Kinderliteratur

Endlich erfahren wir, woher das Sams kommt

36 Jahre nach dem ersten Auftritt des Sams ist nun der inzwischen sechste Band dieses Kinderbuchklassikers erschienen. Erfolgsautor Paul Maar erzählt darin viele neue, lustige Geschichten von diesem Wesen, das nicht Mensch, nicht Tier, nicht männlich, nicht weiblich, sondern einfach nur ein "Es" ist. Und ein Geheimnis wird endlich gelüftet.

Foto: Christian Hahn

"Keiner weiß, wie ich heiß, furchtbar dumm, stehn sie rum. Keiner weiß, wie ich heiß." Doch, die siebenjährige Johanna weiß sofort, wer sich hier in Rumpelstilzchen-Manier vorstellt: "Natürlich das Sams."

Dieses knubbelige, dickbäuchige Wesen mit Rüsselnase, knallorangenen Haaren und blauen Punkten im Gesicht, begeistert Kinder seit 36 Jahren. Das Sams, eine Erfindung des Kinderbuchautors Paul Maar, ist eine Art Bruder von Pippi Langstrumpf, genauso eigenwillig, respektlos und wortgewandt. Und fast ebenso berühmt.

Das Sams taucht eines Samstags an einer Straßenecke auf. Nicht zufällig, denn es kommt nur, wenn bestimmte Bedingungen zuvor erfüllt werden: Am Sonntag scheint die Sonne, am Montag kommt Herr Mon (und bringt einen Mohnblumenstrauß zur Begrüßung mit), am Dienstag ist Dienst, Mittwoch ist Mitte der Woche, am Donnerstag donnert's und Freitag ist frei.

Da steht das Sams also an der Straßenecke, die Passanten rätseln, wer oder was es wohl ist. Nur einer weiß die Lösung: Herr Taschenbier, und ihn kürt das Sams prompt zu seinem Papa. Das ist dem schüchternen Herrn Taschenbier zunächst gar nicht recht, zumal er durch das Sams in allerlei Bedrängnis gerät. Doch nach und nach findet er Gefallen an dem lustigen Wesen, wird selbst mutiger und wünscht sich mit Hilfe der Wunschpunkte im Sams-Gesicht ein neues Leben zusammen. Die Geschichte von Sams und Herrn Taschenbier trägt auch Züge eines Entwicklungsromans.

Um keinen frechen Spruch verlegen

Vor 36 Jahren erschien der erste Sams-Band "Eine Woche voller Samstage", nun gibt es den sechsten: "Onkel Alwin und das Sams". Wohl keine andere Kinderbuchfigur ist über so einen langen Zeitraum in Serie gegangen. Räuber Hotzenplotz hat es zwischen Band eins und drei auf elf Jahre gebracht, Karlsson vom Dach immerhin auf 13 Jahre, doch 36 Jahre sind wohl unschlagbar. Auch daher rührt die große Prominenz des Sams. Hat doch die heutige Elterngeneration genauso über das Sams und die Folgen von Herrn Taschenbiers unpräzisen Wünschen gelacht wie sich heute ihre Kinder darüber amüsieren.

Mara (8) hat schon drei Bände selbst gelesen und beide Sams-Filme gesehen. Ihr gefällt vor allem, wie das Sams aussieht: "Es ist kein Junge, es ist kein Mädchen, es ist ein Es" und dass es für alles und jeden einen Reim parat hat, zum Beispiel auch für die unfreundliche Frau Rotkohl, die Zimmerwirtin von Herrn Taschenbier: "Frau Rosenkohl ist innen hohl, Frau Rosenknall ist wie ein Ball , Frau Rosenkluft, enthält nur Luft."

Sams ist sehr vorlaut

Das sind Sprüche, die hätten sich Kinder in den 70er-Jahren, zur Geburtsstunde des Sams, nicht erlaubt - wenn nicht die Eltern gerade mal antiautoritäre Erziehung ausprobierten. Das Sams war mit seiner vorlauten Art genau das Gegenteil dieser artigen Kinder. Es machte den Mund auf, wenn es etwas nicht richtig fand. Gerade deshalb hat sich Maras Mutter damals über die Respektlosigkeit des Sams amüsiert: Ihre Lieblingsszene ist, als Herr Taschenbier mit dem Sams ins Kaufhaus geht, um es einzukleiden.

Das Sams ist hier um keinen frechen Spruch verlegen, der Verkäufer kocht schon vor Wut. Dabei nimmt das Sams immer nur wörtlich, was der Verkäufer zu ihm sagt. Höflich fragt das Sams bei der Anprobe eines Anzugs, ob es denn darin einatmen dürfe. Der Verkäufer macht sich noch über so eine dumme Frage lustig, muss dann aber mit ansehen, wie das Sams den Anzug zum Platzen bringt. Seitdem trägt das Sams einen dehnbaren Taucheranzug.

