Mordversuch oder Inszenierung?

Maskierter feuert auf Rapper Massiv

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Michel Behrendt, Steffen Pletl und Peter Oldenburger

Foto: nid/top

Der Berliner Gangster-Rapper Massiv ist in der Nacht in Neukölln von einem Unbekannten angeschossen worden.

Der Berliner Gangster-Rapper Massiv ist in der Nacht zu gestern in Neukölln von einem Unbekannten angeschossen worden. Nach Polizeiangaben erlitt er einen Streifschuss an der Schulter. Ein Sprecher von Massiv sprach dagegen von einem Durchschuss: "Er hat viel Blut verloren." Das Opfer ließ sich in einer Klinik ambulant behandeln und soll wenig später auf eigenen Wunsch entlassen worden sein. Für die Polizei sind die Hintergründe des Angriffs völlig unklar, viele Angaben widersprüchlich. Ermittelt wird wegen gefährlicher Körperverletzung, nicht wegen Mordversuchs.

Bereits bei einer früheren Attacke auf den Rapper Fler gab es Vermutungen, der Angriff könnte inszeniert gewesen sein. Auch in dem aktuellen Fall gibt es offenbar Zweifel. "Wir wollen jetzt nicht spekulieren, aber es ist zum Beispiel interessant, dass Informationen zu dem Vorfall nahezu zeitgleich auf der Internetseite des Opfers zu lesen waren", sagte ein Ermittler

Der 25 Jahre alte Massiv stand nach eigenen Angaben gegen 22.10 Uhr an der Schierker Straße vor seinem Auto und telefonierte mit dem Handy. Ein Maskierter sei auf ihn zugetreten und habe etwas Unverständliches gesagt. Dann soll der Angreifer eine Waffe gezogen und aus kurzer Entfernung drei Schüsse abgefeuert haben. Eine Kugel soll Massivs Schulter getroffen haben. Ein weiteres Projektil traf die Frontscheibe seines BMW. Der Täter flüchtete in einem Auto.

Nach Recherchen dieser Zeitung hatte zum Zeitpunkt der Schussabgabe ein Bekannter des im pfälzischen Pirmasens geborenen Rappers in der Gaststätte Nogat-Eck an der Ecke Selkestraße Zigaretten geholt. Als er zu dem verletzten Rapper zurückkehrte, soll ein schwarzer VW Golf III in hohem Tempo in Richtung Hermannstraße davongefahren sein.

Harte Kerle, harte Parolen

Hintergrund der Tat könnten die Rivalitäten zwischen den konkurrierenden "Gangsta-Rappern" oder deren Anhänger sein. Wie berichtet, hatten Ende November 2007 drei maskierte Männer den Rapper "Fler" im MTV-Studio in Friedrichshain überfallen. Ein Leibwächter wehrte die Messerattacke im Foyer des Studiogebäudes ab.

Im Verlauf der letzten Tournee "Blut gegen Blut" von Massiv wurde er im Juni 2007 bei einem Auftritt in Duisburg angegriffen. Massiv, Sohn palästinensischer Kriegsflüchtlinge, war von zwei Zuschauern attackiert worden und fiel schließlich von der Bühne. Die tumultartigen Szenen mündeten im Abbruch des Konzerts. Vor dem Konzertsaal entwickelte sich eine Massenschlägerei mit mehr als 100 Beteiligten und mehreren Schwerverletzten - zumeist türkischstämmigen Konzertbesuchern. Erst ein Großeinsatz der Polizei konnte die Lage wieder unter Kontrolle bringen.

Massiv, der auch mit dem Maske tragenden Sido zusammengearbeitet hat, entschuldigte sich später bei seinen Fans und beteuerte, er habe das Publikum nicht absichtlich provozieren wollen. Dabei hatte der Sänger im Verlauf des Konzerts das Ruhrgebiet in seinen Songs verächtlich dargestellt.

Provokant sind die Texte des Rappers allemal; die Songs handeln von Gewalt, Kriminalität und Drogen, dem harten Leben auf der Straße. Thematisiert werden Straßenkriminelle, Drogendealer und Frauen, die auf "harte Kerle abfahren" würden.

Den harten Kerl gibt der 120 Kilogramm schwere Rapper besonders gern.

Obwohl Massiv nach eigenem Bekunden "im Ghetto-Bezirk Wedding" lebt, den er als seine Wahlheimat auserkoren hat, ist der 25-Jährige dort nicht polizeilich gemeldet. Nach Informationen dieser Zeitung befindet sich die amtlich registrierte Wohnadresse in Tempelhof. In der Wohnung an der Eschersheimer Straße leben Mitglieder einer stadtbekannten arabischen Großfamilie. Nach Angaben eines Ermittlers sei es denkbar, dass der Rapper mit der Familie geschäftliche Beziehungen unterhält, über die es zu Streitigkeiten kam.