"Unsere Tür stand immer offen"

Es ist ruhig geworden im Leben von Günther und Angelica Holst - verglichen mit früher jedenfalls. In ihrer 110-Quadratmeter-Wohnung leben außer ihnen nur noch zwei Studenten, einer aus Deutschland und ein vierteljährlich wechselnder Berufspraktikant aus Osteuropa, mal aus Ungarn, mal aus Estland, Lettland, Litauen, Bulgarien oder Rumänien.

Pateneltern sind sie kürzlich auch noch geworden, für die Tochter eines Flugzeugingenieurs aus der ehemaligen Sowjetunion, der einmal bei ihnen gewohnt hat.

Es gab Zeiten, da waren sie mindestens doppelt so viele: neben den Eltern vier leibliche Kinder, ein Adoptivkind und wechselnde Gaststudenten. Außerdem war das Ehepaar Holst beim Bezirksamt des Hamburger Stadtteils Bergedorf als "Feuerwehr" bekannt, nahm mehrmals Pflegekinder für einige Wochen in seiner Mietwohnung auf.

Schon in den 1950er-Jahren, als sie mit ihren damals zwei Kindern in einer Zweizimmerwohnung lebten, hatten Angelica und Günther Holst für vier Jahre ein Mädchen aus der Verwandtschaft bei sich, das in der Schule nicht zurechtgekommen war. Um die Enge erträglich zu machen, beauftragte Günther Holst einen Schreiner: Der baute einen flachen Schrank, auf dem das Kind schlafen konnte. "Wir hatten eben immer ein Haus der offenen Tür", sagt Angelica Holst, "das ist Teil unseres Familienlebens."

Zu ihrem Leben als Christen passt es auch. Aufgewachsen sind sie in einer unabhängigen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde, der sie noch heute angehören. Ihr Vater war Pastor, seiner Tischler, und sie kannten sich von klein auf aus dem Gottesdienst und der Kinderbibelstunde. Das Jahr 1943, sie war damals 13, ist Angelica Holst in besonderer Erinnerung: "Er wurde 15 und lud mich zum Geburtstag in seine Familie ein - da fing ich an, mich für ihn zu interessieren."

Zunächst aber wurden die beiden getrennt. Er musste mit einer Gruppe von Halbwüchsigen Verschüttete ausgraben, kam dann zum Arbeitsdienst und wurde kurz vor Kriegsende noch Soldat. Erst 1945 trafen sie sich wieder, da lag ihre Kirche in Trümmern und sollte wieder aufgebaut werden. Die Jugendlichen halfen, den Schutt beiseite zu räumen, sammelten Steine und hielten Nachtwache an der Baustelle. Der Jugendkreis der Gemeinde löste sich am Ende in Paare auf.

Auch sie und Günther Holst kamen sich näher. Wenn die Gemeinde sonntags mit dem Vorortzug zum Gottesdienst in die Vier- und Marschlande südöstlich von Hamburg fuhr, nutzten sie jede Gelegenheit, um im Abteil miteinander allein zu sein.

Waren sie damals richtig verliebt? "Ja", sagt sie und wendet sich an ihn: "Warst du das?" - "Habe ich vergessen", knurrt er. "Doch!", sagt sie. "Warst du!" Reibung und bisweilen heftiger Krach sind den Eheleuten Holst nicht unbekannt, früher flogen auch mal die Tassen. Beide sind temperamentvoll, beide sind laut. An Trennung dachten sie trotz des gelegentlichen Streits nie, die gemeinsame Religiosität war das Fundament ihrer seit 1951 andauernden Ehe. "Wir haben von unseren Eltern gelernt, Probleme ins Gebet und vor Gott zu bringen", sagt Angelica Holst. "Da staunt man, wie sich manches glättet."

Das Familienleben war auch ohne Auseinandersetzungen turbulent. Günther Holst, von Beruf technischer Kaufmann, fotografiert leidenschaftlich und organisierte jahrelang einen familieninternen Fotowettbewerb, zu dem selbst die erwachsenen Kinder noch anreisten. Sie, gelernte Hauswirtschafterin, lud einmal in der Woche Jungen und Mädchen aus der Nachbarschaft zu Bibelstunden ein, mit Vorlesen, Singen und Beten.

Die eigenen Kinder entdeckten schon früh die Welt und brachten viele Freunde mit nach Hause. "Dafür haben wir uns Zeit genommen", sagt Angelica Holst, "das erweitert den Horizont." Später reisten sie auf den Spuren ihrer Kinder mehrfach nach Israel, wo zwei Töchter zeitweise im Kibbuz lebten; sie besuchten ihre Zweitjüngste in Dubai, wo deren irakischer Ehemann ein Engagement als Musiker hatte; sie durchquerten die USA mit einem ehemaligen Gaststudenten, der mittlerweile Priester in Cincinnati ist und mit ihnen schon mehrere Urlaube auf Amrum verbrachte.

Als Günther Holst 1991 in Rente ging, hatte seine Frau schon lange vorher für ein erfülltes Rentnerleben gebetet. Es scheint geholfen zu haben. Sie haben für sich die richtige Mischung aus Nähe und Distanz gefunden. Er, mittlerweile 75, verbringt viel Zeit im Schrebergarten und kümmert sich um Reparaturen in der Wohnung oder bei den Kindern. Sie gibt mit 73 Jahren noch Klavierunterricht, organisiert Bibelstunden für Kinder im Hamburger Marienkrankenhaus und verabredet sich mit Freundinnen.

Beide genießen aber auch die Zeit zu zweit, etwa die tägliche Teestunde, zu der sie ihm vorliest. Gemeinsam engagieren sie sich in der Gemeinde - er als Küster, sie als Organistin, beide in einem Hausbibelkreis. Und weil sie Hunde mögen, nehmen sie Tiere anderer Hundehalter in Pension, wenn die Besitzer in Urlaub fahren.

Still wird es bei den Eheleuten Holst also nie. Zumal sie die Anregungen durch Menschen anderer Kulturen schätzen - und mit ihren Gästen die Küche und das Bad teilen. Über die Reaktionen im Bekanntenkreis wundern sie sich anhaltend. "Das ist eine grauenhafte Vorstellung für viele, auch junge Menschen", sagt Günther Holst. "Bloß keine Fremden in der Wohnung!"