Auch die Liebe will gelernt sein

"Familiendisziplin stand an erster Stelle"

Die Ex-Verfassungsrichterin Jutta Limbach (70) und ihr Mann Peter (69) schwören auf getrenntes Wohnen

Zwei Wochen lang sind sie nun schon zusammen in ihrer Berliner Wohnung - für Jutta und Peter Limbach eine lange Zeit. In ihren drei Domizilen in Deutschland leben sie meist getrennt voneinander. So ganz freiwillig sind sie diesmal allerdings nicht vereint. Jutta Limbachs Fuß steckt nach einer Operation in Gips. Dadurch ist sie zur Muße gezwungen, ein Zustand, den sie nur begrenzt erträgt, während er ihn seit seiner Pensionierung vor vier Jahren genießt.

Seit über 40 Jahren sind die beiden ein Paar, aber wirklich miteinander verbracht - so ihre eigene Berechnung - haben sie kaum mehr als zehn Jahre. Fast von Beginn an führten sie eine "ambulante Ehe", wie sie es nennen: Er arbeitete im Bonner Innenministerium und betreute nach Dienstschluss den tagsüber vom Kindermädchen gehüteten Nachwuchs, sie war Hochschullehrerin in Berlin und verbrachte nur verlängerte Wochenenden und die Semesterferien mit der Familie. Über Jahre an einem Ort waren die beiden eigentlich nur, als sie sich kennen lernten. Das war während des gemeinsamen Jura-Studiums Ende der 1950er-Jahre in Berlin.

Jutta Limbach, die damals noch Ryneck hieß, fiel ihr späterer Mann beim Repetitor auf: "Hinter mir meldete sich wiederholt ein Jüngling zu Wort und hatte eine so wunderschöne Stimme", sagt sie. "Als ich mich umdrehte, sah ich: Augen, die mich ansprechen, hatte der junge Mann auch." Er hingegen erinnert sich an ihre muntere Art, sich an Diskussionen zu beteiligen: "Meine Frau war gern die Erste, die ihre Meinung äußerte."

Vorneweg war Jutta Limbach auch im Beruf. Nach fast zwei Jahrzehnten als Professorin für Rechtswissenschaft übernahm sie 1989 das Justizressort des rot-grünen Senats in Berlin. 1994 wurde sie als erste Frau an die Spitze des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe berufen, in der Protokoll-Hierarchie die Nummer fünf im Staate.

Dass die Limbachs noch lange nach der Hochzeit getrennt voneinander lebten, war zunächst keine bewusste Entscheidung. Es ergab sich so, weil sie an verschiedenen Orten arbeiteten. Die Geburt der drei Kinder erschien ihnen kein Grund zusammenzuziehen. Dass er den größeren Teil der Familienarbeit übernahm, lag für sie nahe: "Er war der Ruhigere und Stetigere."

Im Rückblick bezeichnen sie den getrennten Alltag als Erfolgsgeheimnis ihrer Verbindung. "Eine zu lang andauernde räumliche Nähe ist der Tod einer jeden intimen Beziehung", sagt Jutta Limbach. Im Übrigen sei sie keine ganz einfache Frau: "Ob er mich tagtäglich ertragen hätte . . .?" - "Ich glaube nicht", sagt Peter Limbach.

Was er an ihr schwierig findet, ist ihre Neigung zum exzessiven Arbeiten. "Ich kann nicht stillsitzen. Ich muss immer etwas tun", sagt die 70-Jährige. Zwar hat ihr Mann sie als ehrgeizigen Menschen kennen gelernt und ihren Berufsweg unterstützt. Wenn sie aber den geplanten Familienurlaub infrage stellte, war bei ihm die Grenze erreicht. Dreimal griff er zum Äußersten - und schrieb ihr einen Brief: "Ich habe ihr klargemacht, wie wichtig die Sache sei, und dass ich Familiendisziplin erwartete", sagt er.

Mit Erfolg. "Mir fiel auf, dass ich dabei war, sozial zu verwahrlosen", sagt sie. Bei allem beruflichen Engagement - er hatte es im Innenministerium zum Ministerialdirigenten gebracht - waren sich die Limbachs über den Stellenwert der Familie einig. Als die Kinder noch klein waren, verbrachten die Eltern gemeinsame Abende fast ohne Ausnahme mit dem Nachwuchs. Der Vater kochte, dann wurde stundenlang vorgelesen - ein Fernsehgerät gibt es in der Bonner Familienwohnung bis heute nicht. Sobald die Kinder Rucksäcke tragen konnten, reisten die Limbachs im Sommer für mindestens vier Wochen durch Spanien oder Frankreich, mit Bus, Bahn und Taxi. Ein Auto besaßen sie nie, ebenso wenig ein Haus. "Das sind Plagen, die wir beide nicht kennen gelernt haben", sagt Jutta Limbach.

Trotz der Trennungen bleiben sie immer eng verbunden. Wenn sie in verschiedenen Städten leben, telefonieren sie täglich. Das berufliche Milieu zu teilen, sei eine günstige Voraussetzung für eine glückliche Ehe, findet Jutta Limbach.

Der 69-Jährige hätte mitunter gern mehr von ihr, gibt er zu. Wenn sie ihr Ehrenamt als Präsidentin des Goethe-Instituts in München mal wieder wie einen Vollzeitjob betreibt, verweist er warnend auf die Geschichte des Sexualforscher-Ehepaars William Masters und Virginia Johnson: Die beiden trennten sich nach über 30Jahren Ehe im Rentenalter, weil sie ein anderes Leben wollte, während er weitermachte wie bisher.

Nach Ablauf ihrer Amtszeit wollen die Limbachs den Lebensmittelpunkt vielleicht nach Berlin verlagern. Für diesen Fall denken sie allerdings an zwei Wohnungen, mit mindestens 30 Kilometer Abstand dazwischen. Keine Sehnsucht, endlich mal zusammenzuwohnen? "Ich bitte Sie", sagt Peter Limbach, "wir sind 35 Jahre getrennt gewesen. Hätten Sie da keine Angst, plötzlich zusammenzuziehen?"

Dieser Artikel ist ein gekürzter Beitrag aus der am Montag erscheinenden Ausgabe des Magazins GEO WISSEN zum Thema "Freundschaft und Familie - Was im Leben wirklich zählt". Weitere Themen u. a.: Eltern - wie sie unser Leben prägen; Streiten lernen - Wege aus der Konfliktfalle; Test: Wie gut ist ihre Beziehung? Das Heft hat 180 Seiten und kostet acht Euro.