Everybody's Darling war Andrea Nahles noch nie. Die 37-Jährige gilt als gewiefte Polit-Taktiererin, die mit ihrem burschikosen Jargon schon so manchen SPD-Granden verärgert hat. Die studierte Germanistin ist blitzgescheit, diszipliniert und verlässlich. Ihren Sommerurlaub verbrachte sie in diesem Jahr mit der Arbeit am neuen Grundsatzprogramm der SPD. Herausgekommen ist ein Werk, in dem sich alle Parteimitglieder wiederfinden können, das aber auch die Sehnsüchte der Linken befriedigt.
Seit mehr als neun Jahren sind Nahles und VW-Personalvorstand Horst Neumann ein Paar. Sie leben in einer Fernbeziehung, am Wochenende trifft man sich im umgebauten Bauernhof ihrer Urgroßeltern.
Lange verlief die Karriere der Pfälzerin geradlinig. Bis 1999 war sie Juso-Vorsitzende - eine Position, die innerhalb der SPD als sicheres Sprungbrett gilt. 1998 rückte sie in den Bundestag ein, schaffte aber 2002 den Wiedereinzug nicht. 800 Stimmen fehlten. Das politische Ende schien nah, doch Nahles kämpfte. Sie ging zur IG Metall und schrieb ihre Dissertation.
Die SPD entschädigte sie mit dem Vorsitz der Kommission zur Bürgerversicherung. Publikumswirksam präsentierte das Gremium seine Vorschläge, nach denen alle Bürger mit ihrem gesamten Einkommen solidarisch in die Gesundheitskasse einzahlen sollen.
Als der damalige Parteichef Franz Müntefering im Frühjahr 2005 vorgezogene Neuwahlen verkündete, hielt sie es zwar für einen "Riesenquatsch", witterte aber ihre Chance. Mit einem mehr als 30 Jahre alten Feuerwehrauto legte sich Nahles im Wahlkampf ins Zeug. Ihren Wahlkreis Mayen/Ahrweiler konnte sie zwar nicht direkt gewinnen, war aber über die rheinland-pfälzische Landesliste abgesichert.
Das Etikett einer "Königsmörderin" wurde Nahles vor zwei Jahren verliehen. Die Parteilinken hatten gegen den von Müntefering favorisierten Kajo Wasserhövel als Generalsekretär Front gemacht und stattdessen Nahles in die Spur geschickt. In einer Kampfabstimmung setzte sich Nahles gegen Wasserhövel durch, allerdings schmiss Müntefering den Parteivorsitz hin. Nahles reagierte schockiert, mit solchen Konsequenzen hatte sie nicht gerechnet. Jetzt wurde sie auf dem SPD-Parteitag mit 74,8 Prozent der Delegierten als stellvertretende Parteivorsitzende gewählt.


