Eine unscheinbare Zikade versetzt die deutsche Landwirtschaft in Alarmbereitschaft. Wo sie auftaucht, drohen Ernteverluste – im schlimmsten Fall sogar Totalausfälle. Betroffen sind nicht mehr nur Kartoffeln und Zuckerrüben – auch Möhren, Sellerie, Spargel, Tomaten, Erdbeeren, Paprika und Mangold zeigen Symptome. Die Krankheit, die all das verursacht, trägt einen harmlos klingenden Namen: Stolbur. 

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Verursacht wird sie durch das Bakterium „Candidatus Phytoplasma solani”, das durch Stiche der sogenannten Schilf-Glasflügelzikade übertragen wird. Die Folgen sind gravierend: Die Pflanzen welken, die Knollen und Wurzeln verlieren ihre Festigkeit, der Geschmack leidet und der Zuckergehalt sinkt. Die betroffene Ernte kann oft nicht mehr gelagert oder verarbeitet werden. Der wirtschaftliche Schaden ist enorm – und wird immer größer.

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Zikaden breiten sich in Deutschland aus – Klimawandel als Ursache

Lange galt sie in Deutschland als unbedeutend, doch inzwischen breitet sich die Schilf-Glasflügelzikade in den Agrarregionen der Republik aus. Johannes Zehfuß, Vizepräsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Pfalz Süd, erklärte gegenüber „Bild“, das wärmeliebende Insekt sei vermutlich über Frankreich eingeschleppt worden und habe sich durch den Klimawandel begünstigt im Südwesten Deutschlands ausgebreitet. Heute ist es nicht nur in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, sondern auch in Bayern, Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt anzutreffen.

Mit dem Insekt kommt eine Krankheit, die ganze Ernten vernichten kann. Besonders betroffen ist die Kartoffel, eines der wenigen Grundnahrungsmittel, mit denen sich Deutschland weitgehend selbst versorgen kann. Laut der Union der Deutschen Kartoffelwirtschaft (UNIKA) gelten inzwischen rund 65.000 Hektar Kartoffelanbaufläche als gefährdet – fast ein Viertel der gesamten deutschen Anbaufläche. In Baden-Württemberg verzeichneten Landwirte im vergangenen Jahr teils bis zu 70 Prozent Ernteausfall. In einzelnen Betrieben steht der Anbau vor dem Aus.

Doch die Schäden beschränken sich nicht auf die Knolle. Auch Zuckerrüben sind massiv betroffen: 75.000 Hektar stehen laut dem Deutschen Bauernverband auf dem Spiel. „Die Zikade ist eine echte Bedrohung für unsere Landwirtschaft und die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln“, warnt Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied. Die Politik habe „offensichtlich den Ernst der Lage nicht erkannt“, so sein Vorwurf.

Pflanzenschutz gegen Zikaden: Notfallzulassung in letzter Minute

Angesichts dieser Bedrohung hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) nun reagiert und die Notfallzulassung für das Pflanzenschutzmittel Sivanto erweitert. Dieses darf ab sofort auch im Anbau von Möhren, Roter Bete sowie bei Blumen- und Kopfkohl eingesetzt werden. Es handelt sich um einen kurzfristigen Rettungsversuch, doch Experten bezweifeln, dass er ausreicht.

Denn die Zikade zeigt, wie anpassungsfähig Insekten sein können. „Sie entwickelt sich evolutionär rasant“, warnt Johannes Zehfuß vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd. Ein belastbares, langfristig wirksames Bekämpfungskonzept gebe es bislang nicht.

Stattdessen entscheidet nun auch das Wetter mit. Milde Winter und frühe, warme Frühjahre begünstigen die Ausbreitung zusätzlich. Vor allem im Süden Deutschlands, wo die Temperaturen tendenziell höher sind als im Norden, ist das Ausmaß bereits deutlich sichtbar: Seit 2024 häufen sich die Berichte über welkende Kartoffelpflanzen, beispielsweise im Raum Karlsruhe, auf der Hohenloher Ebene sowie in den Landkreisen Heilbronn, Ludwigsburg und Stuttgart.

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Stolbur-Krankheit wird wirtschaftliches Risiko

Nach Angaben der Verbraucherzentrale besteht für Verbraucher bislang keine Gesundheitsgefahr. Stolbur-geschädigte Produkte gelangen nicht in den Handel. Dennoch könnten sich die Folgen bald im Supermarktregal bemerkbar machen: „Wenn wir die Zikade nicht in den Griff bekommen, wird es zu einer Verknappung von heimischer Ware führen. Das wird möglicherweise höhere Preise zur Folge haben“, so Rukwied.

Für die Landwirte geht es indes um mehr als nur Preissteigerungen. Befallene Ware wird nicht abgenommen und auch das Pflanzgut ist oft unbrauchbar. Es entstehen zusätzliche Kosten für Sortierung und Entsorgung. Manche sprechen bereits von einer neuen Agrarkrise – ausgelöst ausgerechnet von einem kaum fingernagelgroßen Insekt.

mit dpa