Interview

"Märchen können sehr spießig sein"

Seit ihrer "Tinten-Trilogie" ist Cornelia Funke Deutschlands international erfolgreichste Schriftstellerin. Jetzt hat sie ein neues Buch geschrieben. Am Samstag wird sie "Reckless" in Berlin lesen.

Foto: AP

2005 wurde Cornelia Funke vom "Time Magazine" sogar zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gewählt. Ihr neues Buch schrieb sie in Los Angeles, wo sie seit einigen Jahren lebt. "Reckless" erschien in dieser Woche in den deutschen und den amerikanischen Buchhandlungen. Am Samstag kommt Funke nach Berlin zu einer Lesung in der Komischen Oper (18 Uhr).

Morgenpost Online: Haben Sie schon den neuen Grass gelesen? "Grimms Wörter"?

Cornelia Funke: Nein, eine Journalistin hat ihn mir gerade erst mit nach Los Angeles gebracht. Ich wusste nicht einmal davon. Was sich schon wieder sehr nach C.G. Jung und dem kollektiven Unterbewussten anhört...

Morgenpost Online: ...weil die Grimms auch in Ihrem neuen Buch eine tragende Rolle spielen. Jacob und Will Reckless heißen Ihre Helden. Übersetzt: Jacob und Wilhelm Grimm. Richtig?

Funke: Nicht ganz. Ich habe die Namen benutzt, natürlich. Aber die beiden sollen nicht wirklich die Brüder Grimm sein. Ich war ganz überrascht, als ich mehr über sie las und mehr Übereinstimmungen entdeckte.

Morgenpost Online: In "Reckless" verbirgt sich die Grimmsche Märchenwelt hinter einem Spiegel. Haben Sie die Hausmärchen als Kind gemocht?

Funke: Nein, das ist ja das Verrückte. Bei der Arbeit kamen all die Märchen hoch, die ich als Kind gar nicht gemocht, aber trotzdem ständig gehört habe. Damals gab es noch diese stets verkratzten Langspielplatten.

Morgenpost Online: Haben Sie sich damals gefürchtet?

Cornelia Funke: Sehr. Die Märchen erschienen mir fremd. Ich wohnte in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, und plötzlich drangen diese bizarren Fantasien aus dunklen Wäldern und einer mittelalterlich geprägten Welt auf mich ein. Ich weiß noch, wie entsetzlich ich die "Gänsemagd" fand - das Pferd, dem der Kopf abgeschlagen wird.

Morgenpost Online: Wenn man Ihren Roman liest, könnte man den Eindruck gewinnen, eben dazu seien Märchen da: uns das Fürchten zu lehren.

Funke: Ja und nein. Märchen spielen mit vielerlei Wünschen, etwa nach Rache, Reichtum, Macht. Oft appellieren sie an alles andere als das Gute in uns. Wenn man Märchen liest, ist man erstaunt darüber, wie reaktionär wir oft sind. Oft bestärken Märchen ja bloß bestehende Normen. Und wenn man sich dann noch ansieht, was die Grimms mit den Frauengestalten gemacht haben, ist man erst recht erschrocken.

Morgenpost Online: Wieso sind wir reaktionär?

Funke: Märchen sagen oft: Glück ist, wenn du es als armer Bauer schaffst, eine reiche Prinzessin zu heiraten. Wenn du dich an allen rächst, die dir nur irgendwie im Weg sind. Märchen bestätigen im Grunde immer bloß bestehende gesellschaftliche Machtverhältnisse. Bei den Grimms zieht der Held aus in die Welt, hat aber gefälligst ins bürgerliche Leben zurückzukehren.

Morgenpost Online: Heißt das, Märchen sind spießig?

Funke: Sie können sehr spießig sein. Und dann gibt es wieder ganz anarchische Märchen. Man lernt viel über die menschliche Natur und unsere geheimen Begierden. Ein seltsamer Pool von Weisheit und Dummheit.

Morgenpost Online: Und die Gebrüder Grimm haben einen antifeministischen Zug?

