Bluthochdruck zählt zu den am meisten unterschätzten und häufigsten Gesundheitsrisiken unserer Zeit. Weltweit sind Milliarden Menschen betroffen, in Deutschland fast jeder Dritte. Die Folgen sind dramatisch: Herzinfarkte, Schlaganfälle, Nierenschäden und ein erhöhtes Risiko für Demenz im Alter. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von einem globalen Problem, das oft unbemerkt bleibt. Nicht umsonst trägt die Krankheit den Beinamen „stiller Killer“.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Doch wie kann man sich vor einer Gefahr schützen, die keine Schmerzen verursacht und jahrelang unentdeckt bleiben kann? Und wann ist der richtige Zeitpunkt, um gegenzusteuern? Eine Langzeitstudie legt nahe: Die entscheidenden Jahre liegen früher, als viele vermuten, und wer sie ungenutzt verstreichen lässt, zahlt später womöglich einen hohen Preis.

Bluthochdruck vorbeugen in jungen Jahren: Was die CARDIA-Studie verrät

Um der Frage nachzugehen, wann sich das Risiko für Bluthochdruck im Leben tatsächlich verfestigt und wie man ihm wirkungsvoll vorbeugen kann, haben Forscherinnen und Forscher der University of California in San Francisco eine der bisher umfassendsten Langzeitstudien gestartet. Sie trägt den Namen CARDIA (Coronary Artery Risk Development in Young Adults).

Der Ansatz war ungewöhnlich: Anstatt wie üblich ältere Risikopatienten zu untersuchen, konzentrierte sich das Team auf Menschen, die noch gar nicht als gefährdet galten. Mehr als 5100 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 30 Jahren wurden ab Mitte der 1980er-Jahre in die Studie aufgenommen – eine Altersgruppe, die gemeinhin als gesund, belastbar und weit entfernt von Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt.

Doch genau hier, so die Hypothese, könnten sich die entscheidenden Weichen stellen. Über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer regelmäßig zu ihrer Lebensweise befragt, darunter zu den Themen Bewegung, Ernährung, Tabak- und Alkoholkonsum. Gleichzeitig wurden medizinische Kennzahlen wie Blutdruck, Gewicht und Cholesterin dokumentiert. Der Schwellenwert für Bluthochdruck lag bei 130 zu 80 mmHg.

Lesen Sie auch

Blutdruck senken ohne Medikamente: Bewegung als Schutzfaktor

Die Ergebnisse der CARDIA-Studie sind eindeutig und stellen gängige Annahmen infrage: Wer bereits in jungen Jahren körperlich aktiv ist – und diesen Lebensstil konsequent über Jahrzehnte beibehält –, hat ein signifikant geringeres Risiko, im späteren Leben an Bluthochdruck zu erkranken. Besonders auffällig war dieser Effekt bei Menschen, die schon in ihren Zwanzigern deutlich mehr Sport trieben, als derzeit empfohlen wird.

Mindestens fünf Stunden moderate körperliche Aktivität pro Woche erwiesen sich dabei als besonders wirksam. Das entspricht in etwa dem Doppelten der aktuellen Empfehlungen vieler Gesundheitsbehörden, die oft lediglich 150 Minuten Bewegung pro Woche als Ziel ausgeben.

„Unsere Studie legt nahe, dass körperliche Aktivität in jungen Jahren – in einem deutlich höheren Umfang als bislang empfohlen – entscheidend sein könnte, um das Risiko für Bluthochdruck im späteren Leben zu senken“, sagt Studienleiterin Kirsten Bibbins-Domingo. Die besten Ergebnisse erzielten jene, die das Bewegungsniveau über viele Jahre hinweg stabil halten konnten.

