Fast ein Drittel der Deutschen ist schon einmal fremdgegangen. Das zeigt eine Online-Umfrage von ElitePartner aus dem Jahr 2020. Eine auffällig hohe Zahl. Fast 6.000 Personen in Deutschland nahmen an der Studie teil und etwa 30 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer gaben zu, mindestens einmal in einer Beziehung fremdgegangen zu sein. Rund sechs Prozent der Befragten hatten sogar eine Affäre, hier definiert als mehrmaliges Fremdgehen mit derselben Person. Diese Zahlen könnten jedoch nur die Spitze des Eisbergs sein, da viele Fälle von Untreue unentdeckt bleiben.

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Einige der Seitensprünge passieren sogar trotz glücklicher Beziehung. Forschende wissen mittlerweile: Die Neigung zur Untreue liegt auch in unseren Erbanlagen. Seit mehr als zwanzig Jahren untersuchen Genetiker diesen vermuteten Zusammenhang. Die Ergebnisse machen nachdenklich.
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Fremdgehen in Beziehungen: Auch Erblichkeit hat großen Anteil
So untersuchte die Genetikerin Lynn Cherkas vom King‘s College London für eine Studie 1600 weibliche Zwillingspaare, darunter sowohl eineiige als auch zweieiige Zwillinge. Während die Anzahl der tatsächlichen Seitensprünge bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen ähnlich hoch war – der Anteil lang bei 21 beziehungsweise 23 Prozent –, hatten eineiige Zwillinge eine 1,5-mal höhere Chance fremdzugehen, wenn die Zwillingsschwester bereits untreu gewesen war.
Auch eine finnische Studie aus dem Jahr 2015 zeigt, dass Seitensprünge bei Frauen zu 40 Prozent und bei Männern sogar zu über 60 Prozent auf die genetische Veranlagung zurückzuführen ist. Besonders auffällig beim Blick in die Forschung zum Thema Fremdgehen jedoch der Zusammenhang zwischen Untreue und einem bestimmten Dopamin-Rezeptor.
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Untreue und Gene: Auch andere Verhaltensweisen auffällig
Menschen mit einer bestimmten Genvariante des sogenannten Dopamin-Rezeptors D4 verarbeiten das Glückshormon anders. Sie brauchen mehr Abenteuer und Aufregung, um sich richtig glücklich zu fühlen. Der Biologe Justin Garcia vom Kinsey Institute im US-Bundesstaat in Indiana fand in einer Untersuchung heraus, dass diese Menschen nicht nur eine um 50 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit aufweisen, ihren Partner zu betrügen. Sie sind auch anfälliger für riskantes Verhalten, Glücksspielsucht sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch.
„Dopamin ist für uns ein Verhaltensantreiber und vermittelt Belohnung, beispielsweise beim Schokolade essen oder beim Rauchen“, erklärt Dr. Thomas Plieger von der Universität Niederrhein, Professor für Bio- und Neuropsychologie. „Wir gehen davon aus, dass Dopamin auch die Impulskontrolle mitsteuert, da es eng mit Suchtverhalten verknüpft ist.“ Das könne wiederum eine Grundlage für Untreue sein, sagt er.
Jedoch hält Plieger die Auswirkungen einzelner Genen für sehr gering. Zwar seien diese in großen Zwillingsstudien zu sehen, aber er schätzt: „Der wahre Effekt von einem Gen liegt wahrscheinlich bei einem Prozent.“ Spannend werde es, wenn man viele verschiedene Geneffekte aufaddiere und Umweltfaktoren mitbetrachte. „All diese Effekte machen dann Untreue oder Treue aus, aber einzelne Gene werden dennoch immer nur ein kleiner Teil des Ganzen sein“, so der Neuropsychologe.
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Wie Hormone unsere Beziehungsfähigkeiten beeinflussen
Besonders bei Männern spielt ergänzend der Testosteronspiegel eine große Rolle, denn er beeinflusst unter anderem die sexuelle Freizügigkeit. Was dabei irritiert: In jüngsten Studien gaben Frauen häufiger an, schon einmal fremdgegangen zu sein, als Männer. Bekannt ist jedoch auch: Neben Testosteron und Dopamin spielen auch andere Hormone eine essenzielle Rolle, wenn es darum geht, langfristige, stabile Beziehungen aufzubauen – und diese auch zu pflegen.