Nach 36 Jahren, nachdem das Sams Herrn Taschenbier und später auch seinen Sohn in zahlreiche Abenteuer verwickelt und letztlich wieder befreit hat, ist das Sams im Laufe der sechs Bände zwar etwas menschlicher geworden, doch ansonsten scheinen die Jahre spurlos an ihm vorübergezogen zu sein. Es ist weit entfernt von eine Midlife Crisis, trägt immer noch seinen Taucheranzug und hat sich sein Talent zum Wortwitz und Wortverdrehen bewahrt. Auch seine lange verschwundenen Wunschpunkte holt es sich zurück. Allerdings diesmal nicht ins Gesicht, sondern auf den Bauch.

Das Sams macht Mut

Das Sams ist eine zeitlose Figur. Dass Herr Taschenbier in den ersten Bänden noch zur Untermiete bei einer Zimmerwirtin wohnt, wirkt zwar heute altmodisch, aber darüber lesen Kinder hinweg. Ihr Fokus richtet sich ohnehin auf das Sams. Paul Maar hat sich mit dem Sams in die Herzen der Kinder geschrieben und er macht Kindern Mut, ihren Weg zu gehen, nachzufragen, wenn ihnen etwas falsch erscheint.

Eine Botschaft, die auch heute ankommt. Max (7) fasziniert am Sams außerdem, was es so alles in sich hineinstopft: Fenstergriffe, Blumen, Stuhlbeine. Und Johanna ist vor allem von den Wunschpunkten begeistert. Sie hätte auch gern so eine Wunschmaschine, wie das Sams dem Herrn Taschenbier am Ende des ersten Bandes mit dem letzten seiner Punkte herbeiwünscht. Doch leider fehlt der Einschaltknopf. Johanna wünscht sich natürlich eine intakte Maschine. Und ihr erster Wunsch? "Tiere, ganz viele".

Die Idee zum Sams kam dem 1937 in Schweinfurt geborenen Paul Maar, als er noch gar nicht Schriftsteller, sondern Kunsterzieher an einem Gymnasium in Baden-Württemberg war. Weil es außer Grimmschen Märchen kaum Bühnenstücke für Kinder gab, wurde er gefragt, ob er sich nicht mal ein modernes Märchen ausdenken könnte.

Das tat er und schrieb "Der König in der Kiste". Eine Figur darin sollte das Sams sein, doch stieß es damals nicht auf Gegenliebe und landete zunächst selbst in der Kiste. Erst zwei Jahre später kramte Paul Maar das Sams wieder hervor, als er selbst Kinder hatte und ihm die Vorlesebücher, die er aus der Bibliothek holte, zu verstaubt waren.

Maar schrieb das Sams nicht nur, er malte es auch - wie er viele seiner Bücher selbst illustriert hat. Die blauen Punkte im Gesicht aber, so versicherte er später, seien purer Zufall gewesen. Während er am Sams malte, habe das Telefon geklingelt. Als er wieder am Tisch saß, kam ihm die Idee, dem Sams Sommersprossen ins Gesicht zu malen. Doch da Maar vorher den Pinsel nicht ausgewaschen hatte, wurden die Sommersprossen eben blau, wunschpunktblau.

Ein glücklicher Zufall, denn mit den Wunschpunkten und dem Sams schrieb Maar Erfolgsgeschichte. Vier Millionen Exemplare der Sams-Bücher wurden bislang verkauft und mit mehreren Preisen bedacht. 2001 kam der erste Sams-Film ins Kino, 2003 folgt der zweite. Drei Millionen Zuschauer begeisterten sich für die Leinwandversion. Inzwischen gibt es ein Computerspiel und eine Internetseite (wunschpunkte.de). Ins Merchandising-Geschäft ist Maar aber nicht eingestiegen. Nur eine kleine Sams-Schlenkerpuppe gab es mal. "Man nimmt der Figur das Geheimnis, wenn sie auf jeder Socke zu finden ist", sagt Paul Maar.

Einblick in die Welt der Samse

Er selbst hatte eine schwierige Kindheit. Seine Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Die Beziehung zum Vater, der jahrelang in Krieg und Kriegsgefangenschaft blieb, war belastet. Der Vater liebte Sport, der Sohn Bücher. Das Lesen aber betrachtete der Vater als Zeitverschwendung. Und doch war es wohl auch der Vater, der den Sohn zum Schriftsteller machte. Maar sagt, dass Autoren, die für Kinder schreiben, oft eine extreme Kindheit hatten, "entweder eine wunderschöne oder eine schwierige".

Aber viel spricht Paul Maar darüber nicht, seine Kindheit liegt weit zurück. Dafür erfahren Sams-Fans aber im neuen Band, woher das Sams eigentlich kommt. Da sieht man es inmitten lauter Samse, in der Sams-Welt, das vom Übersams beherrscht wird. Also wäre auch diese Sams-Frage geklärt, die Kinder ihm immer wieder in den letzten Jahrzehnten gestellt haben. Max, Mara, Kim und Johanna hoffen trotzdem, dass damit nicht das Ende der Sams-Geschichten gekommen ist. Denn, um mit dem Sams zu sprechen:

"Ja, ein Sams wird sehr vermisst, wenn es wegverschwunden ist."

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