Wer diese Bewegungsgewohnheiten bis zum Alter von 60 Jahren beibehielt, hatte laut Studie das geringste Risiko für Bluthochdruck – selbst unter Berücksichtigung anderer Faktoren wie Gewicht, Cholesterin oder sozioökonomischer Herkunft. Die Forschenden kommen zu einem klaren Schluss: „Das Erreichen von mindestens dem Doppelten der aktuellen Mindestrichtlinien für körperliche Aktivität für Erwachsene könnte für die Prävention von Bluthochdruck vorteilhafter sein als die bloße Einhaltung der Mindestrichtlinien.“

Lesen Sie auch: Bluthochdruck bei Hitze? Herzspezialist rät zu klaren Schritten

Bewegung ist nicht für alle gleich zugänglich

So eindeutig die Vorteile körperlicher Aktivität auch sind, zeigt die CARDIA-Studie ebenso klar: Nicht alle Menschen können in gleichem Maße davon profitieren. Denn Bewegung ist nicht nur eine Frage des Willens, sondern auch der Möglichkeiten. Wer sich regelmäßig sportlich betätigen kann, lebt oft unter Bedingungen, die dies überhaupt erst ermöglichen.

Ein auffälliges Ergebnis: Afroamerikanische Männer waren zu Beginn der Studie, also in jungen Jahren, sogar aktiver als weiße. Doch dieser Vorsprung kehrte sich im Laufe der Zeit um. Während sich das Aktivitätsniveau bei weißen Männern und Frauen etwa ab dem 40. Lebensjahr stabilisierte, nahm es bei vielen afroamerikanischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern weiter ab.

Mit dramatischen Folgen: So litten im Alter von 60 Jahren bis zu 90 Prozent der schwarzen Männer und Frauen an Bluthochdruck, während es bei den weißen Teilnehmenden 50 bis 70 Prozent waren. Schwarze Frauen überholten im Verlauf der Studie sogar weiße Männer bei der Hypertonie-Rate, obwohl sie in der ersten Studienphase vergleichsweise wenig aktiv waren. Die gesundheitliche Schere öffnete sich mit zunehmendem Alter immer weiter.

„Sozioökonomische Bedingungen, das Umfeld in der Nachbarschaft, berufliche Belastungen oder familiäre Verpflichtungen – all das kann die Möglichkeiten, dauerhaft körperlich aktiv zu bleiben, stark einschränken“, erklärt Studienautor Jason Nagata. Besonders betroffen seien Menschen, die in Gegenden ohne sichere Gehwege, Parks oder Sportangebote leben, in mehreren Jobs arbeiten oder sich um Angehörige kümmern müssen. Zeit und Energie für Sport sind dann oft ein unerreichbarer Luxus.

Lesen Sie auch

Prävention von Bluthochdruck: Ein Weckruf an Gesellschaft und Medizin

Die CARDIA-Studie ist mehr als nur ein weiterer wissenschaftlicher Beleg für die gesundheitsfördernde Wirkung von Bewegung – sie ist ein Aufruf zum Umdenken. Die Forscher fordern, die bestehenden Empfehlungen für körperliche Aktivität zu überarbeiten und besser an die Realität junger Erwachsener anzupassen. Denn die Daten zeigen, dass viele nach der Schul- oder Studienzeit in Lebensphasen geraten, in denen Bewegung zur Nebensache wird oder keinen Platz mehr hat: der Berufseinstieg, die ersten eigenen Kinder, chronischer Zeitmangel.

200450_1325_200450_cover.jpg
#10 Karl Lauterbach über ein Leben als Herzchirurg - und das wirksamste Superfood
Meine schwerste Entscheidung
 

Was könnte helfen? Die Autoren empfehlen mehr gezielte Programme, die körperliche Aktivität im Alltag fördern – in Schulen, Hochschulen, Unternehmen und Gemeinden. Zudem plädieren sie für ein medizinisches System, das Bewegung nicht nur empfiehlt, sondern aktiv einfordert. Ärztinnen und Ärzte sollten körperliche Aktivität so selbstverständlich abfragen und begleiten wie Blutdruck, Gewicht oder Blutzucker.