Der 7. Oktober 2023 ist für viele Israelis ein Tag des Schreckens, ein Tag, der sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. „Schwarzer Sabbat“ nennen sie ihn. Was als friedliches Musikfestival begann, endete für die 3.500 tanzenden Menschen in einem der schlimmsten Massaker der Geschichte: Schwer bewaffnete Hamas-Kämpfer stürmten das Musikfestival Nova bei Re’im, ermordeten 364 Menschen, nahmen 120 als Geiseln und hinterließen Tausende traumatisierte Menschen. Viele Überlebende kämpfen bis heute mit Angstzuständen, Schlaflosigkeit und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS).

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Doch eine neue Studie israelischer Neurowissenschaftler der Universität Haifa hat nun eine unerwartete Entdeckung gemacht: Der Konsum bestimmter Drogen könnte einigen Festivalbesuchern geholfen haben, die psychischen Langzeitschäden zu lindern.
Studie: MDMA als Puffer gegen das Trauma?
Die Wissenschaftler befragten 650 Überlebende des Anschlags und fanden heraus, dass zwei Drittel der Festivalbesucher vor dem Anschlag Substanzen wie MDMA, LSD oder halluzinogene Pilze konsumiert hatten. Besonders auffällig: Diejenigen, die reines MDMA konsumiert hatten, berichteten in den Monaten nach dem Attentat über eine deutlich stabilere psychische Verfassung.
„MDMA, vor allem in reiner Form, bot den besten Schutz vor schweren psychischen Folgen“, erklärt Professor Gal Salomon von der Universität Haifa gegenüber der BBC. Sein Team fand heraus, dass Überlebende, die während des Anschlags unter dem Einfluss von MDMA standen, in den entscheidenden fünf Monaten nach dem Trauma eine größere psychische Stabilität aufwiesen. Sie litten weniger unter Angstzuständen, schliefen besser und schienen das Erlebte besser verarbeiten zu können als diejenigen, die keine Substanzen konsumiert hatten.
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Wie MDMA die Psyche schützt
Die Forscher der Universität Haifa vermuten, dass die Erklärung in der Biochemie des Gehirns zu finden ist – genauer gesagt in der Wirkung von MDMA auf das Hormon Oxytocin, das oft als „Liebeshormon“ bezeichnet wird.
Oxytocin ist maßgeblich für soziale Bindungen und emotionale Nähe verantwortlich. Unter normalen Umständen stärkt es das Gefühl von Vertrauen und Zusammenhalt – doch in einer extremen Stresssituation wie einem Anschlag könnte es eine ganz andere Wirkung gehabt haben: Es könnte den Überlebenden geholfen haben, nicht in Panik zu erstarren, sondern sich instinktiv gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam zu fliehen.

Außerdem schien die Wirkung über den unmittelbaren Moment der Bedrohung hinauszugehen. Die Studie deutet darauf hin, dass MDMA-Konsumenten nach der Rückkehr aus dem Albtraum empfänglicher für die Unterstützung ihrer Familien und Freunde waren. In einer Zeit, in der viele Überlebende mit Schuldgefühlen und emotionaler Isolation kämpfen, könnte dies ein Schlüsselfaktor für die Genesung gewesen sein.
Die Studie konnte offensichtlich nur Menschen befragen, die das Massaker überlebt hatten – ein Vergleich mit denen, die nicht entkommen konnten, ist unmöglich. Doch viele der Überlebenden, darunter auch Michal Ohana, sind überzeugt, dass die Droge einen entscheidenden Unterschied gemacht hat. „Ich war so high, dass ich mich nicht mehr in der realen Welt fühlte. Und genau das hat mich davor bewahrt, vor Angst zu erstarren oder die Kontrolle zu verlieren“, erzählt sie der BBC.
Mehr dazu: Wie Lee Yaron das Massaker vom 7. Oktober 2023 schildert
MDMA-Therapie: Ein Wendepunkt in der Traumaforschung?
Während die Forschung über MDMA als mögliche Therapie für posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) voranschreitet, bleibt der Gebrauch der Droge in den meisten Ländern illegal. Deutschland, Israel und die meisten europäischen Länder verbieten MDMA sogar für medizinische Zwecke. Nur Australien hat die Substanz offiziell zur Behandlung von PTBS zugelassen – ein weltweit einmaliger Schritt.
Dennoch wächst der Druck, vor allem in Israel, wo die psychischen Folgen des 7. Oktober tiefe Wunden hinterlassen haben. Dr. Anna Harwood-Gross, klinische Psychologin am Metiv Psychotrauma Centre in Israel, sieht in den neuesten Erkenntnissen daher einen Durchbruch: „Diese Ergebnisse sind für uns als Therapeuten extrem wichtig. Sie zeigen, dass MDMA nicht nur bei der Verarbeitung eines Traumas hilft, sondern möglicherweise sogar vor der Entwicklung einer schweren psychischen Störung schützt.” Für viele Überlebende des Nova-Festivals könnte sich damit eine neue Perspektive für den Heilungsprozess eröffnen.
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Während die wissenschaftliche Forschung zu neuen Traumatherapien voranschreitet, bleibt die Lage in Israel und Gaza angespannt. Der durch die Angriffe der Hamas am 7. Oktober ausgelöste Krieg wurde im Januar durch einen sechswöchigen Waffenstillstand unterbrochen. Während dieser Zeit kam es zu einem Gefangenenaustausch: Israel ließ palästinensische Gefangene frei, während die Hamas mehrere israelische Geiseln freiließ.
Diese erste Phase des Waffenstillstands ist inzwischen ausgelaufen. Die Gespräche über ein Folgeabkommen dauern an, eine Einigung konnte jedoch noch nicht erzielt werden. Noch immer befinden sich 59 Israelis in der Gewalt der Hamas. Nach Angaben des israelischen Geheimdienstes sollen aber nur noch 27 von ihnen am Leben sein.
Eine politische Lösung ist vor diesem Hintergrund ebenso wenig in Sicht wie eine Strategie zur Traumabewältigung. MDMA könnte ein möglicher Therapieansatz sein, doch ob die israelische Regierung die Droge für traumatisierte Überlebende freigeben wird, ist ungewiss. Für viele bleibt nur die Hoffnung, dass der medizinische Fortschritt eines Tages den Schmerz lindern kann, den der 7. Oktober hinterlassen hat.





