Der elfjährige Florian Thiel aus Marzahn hat einen Wunsch: "Ich möchte mal wieder Obst essen." Der blasse, etwas dickliche Junge schwärmt für Bananen, Mangos, Erdbeeren und Kiwis. Und so gerne ihm seine Mutter, die Hartz-IV-Empfängerin Andrea Thiel, den Wunsch erfüllen würde, es geht nicht. "Ich kann nur Billigprodukte kaufen.
Jetzt, am Monatsende leben wir von der Hand in den Mund und sind auf Spenden von Freunden angewiesen." Fast täglich kocht die alleinerziehende Mutter Reis für ihre Zwillinge Jasmin und Florian. Fleisch gibt es nie, das ist zu teuer. Etwas mehr als 1000 Euro bekommt die Hartz-IV-Empfängerin pro Monat für sich und ihre Kinder. Abzüglich der Miete für die Drei-Zimmer-Wohnung im Plattenbau und der Nebenkosten bleiben ihr etwa 200 bis 300 Euro, um die kleine Familie zu ernähren. "Kleidung, Schuhe und Schulsachen sind meist unerschwinglich."
Florian braucht ein neues Schreibheft. "Doch vor Freitag kann ich ihm keines kaufen", sagt Andrea Thiel. Deshalb habe sie der Lehrerin einen kurzen Brief schreiben müssen und sie darin um Verständnis gebeten. Am Freitag werde das Geld für Februar auf dem Konto, dann könne sie auch das Heft kaufen. Klebstoff, eine Schere oder ein Hausaufgabenheft zu besitzen, sei für die Viertklässler Jasmin und Florian nicht selbstverständlich.
Besonders Jasmin fällt es schwer, die Situation der Familie zu akzeptieren. "In der Schule sieht sie, dass die anderen Kinder Markenkleidung tragen. Dass zu Hause ein Papa ist, der Geld verdient", sagt ihre Mutter. Der Verzicht fällt der Elfjährigen schwer, sie ist oft wütend und traurig. "Ich versuche alles und spare am härtesten an mir selbst." Andrea Thiel, seit neun Jahren von Hartz IV abhängig, isst nur das, was Jasmin und Florian übrig lassen. Sie gehe nie aus, Shoppen sei undenkbar.
Zusätzliches Geld für die Kinder würde ihr natürlich helfen. Sinnvoller fände sie allerdings, wenn das Kindergeld nicht, wie bisher, von ihrem Hartz-IV-Regelsatz abgezogen werden würde. 165 Euro mehr bekäme die Hartz-IV-Empfängerin dann für jedes Kind.
So oft sie Zeit hat, macht Andrea Thiel mit ihren Kindern Lernspiele und hilft ihnen bei den Hausaufgaben. "Ich will, dass sie gut in der Schule sind, um sich später selbst ernähren können." Dennoch seien die beiden im vergangenen Jahr sitzen geblieben. Sorgen bereite ihr auch das Umfeld, in dem ihre Kinder keine guten Vorbilder fänden. "In Marzahn wohnen fast nur Arbeitslose, wir ghettoisieren hier." Deshalb versucht Andrea Thiel selbst Vorbild zu sein. Seit einem Jahr hat sie einen 1,50 Euro-Job in einer karitativen Einrichtung, kümmert sich dort um ältere Menschen und versucht ihren Kindern so einen geregelten Alltag vorzuleben.




