Kein Durchkommen für die NPD

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Um 15 Uhr hatten die Berliner gewonnen. Die schwarzen Schauerwolken über dem Stadtzentrum hatten sich verzogen. Unter den Linden drängte sich eine nach Tausenden zählende Menschenmenge, bewaffnet mit Fahnen, Transparenten und Luftballons. "Wir werden hier nicht aktiv werden", schallte es ihnen aus einem Polizei-Lautsprecher entgegen. "Wir bitten Sie, Ruhe zu bewahren und ihren Protest friedlich durchzuführen."

Die Bürger hielten sich an die Aufforderung, verhinderten aber durch ihre Blockade den Aufmarsch der rechtsextremen NPD gegen den "Schuldkult" am 60. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands vom Alexanderplatz zum Bahnhof Friedrichstraße. Die NPD-Anhänger mußten am Ausgangspunkt ihrer Demonstration verharren. Die Polizei hatte zwar an der Schloßbrücke zwischen Dom und den Resten des Palastes der Republik Wasserwerfer aufgefahren. Die Einsatzleitung sah aber keine Möglichkeit, die genehmigte Route freizumachen. Szenen wie vor Wochenfrist in Leipzig, wo linke Gegendemonstranten von der Straße gespritzt worden waren, wollte die politische Führung Berlins unter den Augen der Weltöffentlichkeit am 8. Mai vermeiden.

Rund 3000 NPD-Anhänger hatten sich am Alexanderplatz eingefunden, weniger als erwartet. Mit Bussen waren sie in Außenbezirken der Hauptstadt abgeladen worden. S-Bahnen brachten die Protestierer gegen die "Befreiungslüge" zum Alexanderplatz. Nach penibler Leibesvisitation waren die Rechten mehr als drei Stunden zwischen rot-weißen Polizeigittern eingezwängt. Sechs Dixie-Toiletten boten den einzigen Komfort.

Um den Kundgebungsplatz im Schatten des Fernsehturms hatte die Polizei im Radius von zwei Blocks starke Sperren errichtet. Für Gegendemonstranten war kein Durchkommen. "Das ist ja ekelhaft", meckerte eine rechte Frau mit sächsischem Akzent, "wovor haben die Schweinepriester denn Angst?" Springerstiefel, Trommeln und andere Symbole hatte die Polizei verboten. Und so boten die "Jungen Nationaldemokraten" und ihre Freunde an diesem regnerischen Sonntag ein wenig martialisches Bild. Neben Glatzen in Turnschuhen standen alte Männer im Lodenmantel, Mädels mit blonden Zöpfen saßen auf dem Blumentopfrand, streng gescheitelte Jungmänner mit Krawatte trugen ein schwarzes Banner mit der altdeutschen Aufschrift "Nationales Bündnis Preußen". Rocker-Typen mit dunklen Brillen und langen Mänteln unterhielten sich mit Jugendlichen mit angesagten Zickenbärtchen. Autonome Nationalisten schwenkten schwarze Fahnen. Deutsche Neonazis sind schon lange nicht mehr auf den ersten Blick zu erkennen. Die rechte Führung gab sich staatsmännisch. "Wir kommen 2006 in den Bundestag", versicherte NPD-Chef Udo Voigt ins Mikrofon eines koreanischen Journalisten. "Ich bin das erste Mal bei so einer Demo", sagte ein Junge aus Thüringen, der mit seiner Freundin nach Berlin gekommen ist. Er wolle seine Solidarität zeigen. "Wenn man durch deutsche Städte geht, sieht man nur noch Multikulti, Kommunisten und beschmierte Straßen", sagt er. Da sei er froh, daß es noch Kameraden gebe.

Gegen diese Kameraden hatten sich am Morgen bald 6500 Gegendemonstranten in Mitte versammelt, um den Neonazi-Aufmarsch zu stoppen. Da rollten Lastkraftwagen mit jungen HipHoppern hinter dem Block der Antifa, die Marxisten-Leninisten priesen die Rote Armee für die Befreiung Berlins, russische Ska-Musik fuhr in die Beine. "Ihr steht heute hier für die Nazis", beschimpfte eine Frau am Hackeschen Markt die Polizisten. "Haut einfach ab."

Nur einige wenige Straßenkämpfer wagten jedoch den Versuch, den starken Polizeikordon rund um die Rechten-Demo zu attackieren. Außer einigen kleinen "Scharmützeln" blieb bis zum Nachmittag alles friedlich.

Dafür sorgten auch die vielen Tausend Menschen, die vom Brandenburger Tor aus den Rechten entgegenkamen, nachdem die Kranzniederlegung des Bundespräsidenten an der Neuen Wache vorbei war. Am Brandenburger Tor vereinte das offizielle Fest für Demokratie des Berliner Senats fast die ganze Gesellschaft von Parteien, Gewerkschaften, Jugendverbänden, Wohlfahrtsorganisationen neben Bierständen und Wurstbuden vor einer großen Bühne. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) warnte in seinem x-ten Interview vor den Ewiggestrigen. Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) riet den Festbesuchern zu einem "lockeren Spaziergang" zur Brücke neben dem Dom, um dort die Demo-Route der NPD zu blockieren: "Wir sind viele, wir sind viel mehr und wir sind stark", sagte Künast.

Bei der Kundgebung der NPD agitierte unterdessen der rechte Barde Frank Reinecke gegen den Gedanken der "Befreiung" Deutschlands am 8. Mai 1945 und buhlte mit dem Hinweis auf die Unterdrückung der Völker Mittel- und Osteuropas durch die Sowjets um Sympathien. Aber die Parolen gegen die USA und Polen, die Deutschland den Krieg aufgezwungen hätten und somit für die Katastrophe von 1945 verantwortlich seien, verhallten auf dem abgesperrten Alex, und fast niemand außer ein paar Neonazis hörte zu.