Dieser 1.Mai hatte wieder zwei Gesichter. Das politische und damit das dem Tag der Arbeit angemessene. Und in Berlin einmal mehr ein gewalttätiges. Während sich in der Hauptstadt die zum Ritual gewordene Machtprobe jugendlicher Randalierer mit der Polizei zum 16. Mal wiederholte, bot die zentrale Maikundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes Neues: Ein sozialdemokratischer Kanzler wurde gnadenlos ausgepfiffen.

Ein Echo, das angesichts der bekannten Kritik der Gewerkschaften an den Reformplänen Gerhard Schröders nicht überraschte. Erschreckend dagegen die Reaktion des Kanzlers und SPD-Vorsitzenden, die von wenig Souveränität, geschweige denn von politischer Klugheit kündet. Wer statt auf Argumente zu hören pfeife, habe "wenig im Kopf", beschied Schröder seine Zuhörer. Bei aller Nachsicht mit dem Kanzler ob dessen verständlichem Ärger über die Bockigkeit der Gewerkschaften kommt dies einer Beleidigung seiner Zuhörer gleich, die den Graben zwischen dem SPD-Kanzler und dem SPD-nahen DGB weiter vertiefen wird. In der Sache hart zu bleiben, ist das eine. Dabei die Contenance zu wahren das andere. Wem beides zusammen nicht gelingt, kann nur verlieren. Selbst wenn er Recht hat.

Nur Verlierer hat es wieder in Berlin gegeben. Wer immer noch geglaubt hat, mit Bürgerfesten, Deeskalationsstrategien und Verharmlosungen der drohenden Gewalt im Vorfeld der jährlichen Randale den Boden zu entziehen, sieht sich einmal mehr getäuscht. Was immer Politiker, Polizeiführung und Bürgerkomitees zur Beruhigung der Lage tun ist vergebene Liebesmüh, solange ein paar hundert Jugendliche glauben, für sie persönlich mehr oder weniger folgenlos einmal im Jahr dem Ritual aus Polizistenhatz und Zerstörungs-Aktionismus frönen zu können. Diesen Irrsinn darf sich die Stadt nicht länger bieten lassen.

Die Polizei sollte endlich so aufgestellt werden, dass sie jede Gewalt im Keim ersticken und dafür nach den Erfahrungen auch dieses 1. Mai auf die volle Rückendeckung der Politik bauen kann. Warum nicht aus München oder Hamburg lernen? Was sich im Mauerpark, dann in Kreuzberg ereignete, sind keine Spielereien, sondern schwere Straftaten. Verübt gegenüber Polizisten, der Gesundheit und dem Eigentum unbeteiligter Mitbürger. Deshalb müssen so viele Täter wie irgend möglich festgenommen werden. Und fühlbar abgeurteilt werden. Solange abschreckende Urteile kaum bekannt sind, freuen sich die Chaoten schon auf den nächsten 1.Mai.