dabei heften sich kleine chemische Markierungen an das Erbgut und beeinflussen, welche Gene stärker abgelesen werden und welche weniger aktiv sind. Gerät dieses System durch äußere Belastungen aus dem Gleichgewicht, kann der Körper biologisch schneller altern, als es das Geburtsdatum vermuten lässt.
Lesen Sie auch
PFAS-Studie: Warum Männer zwischen 50 und 64 Jahren besonders betroffen sind
Besonders auffällig waren die Ergebnisse bei Männern mittleren Alters. Gerade in der Gruppe der 50- bis 64-Jährigen standen höhere Konzentrationen bestimmter PFAS in deutlichem Zusammenhang mit einer beschleunigten epigenetischen Alterung. Dazu zählten unter anderem Perfluornonansäure, kurz PFNA, und Perfluoroctansulfonamid, kurz PFOSA, beides Verbindungen aus der großen Gruppe der PFAS.
Vor allem PFNA stach heraus: Im Durchschnitt entsprach eine höhere Belastung mit diesem Stoff beinahe vier zusätzlichen biologischen Jahren. Auch PFOSA fiel deutlich ins Gewicht. Je nach Modell errechneten die Forscher hier eine Beschleunigung des biologischen Alters um bis zu 4,17 Jahre. Bei Frauen zeigten sich solche starken Effekte nicht. Und auch bei Männern über 65 Jahren waren die Werte weniger ausgeprägt als bei den 50- bis 64-Jährigen.
Auch interessant
PFAS und Zellalterung: Wie die Chemikalien in biologische Prozesse eingreifen
Wie PFAS den Alterungsprozess beeinflussen könnten, leiten die Forscher aus den biologischen Spuren ab, die diese Stoffe im Körper hinterlassen. PFNA wirkte demnach vor allem auf jene epigenetischen Uhren, die besonders sensibel auf Entzündungen, oxidativen Stress, zellulären Verschleiß und ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko reagieren. PFOSA wiederum stand laut Studie besonders eng mit einem Marker in Verbindung, der mit Fettstoffwechsel und allgemeiner Lebenserwartung zusammenhängt.
Hinzu kommt nach Angaben der Studie, dass beide PFAS-Stoffe wichtige Signalwege in der Zelle stören könnten, darunter den sogenannten mTOR-Signalweg. Er funktioniert vereinfacht gesagt wie ein inneres Kontrollsystem, das Wachstum, Stoffwechsel und Reparaturprozesse steuert. Gerät dieses System aus dem Takt, können sich Schäden in den Zellen leichter ansammeln. Altern wäre dann nicht mehr nur eine Frage der Jahre, sondern auch eine Folge gestörter biologischer Abläufe.
- Studie: Forschende finden mögliche Ursache für Fettleibigkeit
- Untersuchungen: Stress erkennen – Diese Blutwerte sind alarmierend
- Gesunde Ernährung: Kind mag kein Gemüse? Ein Kinderarzt gibt Tipps
- Frauen: Endometriose-Betroffene geht radikalen Weg gegen Schmerzen
- Gewicht: Ärztin klärt auf – So kann Kaffee beim Abnehmen helfen
PFAS-Risiko: Warum Männer in der Lebensmitte besonders anfällig sein könnten
Dass besonders Männer in ihren Fünfzigern und frühen Sechzigern betroffen waren, interpretieren die Wissenschaftler als Hinweis auf ein sensibles biologisches Lebensfenster. Erstautorin Ya-Qian Xu sagt: „Die Lebensmitte ist ein empfindliches biologisches Fenster, in dem der Körper anfälliger für altersbedingte Stressoren wird“. Das könne erklären, warum diese Altersgruppe stärker auf chemische Belastungen reagiere.
Hinzu kommen aus Sicht der Forscher mögliche Lebensstilfaktoren. Der Mitautor der Studie, Xiangwei Li, sagt, man vermute, dass Männer einem höheren Risiko ausgesetzt sein könnten, weil die untersuchten Alterungsmarker stark von Faktoren wie Rauchen beeinflusst würden. Solche Gewohnheiten könnten die schädlichen Effekte der Schadstoffe zusätzlich verstärken.
Ganz ohne Einschränkungen ist die Studie allerdings nicht. Die Stichprobe war mit 326 Personen relativ klein, zudem waren alle Teilnehmer mindestens 50 Jahre alt. Aussagen über jüngere Menschen lassen sich daraus daher nicht ableiten. Hinzu kommt, dass die Blutproben aus den Jahren 1999 und 2000 stammen und damit eine frühere Belastungslage abbilden. Weil es sich außerdem um eine Momentaufnahme handelt, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen, dass PFAS das schnellere Altern tatsächlich verursacht haben. Was die Studie damit liefert, ist kein endgültiger Beweis, wohl aber ein ernst zu nehmender Hinweis.













