Der Ritter wird uns retten. Gerade in diesen Tagen, da Familien zu langen Autofahrten aufbrechen. Wenn dann in Endlosschleife Hörspiele durch den Wagen dudeln, in denen sich dieses neunmalkluge Mädchen mit der Schleife im Haar nervtötend durch ihre rosarote Welt plappert und die vorlaute Schweden-Göre frei nach Laune die Grenze zwischen Pfiffigkeit und Besserwisserei übertritt, dann muss irgendwann der Ritter ran, um mit Witz und brillanten Songs im Auto ein atmosphärisches Gleichgewicht herzustellen, in dem sich Kinder und Eltern wohlfühlen.
Die scheppernde Figur mit der großen Klappe und einer Ladenkasse als Bauch stammt aus der Feder von Jörg Hilbert - "aus der Feder" im doppelten Sinn. Denn zunächst waren es Zeichnungen, die der 44 Jahre alte Essener zu Papier brachte. 1994 wurden daraus Texte, Geschichten, Abenteuer. Vertont, arrangiert und produziert von Felix Janosa, einem gelernten Schulmusiker und langjährigen Kabarettisten, der besonders seine musikbeflissenen Hörer immer wieder als Meister aller Stile fasziniert.
So wird jeder Ritter-Rost-Band ein bunt-rasanter Trip. Sprühend vor Wortwitz, ein bisschen "Herr Rossi sucht das Glück" und Monty Python, ein bisschen "Yellow Submarine", das Hilbert ebenso verspielt durch seine Bilder schwirren lässt wie hier ein kleines Joan-Miró-Zitat, dort ein wenig Pop-Art im Stil Keith Harings.
Jedem Buch liegt ein Hörbuch bei
Dazu liegt als CD ein Hörspiel bei, in dem Hilbert und Janosa mit etwa zehn Liedern die Story weiterführen, zuspitzen, in Schwung halten. Mal reist Rost da in knallgelber Zeitmaschine durch die Jahrhunderte und vermittelt Kindern, was eigentlich Alter, Verlust und Vergänglichkeit bedeuten; mal fällt der Ritter auf ein Räubertrio herein - die drei sehen bei Hilbert aus wie die Blues Brothers, ergänzt um Adoptiv-Brother Richard Wagner -, das Rost beim Glücksspiel das Geld aus der Tasche zieht. Nennen wir es ruhig Konsumkritik, die unterschwellig anklingt, wenn Hilbert dichtet: "Geld, das macht so glücklich/ das merkst du am Kontrast/ wenn du augenblicklich/ gar kein Geld mehr hast."
Doch halt! Hilbert verbittet sich jeden Verdacht, sein junges Publikum erziehen zu wollen. "Was ich bewusst vermeide, ist eine Moral hineinzuschreiben", wehrt er ab. Hilbert spricht mit Bedacht, ruhig, nie auf Späße und Pointen versessen. Hätte er am Tag nach unserem Gespräch nicht vor dem Objektiv der Fotografin Faxen gemacht, würde es noch schwerer fallen, den ernsten Denker als Schöpfer des so anarchistischen, aufgekratzten Ritter-Rost-Universums zu identifizieren.
Sein Habitus mag aber auch nur Zeichen von Bescheidenheit und Abscheu vor Protz und Überheblichkeit sein. "Diese großen Helden, diese Überflieger, die alles gelöst kriegen, die gibt es bei Ritter Rost nicht", erklärt Hilbert. Da seien seine oft surrealen Geschichten im Grunde ganz dicht dran am echten Leben. "Zu Beginn jeder Story gibt es etwas, das nicht funktioniert. Und wenn sie zu Ende ist, funktioniert es immer noch nicht - aber auf eine bessere Weise." Es stehe am Ende keine Lösung eines Problems, sondern vielmehr ein "Irgenwie-damit-klar-Kommen", skizziert Zeichner Hilbert.
Eigene Reihen für die Nebenfiguren
Seine Familie steht seit Jahrzehnten im Dienste jauchzender Kinderherzen: Hilberts Vater, von Beruf Industriedesigner, erfand einst das Bobby-Car. Jörg Hilberts Ritter-Schöpfung indes tourt mit jährlich rund 600 Theater-Aufführungen durch Deutschland. Es gibt den Ritter von der traurigen Gestalt als PC-Spiel, Musik-CD, als Noten-Buch, Radio-Show und seine Nebenfiguren in eigenen Sonderreihen. "Ich habe das Glück, dass ich von meiner Arbeit als Kinderbuchautor ganz gut leben kann. Das ist ja nicht selbstverständlich, und ich betrachte das auch als großes Geschenk", sagt er.
