Sat.1-Seher der ersten Stunde werden sich an die Nostalgie-Comedy-Serie "Happy Days" erinnern mit ihrer amerikanischen Musterfamilie Cunningham in ihrem amerikanischen Musterhaus in Milwaukee mit ihrem amerikanischen Mustersohn Richie, dem mit dem offenen Gesicht und den Apfelbacken.

Gespielt wurde Richie von Ronnie Howard, aus dem ein Vierteljahrhundert später Ron Howard geworden ist, ein respektierter Regisseur, dessen Filme Richie Cunningham ansehen hätte können, ohne rot zu werden, sind sie doch saubere, aufbauende Familienunterhaltung, von "Splash - Jungfrau am Haken" über "Apollo 13" bis "Der Grinch". Jüngst schien sich sein rosiger Horizont zu verdüstern, doch am Ende von "A Beautiful Mind" hatte Howard selbst in der Schizophrenie einen Schmusefaktor eingebaut. Nun stürzte sich Howard in "The Missing", und wahrscheinlich hat er in seinen 20 Regiejahren keinen erwachseneren Film zu Wege gebracht.

Indianer entführen die große Tochter einer Ärztin im menschenleeren New Mexico des Jahres 1885, und die Mutter (Cate Blanchett) macht sich an die Verfolgung, zusammen mit ihrem Vater (Tommy Lee Jones), der einst die Familie verließ, um bei den Apachen zu leben, und gerade erst zurückgekehrt ist, um von seiner verbitterten Tochter Vergebung zu erbitten.

Es ist Winter, das Klima wetterwendisch, Figuren tauchen so unvermittelt auf wie sie wieder verschwinden, und selten hat man sich bei Breitwandtotalen so eingeengt gefühlt wie hier. Ron Howard, der sonst alles für das Wohlergehen seiner Zuschauer tut, kreiert ein Gefühl des Unbehagens und der Bedrohung - und hält es durch.

Zum Verhängnis wird ihm jedoch, dass er sich dem Vergleich mit John Fords "Der schwarze Falke" aussetzt, für viele der Western aller Western. "Missing" ist eine Art geschlechtsumgewandelte "Falke" mit Cate Blanchett in der John Wayne-Rolle; Howard vernebelt das nicht und legt ihr gar den Schlusssatz des Duke in den Mund.

Der Riesenunterschied zwischen Ford und Howard liegt darin, dass der einige Risiken einging und der andere sie scheut, dass der eine sein Publikum herausforderte, während der andere es unterfordert. Die treibende Kraft von "Der schwarze Falke" war sexuelle und rassistische Paranoia. "The Missing" existiert durch einen geschickten Drehbuchkniff nur vom Bauchnabel aufwärts; Cate Blanchetts Tochter ist nie in Gefahr, "entehrt" zu werden, weil ihre Entführer sie als Jungfrau meistbietend verhökern wollen.

Wo der reife Ford gesellschaftliche Konventionen in Frage stellte, sichert sich der nette Howard nach allen Seiten ab. Jawohl, es gibt böse Indianer, aber auch gute, die mit Tommy Lee Jones gemeinsame Sache machen - und die bösen sind nur deshalb böse geworden, weil die US-Armee sie schändlich betrog. Sicher, Väter dürfen mal eine Auszeit nehmen, aber dann müssen sie tatkräftige Reue zeigen (merkwürdig, Renée Zellwegers Vater im Berlinale-Eröffnungsfilm "Cold Mountain" ist der exakte Parallelfall). Gewiss, es geht in Ordnung, dass Cate Blanchett mit ihrem Gewehr so entschlossen hantiert wie keine Frau seit Lillian Gish in der "Nacht des Jägers" - andererseits ist es doch besser, wenn ein Mann das Kämpfen besorgt.

Den Gipfel seines Tanzes auf allen Hochzeiten der politischen Korrektheit erklimmt Howard, wenn Blanchett von einem indianischen Hexer mit Fieber geschlagen wird. Jones zelebriert einen Gegenzauber, und das kleine Töchterlein sucht Rat in der Bibel, und nachdem Cate wieder genesen ist, können wir Zuschauer uns aussuchen, ob die heidnische Magie oder der christliche Glauben geholfen haben (oder ob alles nur eine Magenverstimmung war).

Nach "Der schwarze Falke" hat der Western nur deshalb noch 20 Jahre überlebt, weil er gesellschaftliche Gärungsprozesse als Metapher begleitete. "The Missing" steht für nichts außer für den ängstlichen Status quo. Ron Howard befindet sich anderthalb Stunden auf gutem Weg von einem angenehmen zu einem ernst zu nehmenden Regisseur. Dann verschleudert er den erworbenen Kredit mit einer hanebüchenen Rettung für Tommy Lee Jones, einem verplapperten Showdown und seinem Hang zu ordentlichen Auflösungen, die so manikürt daherkommen wie der Rasen der Familie Cunningham.

Heute, 22.30 Uhr, Berlinale-Palast; morgen 15 und 21 Uhr Royal-Palast.