Du kleiner Moloch, der sich gerne groß geriert,

du kleine Sünde, der man immer nachgibt,

Du Stadt, in der man sich so sehr verliert,

und der man jede Schwäche nachsieht.

Chio Schuhmacher, Berlin-Friedrichshain

"Was fällt mir zu Berlin ein? Was sagt man der Stadt nach?", hat sich Chio Schuhmacher gefragt, als sie unseren Aufruf in der Berliner Morgenpost las. Die Gedanken der 39-jährigen freien Texterin begannen zu kreisen um die Stadt, in der sie sich täglich bewegt - "die Stadt, die manchmal nervt, und einem doch fesselt".

Was an Berlin nervt? Schuhmachers Liste ist lang: Zu viele Leute, zu viel Dreck und betrunkene Leute, zu viele Regeln für Autos und Hunde. Ordnungshüter, "die nichts Besseres zu tun haben, als die kleinen Skater am Frankfurter Tor zu vertreiben".

Was ist es denn, was sie so sehr an diese Stadt fesselt? "Die Berliner, die viel charmanter und hilfsbereiter sind, als man ihnen nachsagt." Und ein tolles Nacht- und Kulturleben. Dafür muss man diese Stadt lieben, sagt Schuhmacher. "Die Stadt ist monströs, aber liebenswert." Diese Gegensätze, die Berlin so einzigartig machen, den Charme ausmachen, hat sie in einem kurzen Gedicht "Moloch Berlin" wundervoll auf den Punkt gebracht.

Nein, ein Gedicht zu schreiben, das sei für sie alles andere als Alltag. Sie verdient ihren Lebensunterhalt als Werbetexterin in ihrem Büro am Frankfurter Tor, schreibt und übersetzt auf Deutsch und Englisch. Das "selbstbestimmte, kreative Schreiben" hat sie erst vor kurzem wiederentdeckt. Vor einem Jahr hat sie ihren ersten Roman beendet, "einen Familienroman, aus der Sicht eines fünfjährigen Kindes geschrieben", verrät sie. Eine Agentur sei nun auf der Suche nach einem Verlag für ihr Buch.

Chio Schuhmacher bezeichnet sich selbst als "typische Zugereiste": Vor 13 Jahren kam sie aus Südbaden in die Hauptstadt, um an der FU Nordamerikastudien und Psychologie zu belegen. "Ich wollte nach Berlin, in diese aufregende Stadt, in der sich gerade so viel verändert hat. Und wenn man einmal von Berlin gekostet hat, kann man einfach nicht mehr wegziehen."

wick