Denn als er und Felix Janosa vor 17 Jahren ihre Ritter-Rost-Idee den Verlagen vorstellten, erhielten sie zunächst nur Absagen. Warum? "Damals hat man noch ganz anders illustriert", denkt Hilbert zurück. "Ganz lieb, mit dünner Bleistiftlinie und ein bisschen Aquarell."
In einer Antwort hieß es, die Bücher seien zu comicartig, die Musik zu erwachsen, die Sprache nicht kindgerecht. Das kann Hilbert noch heute amüsieren: "Es passierte ständig, dass irgendwelche Leute fragten, ob das denn auch kindgerecht sei, während die Kinder selbst das ganz toll fanden." Erwachsene hätten jungen Menschen damals noch nicht zugebilligt, was Hilbert/Janosa anboten: "Als wir anfingen, war das Kinderbücher-Genre noch sehr geprägt von Janosch und Helme Heine. Die Siebzigerjahre schwangen da mit, alles war sehr pädagogisch, sehr wertvoll, sehr bedächtig."
Inhaltliche Herausforderung
Wie wenig man Kindern zutraute, habe sich etwa auch bei einem Verlagsbesuch 1992 gezeigt: "Als wir ankamen und erklärten, dass wir ein Buch mit CD machen wollen, sagten die: Aber ein Kind kann doch keinen CD-Spieler bedienen", erzählt Hilbert und lächelt.
Auch inhaltlich fordern Hilbert/Janosa ihr junges Publikum heraus, das da plötzlich mit Doppeldeutigkeit und Ironie unterhalten wird. Beispielsweise ist Ritter Rost zwar Namensgeber der Reihe, ein liebenswerter Held aber nun wirklich nicht. "Er ist", beschreibt Hilbert, "ja ein bisschen wie alle Männer: Er hält sich für den Schönsten, Schnellsten, Klügsten und handelt auch dementsprechend. Aber eigentlich überfordert ihn diese ganze Welt, und da meint er, all dem dieses Männlichkeitsideal entgegensetzen zu müssen - was ihn bald ziemlich unausstehlich macht. Erst wenn er Schwäche zeigt, wird er erträglich. Dann ist er eigentlich ein ganz netter Kerl."
Mehr Sympathie hat Hilbert für den selbstbewussten Drachen Koks (gesprochen und gesungen von Komponist Janosa) und das unverwüstliche Bürgfräulein Bö, welches auch mal beherzt selbst zur Lanze greift, um Lindwürmer zu bändigen, wenn Freund Rost vor Angst unter der Schloss-Bettdecke verschwunden ist. Jeder ihrer Auftritte gleicht einer Liebeserklärung Hilberts an seine Frau (und gelegentliche Koautorin) Susanne. Denn sie ist, auch äußerlich, das Vorbild für Rosts aparte Mitbewohnerin.
Eltern schreiben Dankesbriefe
Ohne die Erziehung seines Publikums im Blick und ohne den aggressiven Willen zur internationalen Kinderzimmereroberung im Stil der Macher von Lillifee und Spongebob: Was treibt ihn denn da überhaupt, zu texten und zu zeichnen? Zögerlich, sehr zögerlich antwortet Hilbert: "Wenn es nicht so blöd klänge, würde ich sagen: Ich bin ein Künstler." Pause. Dann: "Ich mache die Geschichten nicht, weil ich dieses oder jenes bewirken möchte. Ich mach das, weil ich diese Geschichten erzählen muss . Ich wache morgens auf, habe einen Kopf voller Ideen, und wenn ich das bündle, kommen eben diese Geschichten heraus."
Um die Wirkung seiner Werke auf Erwachsene weiß er aus der Lektüre von Leserpost, die ihn im Arbeitszimmer daheim erreicht, wo Ordnung und Anordnung heute stark an das Büro seines Vaters erinnern. "Am häufigsten schreiben Eltern, wie dankbar sie sind, dass sie diesen Kleinkinder-Pillepalle-Musikkram nicht mehr anhören müssen", grinst Hilbert. "Ich habe ja auch Kinder und weiß, wie schwer das ist, sich manche Sachen anzuhören." Hilbert jedenfalls sei es immer so gegangen, dass Musik für Kinder auch ihm gefalle, wenn sie denn nur gut gemacht ist. "Dann empfindet man auch nicht dieses Schamgefühl."
Ebenso verhalte es sich mit der Kinderliteratur. "Die guten Kinderbücher, die Klassiker, kann ich auch in meinem Alter lesen. Das bleibt große Literatur." Ob seine heute noch jungen Leser sich ebenfalls dereinst als Erwachsene neuerlich an Ritter Rost erfreuen werden, muss Hilbert abwarten. Die Zahl seiner Fans unter Eltern deutet allerdings darauf hin, dass sein rostiger Beitrag zur Kinderbuchliteratur den Test der Zeit bestehen wird.
Die nächste Folge: Andreas Steinhöfel - der Kreuzberger Vater von Rico und Oskar.