Funke: Dieser Zug ist sogar erschreckend stark. Das Rotkäppchen ist eines der drastischsten Beispiele, woran allerdings nicht nur die Brüder Grimms schuld sind. Am Anfang der Überlieferung steht nämlich gar kein dummes, eitles Mädchen, sondern eines, das auf einen Werwolf trifft. Ursprünglich rettet es sich aus eigener Kraft, und den Wolf erledigen einige Wäscherinnen am Fluss - nicht der Jäger.

Morgenpost Online: Bei Ihnen schläft Dornröschen durch, weil der Prinz versagt, und Schneewittchen lässt sich scheiden. Ihre Rache an den Grimms?

Funke: Oh, nein. Das war mein Spieltrieb. Es macht Spaß, solche Motive auf den Kopf zu stellen.

Berliner Morgenpost: Geschrieben haben Sie das Buch alleine. "Erdacht" aber haben Sie es zusammen mit Lionel Wigram, dem Produzenten der "Harry Potter"-Filme. Wie geht das?

Funke: Die Idee einer Märchenwelt, die erwachsen werden will, tauchte in einem Filmprojekt auf, an dem ich mit Lionel gearbeitet habe. Dabei stellten wir fest, dass wir zusammen Geschichtenfäden spinnen können. Als ich mich dann entschied, einen Roman daraus zu machen, wollte ich Lionel nicht ausschließen. Nur: Wie arbeitet man zusammen an einem Buch?

Morgenpost Online: Das würde uns auch interessieren.

Funke: Wir haben uns monatelang jeden Tag sechs bis sieben Stunden lang zusammengesetzt und die Charaktere, die Handlung und einzelne Szenen diskutiert. Danach habe ich mich hingesetzt und geschrieben, und mein Cousin hat, was ich geschrieben hatte, ins Englische übersetzt, damit Lionel es überhaupt lesen konnte.

Morgenpost Online: Ideen hat man aber doch alleine?

Funke: Das habe ich ja auch erst gedacht. Aber dann hat der eine die eine Idee, der andere eine andere und so entsteht eine dritte.

Morgenpost Online: Wessen Idee war es, einen Ort Schwanstein zu nennen? Das klingt so deutsch, dass es schon wieder englisch klingt.

Funke: Das ist auf meinem Mist gewachsen.

Morgenpost Online: Ist "Reckless" ein deutsches Buch?

Funke: Das war schon erstaunlich - mit einem Briten mein deutsches Erbe zu erkunden. "Was zum Teufel ist ein Heinzelmann?", hat mich Lionel mal gefragt. Aber im zweiten Teil werden britische und französische Märchen eine große Rolle spielen. Und im dritten russische.

Morgenpost Online: Hatten Sie als Buchmensch bei der Zusammenarbeit mit einem Filmmenschen denn gar keine Bauschmerzen?

Funke: Glauben Sie mir, diese Bauchschmerzen hatte ich vom ersten Moment an. Wir werden Prügel dafür kriegen, habe ich zu Lionel gesagt. Jeder wird uns unterstellen, dass wir das nur für den Film machen. Er hat das nicht glauben wollen. Wir würden doch vollkommen anders arbeiten als beim Film, hat er gesagt. Wir täten ja endlich all das, was er beim Film nicht dürfe.

Morgenpost Online: Was tun Sie denn im Buch, was man im Kino nicht darf?

Funke: Wir schlüpfen in die Köpfe unserer Helden. Das geht nur im Roman. Außerdem kann man eine unterirdische Höhle erfinden oder einen Palast an die Decke hängen, ohne sich Gedanken zu machen, wie viel die Realisierung kostet.

Morgenpost Online: Wird "Reckless" denn verfilmt?

Funke: Wir hatten erstaunlich schnell das erste Angebot auf dem Tisch. Aber wir wollen uns Zeit lassen und uns erst mal darüber freuen, dass wir ein Buch geschrieben haben. Das Filmgeschäft ist so sehr darauf angewiesen, die ungeheuren Produktionssummen wieder einzuspielen. Im Buchgewerbe ist die Profitmarge klein und immer noch viel Leidenschaft im Spiel.

Cornelia Funke : Reckless. Steinernes Fleisch. Dressler, Hamburg. 349 Seiten, 19,95 Euro.