Es ist ein Thema, das viele Frauen betrifft und über das dennoch selten gesprochen wird: Fehlgeburten. Verlässliche Zahlen gibt es für Deutschland nicht, denn eine Fehlgeburt ist erst ab der 24. Schwangerschaftswoche meldepflichtig oder wenn das Kind mindestens 500 Gramm wiegt. Viele Fälle werden daher gar nicht erfasst. Und doch ist davon auszugehen, dass rund jede dritte Frau einmal im Leben eine Fehlgeburt erleidet. Manche sogar öfter – oftmals ohne erkenntlichen Auslöser.

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Wenn sich Fehlgeburten häufen, kann es daran liegen, dass der werdenden Mutter die sogenannten „KI“-Rezeptoren, auch „KIR“-Gene genannt, fehlen. Diese Rezeptoren sind ein Bestandteil unserer natürlichen Killerzellen, ganz besonders der in der Gebärmutter. Prof. Wolfang Würfel, Leitender Arzt der Kinderwunschklinik München, behandelt schon seit mehr als 25 Jahren betroffene Frauen. Auch mit dem umstrittenen Medikament Granocyte, das in der Krebstherapie eingesetzt wird, aber in Deutschland bei der Behandlung von Fehlgeburten keine Zulassung hat. Hier erklärt der Spezialist, welches Potenzial in dem Mittel steckt.

Wofür sind die „KI“-Rezeptoren in der Schwangerschaft wichtig?

Prof. Wolfang Würfel: Bei einer Schwangerschaft muss der Körper der Frau die korrekte Einnistung des Embryos ermöglichen. Der Prozess ist sehr komplex. Hier spielen die KI-Rezeptoren („killer cell immunoglobulin-like receptors“) eine große Rolle. Salopp gesagt, erkennen sie zusammen mit anderen Zellen und Rezeptoren, ob es sich bei fremden Zellen um Freund oder Feind handelt. Im letzten Fall wird dieser dann eliminiert. Wird aber erkannt, dass es sich um einen Freund, also einen Embryo handelt, erhalten die Zellen des Embryos nun den Wachstumspush, der für ihn lebensnotwendig ist.

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Und manchmal gibt es Probleme bei der Kommunikation, wer Freund und Feind ist?

Würfel: Ganz genau. Eine Herausforderung ist zum Beispiel, dass der Embryo ja zur Hälfte aus dem väterlichen Genmaterial besteht, also körperfremd ist. Damit die Killerzellen hier nicht fälschlicherweise aktiv werden, ist eine gute Kommunikation u.a. zwischen den KI-Rezeptoren und dem väterlichen Erbmaterial entscheidend.

Fehlende Rezeptoren verhindern dann eine Schwangerschaft?

Würfel: Das ist möglich, wenn durch und noch weitere gestörte Mechanismen die Kommunikation zwischen Embryo und mütterlichem Immunsystem unzulänglich ist. Dann kann sich der Embryo nicht richtig einnisten, auch Abstoßungsreaktionen können auftreten. Eine Folge kann sein: gehäufte Fehlgeburten. Man geht davon aus, dass etwa 15 Prozent der deutschen Frauen vom Fehlen der wichtigen, aktivierenden KIR-Gene betroffen sind, aber nur ein Teil entwickelt eine Neigung zu Fehlgeburten.

Prof. Wolfgang Würfel
Prof. Wolfgang Würfel, Leitender Arzt der Kinderwunschklinik München. © privat | Privat

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Kann man auch mit fehlenden KIR-Gene ein Baby zur Welt bringen?

Würfel: Durchaus. Es kann sein, dass nur einige der wichtigen KI-Rezeptoren fehlen oder immunologische „Ersatzmechanismen“ vieles ausgleichen. Wie es sich genau verhält, zeigen umfangreiche Blutanalysen im Labor, die übrigens immer die Basis jeglicher Diagnose sein sollten.

