Friedrichstraße 206

Am 15. August 1961, zwei Tage nach der offiziellen Teilung der Stadt, griff sich der DDR-Gefreite Koch auf Geheiß eines Offiziers Farbeimer und Pinsel und malte quer über die Friedrichstraße einen breiten, weißen Strich, exakt an der Hausecke Nr. 206. Der Strich galt fortan als die Grenze zweier Welten, so dass André Bednarczik, ein späterer Bewohner jenes Hauses, genau genommen mit der oberen Hälfte des Körpers in die DDR ausreiste, sobald er sich nur aus dem Fenster lehnte.

1988 zog der Maler Bednarczik in das Haus mit Blick auf den Checkpoint Charlie, und dort wohnt er heute noch. Die Aussicht aus seinem Fenster hat sich mit den Jahren verändert. Früher blickte er auf Stacheldraht und Wachtürme und versuchte mit Vorhängen die Scheinwerfer an der Grenzanlage abzuwehren, die jede Nacht zum Tag machten. GIs und geheimnisvolle Männer in Zivil gingen damals in dem Haus aus und ein, und ein Nachbar berichtete von merkwürdigem elektronischen Sirren und Pfeifen, das er aus einer der oberen Wohnungen vernommen habe. Es war eine angespannte Zeit, sagt Herr Bednarczik, halb habe er immer damit gerechnet, dass eine verirrte Gewehrkugel durch sein Fenster gepfiffen käme.

Später blickte er auf Mauerspechte aus aller Welt, die mit ihren Hämmern und Meißeln den müde gewordenen Stein bearbeiteten. Und heute, wenn er durch sein nach Farben duftendes Atelier ans Fenster tritt, sieht er Busladungen voll fröhlicher Touristen und die Händler mit den Klapptischen, die russische Armeemützen, Feldstecher und DDR-Autoschilder aus ihren unerschöpflichen Vorräten verkaufen. Und er sieht auf die kalte, gläserne Spitze des Triangel-Hauses vom Architekten Kleihues - Vorposten der neuen schicken Büros und Passagen im Norden -, das bedrohlich wie eine geschliffene Axt in seine Richtung weist.