Berlin - Seit einem Jahr vertritt Vladimir Kotenev (48) die Russische Föderation in Deutschland. Der Diplomat diente im sowjetischen Generalkonsulat in West-Berlin, in der sowjetischen Botschaft in der DDR, in Österreich und in der Schweiz. Bevor Kotenev wieder nach Berlin entsandt wurde, war er Chef des Konsulardienstes im russischen Außenministerium. Mit ihm sprach Aschot Manutscharjan.
Berliner Morgenpost : Was bedeutet der 60. Jahrestag des Kriegsendes für Rußland?
Vladimir Kotenev : Zuallererst handelt es sich um den Tag unseres Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. Damals stand nicht weniger als das Überleben der ganzen sowjetischen Bevölkerung auf dem Spiel. Die Nazis hatten den Plan zur Vernichtung aller Völker der Sowjetunion. Vielleicht ist der 60. Jahrestag des Kriegsendes das letzte runde Jubiläum, an dem die Veteranen und die Zeitzeugen teilnehmen und der nächsten Generation noch selbst mitteilen können, daß sie ein solches Gemetzel nie wieder zulassen dürfen. Die jüngere Generation ist geradezu verpflichtet, den Veteranen ein solch großes Fest zu schenken.
Wie steht es um die Versöhnung zwischen Russen und Deutschen?
Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung Rußlands wie auch der übrigen GUS-Länder und die Deutschen betrachten sich schon lange nicht mehr als Feinde. Dieses Jahr wird es zum ersten Mal in der Geschichte eine gemeinsame Militärübung der Bundeswehr mit unserer Armee auf dem Territorium Rußlands geben. Vor allem die neue Ostpolitik der Bundesregierung unter Bundeskanzler Willy Brandt hat zu einer Normalisierung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der UdSSR beigetragen.
Die Präsidenten der drei baltischen Staaten führen über die Medien einen Kampf gegen die Feiern zum 9. Mai. Zwei von ihnen kommen gar nicht erst nach Moskau.
Rußland hat alle EU-Staats- und Regierungschefs eingeladen. Litauen und Estland kommen nicht, weil sie die Nachkriegsgeschichte umschreiben wollen. Am meisten falsifiziert Lettland die Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Die Letten feiern die Jubiläen der Gründung von SS-Divisionen und haben offiziell sogar ein KZ zu einem "Arbeits- und Erziehungslager" deklariert. Wir haben diesen Ländern vorgeschlagen, zusätzlich zu den bilateralen Grenzverträgen eine politische Sondererklärung zu verabschieden, die eine spätere Interpretation dieser Verträge verhindern soll. Die baltischen Staaten lehnten das jedoch ab.
Wird die sogenannte "Beutekunst" zurück gegeben?
In Rußland gibt es ein "Gesetz über zwangsversetzte Kulturgüter". Einige Forderungen der Deutschen widersprechen diesem Gesetz. Über einen Teil der Kulturschätze wird zurzeit verhandelt. Wir haben vorgeschlagen, jeden Einzelfall von deutschen und russischen Experten prüfen zu lassen. Sie sollen ihre Empfehlungen den Regierungen vorlegen.


