Klaus und Erika Breustedt kannten einander nur oberflächlich, als sie 1947 in der Kleinstadt Wernigerode heirateten. Er war damals 30 Jahre und fast schon "ein Hagestolz", wie seine Frau sagt. Zwar hatte er vor ihr andere Freundinnen, aber als Soldat hatte er sich während des Krieges nicht binden mögen.
Nun wurde es nach damaligen Maßstäben Zeit für ihn. Und auch wenn die beiden nicht viel voneinander wussten, so kannten sie doch die Familienverhältnisse des anderen und Menschen, die beiden etwas bedeuteten: Ihr Vater war sein Lateinlehrer und hatte ihn als klugen Schüler des Öfteren zu Hause erwähnt, was sie beeindruckte. Und Klaus Breustedts jüngerer Bruder war mit Erika Steinmüllers bester Freundin liiert.
Auf deren Verlobungsfeier funkte es zwischen Erika und Klaus. Er nahm auf dem Nachhauseweg ihre Hand, und sie fand den sieben Jahre älteren Mann auf einmal gar nicht mehr so spröde. Sie verliebten sich, begannen einander zu schreiben, und bald fragte er sie, ob sie "Marlis Schwägerin" werden wolle. "Hinterher fanden wir, dass es ein Risiko war, weil wir uns kaum kannten", sagt Klaus Breustedt. "Aber unsere Milieus waren ähnlich, das schafft ein Gefühl von Zusammengehörigkeit."
Eine Portion Glück war auch dabei, denn wie gut sie harmonierten, stellte sich erst im Laufe der Zeit heraus: Beide gingen gern ins Konzert, ins Theater und Museum, beide liebten es, im Urlaub zu wandern oder auf Bustouren Europa zu entdecken. Beide legten Wert auf gemeinsame Freunde.
Und während andere Paare durch Nachwuchs an ihre Grenzen kommen, galten ihnen die Tochter und der Sohn als "ein wesentlicher Kitt für die Ehe", wie Klaus Breustedt sagt: "Die gemeinsame Liebe und Sorge schweißen zusammen." Das galt auch für jene Jahre, als ihre Tochter sich in der 68er-Bewegung engagierte und vom Berufsverbot betroffen war, gegen das sie sich schließlich erfolgreich zur Wehr setzte.
Der größte Einschnitt in ihrem Leben war der Weggang aus Wernigerode in den Westen. 1957 war das, vier Jahre vor dem Bau der Mauer. Er hatte die Entwicklung kommen sehen. Doch der Neuanfang in Westdeutschland fiel ihm schwer, weil er zunächst, getrennt von der Familie, beim Autohersteller Borgward in Bremen arbeitete. Sie lebte mit den Kindern in Essen, bei Schwager und Schwägerin. Als er sich einsam fühlte und ihn erste Zweifel quälten, ermunterte sie ihn zum Durchhalten.
Das zeichnet die Breustedts aus: Sie sind beweglich und wagen gemeinsam Neues. Selbst mit mehr als 70 Jahren trauten sie sich noch einen Stadtwechsel zu. Um ihren Kindern und Enkeln näher zu sein, zogen sie von Salzgitter nach Hamburg. Die unbekannte Umgebung haben sie sich systematisch erschlossen, mit Kulturführer und Stadtplan.
Krisen, Streitigkeiten, Konflikte? Die Breustedts müssen lange nachdenken, bevor ihnen etwas einfällt: "Autofahren war ein Grund, sich zu krachen", sagt er schließlich, vor allem beim Parken konnte seine Frau es ihm nie recht machen. "Klaus muss alles aufheben und kann nichts wegwerfen", sagt sie. Aber das seien Lappalien, finden beide, und der richtige Umgang mit solchen Spannungen war auch eine Voraussetzung für das Glück zu zweit: "Wenn man sich kracht, dann sollte man abends versöhnt ins Bett gehen."
Die Breustedts sind ein eingespieltes Team, gleich lebhaft, gleich selbstbewusst, mit einer ähnlichen Sicht auf die Dinge. Seit beide nicht mehr arbeiten - er war leitender Angestellter im Hüttenwerk Salzgitter, sie Apothekerin -, verbringen sie ihren Alltag meist gemeinsam. "Eigentlich kleben wir nicht aneinander", sagt er. "Andererseits, je älter man wird, und wenn die Kinder nicht mehr da sind, klebt man doch."
57 Jahre sind sie mittlerweile verheiratet, und ihre Verbindung, so empfinden es beide, ist im Laufe der Jahre immer tiefer geworden. Dies auszudrücken, fällt ihm nicht leicht. "Warum ich dich gern habe?" Klaus Breustedt sucht sichtlich nach Worten, während seine Frau ihn erwartungsvoll anschaut. Schließlich sagt er: "Weil du da bist."