Sie behandeln betroffene Frauen schon seit mehr als 25 Jahren mit Granocyte, einem Medikament, das eigentlich in der Krebstherapie eingesetzt wird, aber auch in der Reproduktionsmedizin.

Würfel: Bekannt geworden ist es, weil es in der Lage ist, die Regeneration des Knochenmarks, also der weißen Blutkörperchen, sehr rasch voranzutreiben. Das ist ein sehr wichtiges Thema bei Chemotherapien im Rahmen von Krebsbehandlungen.

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Und wie hilft Granocyte, das ja in die Haut gespritzt wird, in der Schwangerschaft?

Würfel: In der Schwangerschaft fördert das Hormon unter anderem das Wachstum der frühen Plazenta, erhöht das Schwangerschaftshormon (HCG) und das Gelbkörperhormon und regt eine Reihe von schützenden Funktionen gegen einen eventuellen Angriff auf das mütterliche Immunsystem an. Im Endeffekt stabilisiert er die Schwangerschaft und reduziert Schwangerschaftskomplikationen wie Aborte oder die Frühgeburtlichkeit.

Krebs-Medikament gegen Frühgeburten wird „off-label“ eingesetzt

Granocyte ist dafür in allen EU-Ländern zugelassen, aber eben für genau diese Indikation nicht in Deutschland. Was steckt dahinter?

Würfel: Die Entwicklung eines Arzneimittels ist sehr teuer. Bis zur Anerkennung kann das durchaus 300 Millionen Euro kosten, auch mehr. Allein schon aus diesen Gründen werden hauptsächlich Projekte in Angriff genommen, für die also ein großer Markt besteht.

Es heißt aber noch lange nicht, dass das Arzneimittel nicht auch für andere Indikationen sinnvoll eingesetzt werden kann. Für jede weitere Indikation fallen Kosten von etwa zehn Millionen und mehr an. Vor diesem Hintergrund rechnen sich spezielle Zulassungen für kleinere Fächer oft nicht, und Gynäkologie ist ein kleines Fach, Reproduktionsmedizin ein noch kleineres. Übrigens: als Zusatz zu den Kulturmedien für die künstliche Befruchtung ist es offiziell zugelassen.

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Dann kann man das „off-label“-Prinzip nutzen?

Würfel: Genau: Relativ viele arzneimittelrechtlich anerkannte Substanzen finden eben auch für andere Indikationen Anwendung. Das nennt man dann „off-label“-Gebrauch. Entscheidend dabei ist, dass nun der Arzt die Verantwortung für eventuelle Komplikationen trägt und nicht der Hersteller. Hintergrund ist die Therapie- und damit Entscheidungsfreiheit des Arztes.

Arzt erklärt, welche Nebenwirkungen möglich sind

Häufig lösen Frauen das Rezept im Ausland ein, weil es das Medikament dort oft preisgünstiger ist.

Würfel: Innerhalb der EU ist der deutsche Arztausweis von allen Mitgliedern anerkannt, sodass Privat-Rezepte überall einlösbar sind. Letztlich ist das die Basis der „Internet-Apotheken“. Aber auch außerhalb der EU wird das meist anerkannt (z.B. Schweiz, Ägypten. Marokko, Ukraine, Japan). Insofern ist es völlig legal, mit den Rezepten eines deutschen Arztes in Frankreich ein Medikament zu erhalten. Warum dann ein- und dasselbe Medikament in Frankreich deutlich billiger ist, das ist und bleibt ein Rätsel.

Wie sieht es mit den Nebenwirkungen des Medikaments aus?

Würfel: Auch hier gilt der Satz: Die Dosis macht das Gift. Bei der Chemotherapie muss man weitaus höhere Dosen verabreichen, sodass Nebenwirkungen wie Leber- oder Milzschädigungen auftreten können; sie sind in der Kinderwunschbehandlung nicht bekannt. Wichtig ist es natürlich, engmaschige Kontrollen durchzuführen, was man bei Frauen mit erhöhten Schwangerschaftsrisiken ohnehin tun sollte.