Eine australische Studie der University of Queensland beispielsweise zeigt, dass Frauen, die fremdgehen, eine veränderte Form des Hormons Vasopressin aufweisen. Ähnlich wie Oxytocin stärkt Vasopressin die empfundene Bindung zwischen zwei Partnern und beeinflusst, ob wir Vertrauen aufbauen.
Die Forschenden fanden heraus, dass die für die Studie untersuchten Frauen eher fremdgingen, wenn sie eine Variante des Gens AVPRIA – kurz für Arginin Vasopressin Rezeptor 1A – aufwiesen, das an der Vasopressin-Produktion beteiligt ist. Dieses kam bei ihnen auffällig häufig vor. Fraglich bleibt jedoch, was diese Befunde für unsere Beziehungen bedeuten und wie wir mit ihnen umgehen. Passend dazu: Fremdgehen im Urlaub – Warum das Risiko auf Reisen steigt
Erblichkeit ist keine Ausrede für Seitensprünge
Psychologen warnen davor, der Erblichkeit und dem Einfluss unserer Gene auf das Fremdgehen einen zu hohen Stellenwert beizumessen. Garcia etwa stellt mit Blick auf seine Forschung klar, dass nicht alle Menschen mit der entsprechenden Genvariante des Dopamin-Rezeptors D4 untreue Partnerinnen oder Partner seien. Das Vorhandensein eines solchen Gens sei in keiner Weise „ein deterministischer Faktor“, sprich ein Beweis dafür, dass Menschen in festen Beziehungen betrügen oder es in Zukunft tun könnten.
„Die meisten menschlichen Verhaltensweisen sind so komplex, dass wir sie nicht auf ein einzelnes Gen schieben können“, bestätigt auch Plieger und betont: „Wir sind auf keinen Fall Opfer unserer erblichen Anlagen.“ Treue oder Untreue seien niemals genetisch vorprogrammiert, da Gene immer nur im Zusammenspiel mit der Umwelt wirken würden, so der Experte. Das bedeutet für Fremdgeher und Fremdgeherinnen: Sie können so einen „Ausrutscher“ nicht einfach auf ihre Erbanlagen zurückführen und sämtliche Eigenverantwortung ablehnen.
„Ich glaube, dass es Menschen gibt, denen es tendenziell schwerer fällt, treu zu sein oder die vielleicht ein bisschen neugieriger sind, aber ich denke, dass man trotzdem letzten Endes immer noch eine Möglichkeit hat, zu entscheiden“, betont die Wiener Paar- und Sexualtherapeutin Brigitte Moshammer-Peter. „Zu sagen, man muss genetisch-bedingt fremdgehen, würde heißen, man muss genetisch-bedingt lügen. Ich kann nicht fremdgehen, ohne zu lügen.“
Die Bedeutung der Kommunikation in modernen Beziehungen
Letztendlich liege es immer noch im eigenen Ermessen, ob man einem sexuellen oder emotionalen Verlangen nachgehe – oder eben nicht. Frau Moshammer-Peter bezeichnet die Monogamie als „gesellschaftliches Konstrukt“ und betont, dass sie nicht die einzige Beziehungsform ist. Aber wenn wir eine alternative Beziehungsform, etwa eine offene Beziehung anstreben, dann sollte dies eben auch kommuniziert werden, so die Therapeutin. Das gilt selbst dann, wenn Beziehungen bereits instabil sind.
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Ihr Ratschlag an eine Person, die von ihrem Partner oder ihrer Partnerin betrogen wurde: „Setzt euch zusammen und sprecht darüber, warum es passiert ist. Ist der Grund, ich möchte diese Beziehung beenden? Ist der Grund, ich möchte etwas verändern in dieser Beziehung? Oder ist der Grund ganz simpel sexuelle Neugierde?“ Die Paartherapeutin habe schon oft erlebt, dass Affären durchaus verzeihbar seinen, wenn man in einen Dialog komme. Voraussetzung dafür sei, dass beide bereit seien, an sich und an der Beziehung zu arbeiten und sich gegenseitig zuzuhören.
„Sexualität verändert sich im Laufe von Langzeitbeziehungen – und zwar gewaltig“, stellt Brigitte Moshammer-Peter klar. Und das Erleben dieser Veränderungen kann auch mit nur einem Partner durchaus spannend sein, erklärt sie. „Ich muss nicht zwingend immer einen neuen Partner haben, um etwas Neues auszuprobieren.“ Aber auch dafür braucht es respektvolle Kommunikation und die Bereitschaft, intime Gedanken und Sehnsüchte mit eben der Person zu teilen, deren Verurteilung wir möglicherweise am meisten fürchten.








