Da sage noch einer, Goethe sei nicht aktuell. Wie heißt es doch im "Faust", der Tragödie erster Teil? "Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehn! Indes Ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches geschehn ..." Allein an Komplimenten mangelte es bislang nach dieser Wahl voller Überraschungen, Worte dagegen wurden reichlich gewechselt. Wir harren der Taten, der besseren Einsichten, die den ehrlichen, überfälligen Versuch machen, etwas Nützliches zu beginnen, um das Land aus der Krise zu führen. Vor dem Hintergrund von fast fünf Millionen Arbeitslosen und einem ungedeckten zweistelligen Milliardenloch im Etat länger egomane Machtspielchen zu betreiben, grenzt an Verhöhnung der Menschen.

Dabei ist die Lage eigentlich längst klar. Weil sich Schwarz-Gelb-Grün gegenseitig zu sehr beißen, konnten sie nach Jamaika nicht kommen, in der Ampel fehlte von vornherein das gelbe Licht, und Rot-Rot-Grün ist ein Widerspruch in sich. Bleibt also die große Koalition aus CDU/CSU und SPD. Wahrscheinlich haben die Wähler sie am Ende sogar gewollt. Nach dem Motto: Wir sehen ja ein, daß vieles reformiert werden muß, aber bitte nicht übertreiben.

Am Ende dieser Woche haben denn auch alle eingesehen, daß es sich nur noch lohnt, darüber zu spekulieren, wer für die schwarz-rote Zwangskoalition ins Kanzleramt einzieht. Selbst diese Frage läßt sich aus der Erfahrung wie den bewährten Spielregeln der erfolgreichen deutschen Nachkriegsdemokratie eigentlich leicht beantworten: Wer die Mehrheit hat, stellt den Kanzler. Konrad Adenauer wurde 1949 mit nur einer Stimme mehr zum Kanzler gewählt, und 2002 verkündete Gerhard Schröder, Rot-Grün hatte gerade mit 6000 Stimmen Vorsprung gesiegt, mit stolzgeschwellter Brust, Mehrheit sei Mehrheit. Vor einer Woche bekamen CDU/CSU 450 000 Stimmen mehr als die SPD.

Machtmenschen fällt der Abschied schwer. Gerhard Schröder fühlt sich gar unersetzlich. Doch die Spielregeln der Demokratie sind andere. Macht wird immer nur auf Zeit verliehen, und ohne Mehrheit keine Macht. Auch Schröder sollte das schleunigst einsehen. Die Menschen wollen endlich Taten. Möglich und auch nützlich können diese durchaus werden, weil Union und SPD auf vielen Feldern näher beieinander sind, als sie im Wahlkampf propagierten. Hartz-Reformen, Job-Gipfel, Subventionsstreichliste, Föderalismuskommission - das roch schon alles nach großer Koalition ...