Friedrichstraße/

Unter den Linden

Er arbeitet dort, wo sich die Friedrichstraße am wenigsten ihres Luxus" schämt. Und er ist der rechte Mann am rechten Platz. Perfekt sitzender Anzug, geschliffene Manieren, ein eleganter goldener Ring am Finger. Schließlich noch der Name: Oleg Graf Siemionow, geboren und aufgewachsen in Warschau, die Familie aus deutsch-russischem Adel.

Es ist ein spezieller Arbeitsplatz, der Bentley-Showroom an der Ecke Unter den Linden. Von früh bis spät treiben Ströme von Touristen und Geschäftsleuten an der breiten Fensterfront vorbei und drücken sich, Sehnsucht im Blick, die Nasen an den Scheiben platt. Herr Siemionow weiß, dass er unter Beobachtung steht, aber das kann seiner Lässigkeit nichts anhaben. Wenn er seine Runden dreht zwischen den Hunderttausende Euro teuren Autos, sieht er aus, als hätte er nie etwas anderes getan.

Er hat. Es ist ein Leben, das man an einem Ort wie diesem nicht erwarten würde: Herr Siemionow studierte Kunstgeschichte in Warschau, engagierte sich in der Gewerkschaft Solidarnosc, wurde ausgewiesen. Kam 87 als politisch Verfolgter in West-Berlin an, sprach kaum Deutsch, schlug sich ein paar Jahre als Geiger in einer Swingband durch. Besuchte Sprachkurse, wurde Autohändler und brachte es schließlich zu seiner eigenen Bentley-Vertretung in Dresden. Zweimal spülte ihm die Flut dort sein Geschäft davon, dann hatte er genug von der Elbe und kehrte heim nach Berlin. Hier an der Friedrichstraße führt er jetzt den 500 Besuchern pro Tag die Autos vor, die sich die meisten von ihnen niemals werden leisten können.