Vielmehr unerschöpflich scheinen die unaufgeregten alltäglichen kleinen Episoden, die sich in Wimmlingen, der fast idealen Kleinstadt, Seite für Seite ereignen.

Schon die Allerkleinsten entdecken in dem Gewimmel vertraute Dinge. „Wauwau“, „Papagei“, „Miau“. Das Kind mit dem Eis in der Hand, Ein Mann auf dem Fahrrad, ein Pinguin als Luftballon, ein Postauto. „Ich weiß nicht, wie oft ich mir mit meiner vierjährigen Tochter Pauline die Wimmelbücher angeschaut habe“, sagt eine Mutter aus Kreuzberg, „sicher etwa 100 Mal. Und immer noch entdeckt sie etwas Neues.“ Am Anfang, als Pauline nur einzelne Wörter sagen konnte, zeigte sie auf die Zeichnungen, sagte „Katze“ oder „Eis“. „Mittlerweile erzählt sie ganze Geschichten zu den Bildern“, sagt die Mutter, „sie taucht da richtig ein.“ Fünf Bände der Wimmelbücher sind bisher erschienen, das Winter-, Frühlings-, Sommer- und Herbstwimmelbuch sowie zuletzt das Nachtwimmelbuch.

Fast ohne Schrift kommt die Autorin darin aus. Mit Ausnahme des Rückeinbandes, auf dem die Namen der Figuren zu erfahren sind, und einzelnen Schildern, die in dem ansonsten werbefreien öffentlichen Raum etwa Ladengeschäfte als Friseur, Gasthof oder Buchhandlung ausweisen, ergeben sich die Geschicke der Bewohner allein aus der Abfolge der Bilder, wobei auf jeder Doppelseite ein anderer Schauplatz zu sehen ist.

Eine Welt ohne Arg

Die schöne zeitliche Einordnung ihrer Wimmelbücher wird durch die Abfolge der Jahreszeiten noch verstärkt. Während innerhalb der Bücher der Ablauf eines Tages zu sehen ist, werden im Verlauf des Jahres Kinder und Katzen geboren, aus kleinen Missgeschicken entwickeln sich Liebesgeschichten, Gebäude und Straßen entstehen, und der Kirschbaum auf dem Einband sorgt für jahreszeitliche Orientierung. Insgesamt ist es eine Welt ohne Arg, jedoch nicht ohne Witz, in die man gern auch wiederholt hineinsinkt. Absichtlich leicht zu entziffernde Bilder, die aber eben in der Zusammenschau auch kompliziertere Themen transportieren.

Gefragt, ob sie selbst gern in Wimmlingen leben würde, antwortet die Schöpferin dieses herrlichen Sehnsuchtsbiotops aber überraschend mit: Nein. Sie versteht die sieben von ihr zur Kleinstadt montierten Panoramen eher als Kulisse, die für ein Lesepublikum ab zwei Jahren geschaffen wurde. Persönlich ist sie nach fünfzehn Jahren Heidelberg ziemlich froh, wieder in München zu leben, einer richtigen Stadt.

In Stuttgart vor gut 60 Jahren geboren und am Stadtrand aufgewachsen, finden sich in ihren Kinderbüchern eigene Erfahrungen wieder. So wie Karlchen in dem Buch „Gute Nacht, Karlchen“ von seinem Vater auf den Füßen allmählich Richtung Bett getragen wird, hat es ihr Vater gelegentlich auch mit ihr getan. Ihr Blick, so sagt sie, ist aber notwendig der einer Erwachsenen, die sich eine Kindheit vorstellt.

Auch in Japan erfolgreich

Wenig anfangen kann Rotraut Susanne Berner indes mit dem Vorwurf, ihre Wimmelbücher würden eine unrealistische heile Welt entwerfen. Neben Gutmenschentum wurde ihr naiver Multikulturalismus zur Last gelegt. Und ganz sicher wäre es auch möglich, ihr ein verkitschtes Naturverständnis vorzuwerfen, so reizend tummeln sich von der Gans über die Fledermaus bis zum Waschbären recht zahme tierische Protagonisten in Wimmlingen.

Zu Recht fragt sie aber, mit welchem „sozialen Realismus“ sie ihre Welten denn hätte konfrontieren sollen. Ist es von Vorteil, Zweijährige mit prügelnden Vätern, todkranken Müttern oder Industriebrachen in die Welt der Literatur zu locken? Und wie viele Erwachsene würden sich schon gern zum dreihundertsten Mal blutige Verkehrsunfälle, misshandelte Kinder oder Jugendkriminalität im Großformat anschauen?

So freundlich und fröhlich die nicht nur in Deutschland, sondern etwa auch in Holland und Japan enorm erfolgreichen Wimmelbücher sind, so froh ist die Autorin, mit dieser Arbeit erst einmal fertig zu sein. Denn für eine vielseitige Illustratorin kann es nicht befriedigend sein, auf diese wenigen, in bildsprachlicher Hinsicht leicht zu entziffernden Bücher reduziert zu werden. Und damit würde man ihr auch gar nicht gerecht.

Zu ihrem sechzigsten Geburtstag im vergangenen Jahr gab es mit „Alphabet und Zeichenstift“ eine Art Festschrift für die Künstlerin, in der die Vielfalt ihrer Arbeiten zitiert wird. Überhaupt fällt bei der Beschäftigung mit Rotraut Susanne Berners Werk die Schaffensfülle ins Auge. So ist sie zum Beispiel als Illustratorin auch immer wieder als Interpretin der Werke anderer Autoren tätig. So wird im Herbst nach „Der Zahlenteufel“ ein weiteres gemeinsames Buch mit Hans Magnus Enzensberger, „Bibs“, erscheinen, und für das nächste Jahr plant die Vielbeschäftigte einmal mehr ein Buch mit dem Schweizer Jürg Schubiger. Wie sie ist dieser Kind eines Verlegers, wie sie wurde er vielfach für das Kinderbuchschaffen ausgezeichnet. Tatsächlich passen die eher klassische Erzählkunst Schubigers und der an Walter Trier, dem Illustrator Erich Kästners, geschulte Strich Berners sehr gut zueinander.

Zu ihrem Repertoire gehören aber auch die „Märchen-Comics“. Slapstickartig purzeln in ihnen Mensch und Tier durchs bunte Bild, und es darf sogar geraucht werden! Zum Comic kam die Künstlerin erst als Erwachsene, durch ihren Ehemann. Der jungen Rotraut Susanne war das Lesen von Comics strengstens untersagt.

Kinder zum Fabulieren bringen

Ein neueres Projekt der Künstlerin ist die „Einfach alles“-Kiste. Mehr Objekt als Buch, enthält diese Box 150 Bildkarten im Postkartenformat, auf denen vom roten Ball mit weißen Punkten über den Kuss, die Wut, Waffen und sogar den Tod eine Auswahl des Bildwörterschatzes der Autorin zu sehen ist. Stilistisch mal an Dürer und mal an den Naturalismus oder an traditionelle japanische Malerei erinnernd, machen die meist ohne Hintergrund auskommenden Dinge und Szenen in der Zusammenschau einen nüchtern-sentimentalen Eindruck.

Obwohl sich die Karten ganz einwandfrei zum pädagogischen Lerneinsatz eignen – die Begriffe sind auf der Rückseite in sechs Sprachen erläutert – schwebt der Produzentin ein viel freierer Umgang mit ihrem Material vor. Getreu ihrem unbedingten Glauben an die Sprache des Bildes möchte sie die Kinder zum Fabulieren bringen. Und dazu braucht es nicht nur heile Welt.