Ein Held wider Willen

Von Sven Felix Kellerhoff Heute wird im Ostteil Berlins erstmals ein Platz nach einem Mann benannt, der für die Ereignisse vor 50 Jahren verurteilt worden war: Das kleine Rondell am Ende des Ernst-Zinna-Weges im Volkspark Friedrichshain erhält den Namen Max-Fettling-Platz. Eine Umbenennung, die niemandem weh tut; es gibt an der neuen Adresse keine einzige Hausnummer.

Wer aber ist Max Fettling? Und warum wird dieser Mann 50 Jahre nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand geehrt? Taugt Fettling als "Gesicht" des Aufstandes? Aus damaliger Sicht der SED und der Stasi gewiss. Denn sein Name steht unter einem spektakulären Brief an den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl vom 15. Juni 1953.

Darin heißt es: "Wir Kollegen der Großbaustelle des Krankenhauses Friedrichshain vom VEB Industriebau wenden uns an Sie, Herr Ministerpräsident, mit der Bitte, von unseren Sorgen Kenntnis zu nehmen. Unsere Belegschaft ist der Meinung, dass die zehn Prozent Normerhöhung für uns eine große Härte ist. Wir fordern, dass von dieser Normerhöhung Abstand genommen wird [] Fettling, Betriebsgewerkschaftsleitung des VEB Industriebau."

Ein Funktionär der Staatsgewerkschaft schreibt an den Regierungschef und stellt offene Forderungen: für eine Diktatur ein ungewöhnlicher Vorgang. Was war geschehen?

Großbaustelle Krankenhaus Friedrichshain, 15. Juni 1953 vormittags: Erboste Brigadiers fordern die sofortige Rücknahme der zum 1. Juni verfügten Normerhöhung. Nach längeren Diskussionen unterzeichnet Fettling als Vertreter seiner Leute einen Protestbrief, und er ist es auch, der ihn zum Haus der Ministerien an der Leipziger Straße bringt.

Am nächsten Morgen, dem 16. Juni, heizt ein Artikel in der Gewerkschaftszeitung "Tribüne" die Stimmung weiter an. Ein Funktionär verteidigt die Normerhöhung offen. Es ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Nun marschieren die Bauarbeiter gegen die Regierung des Arbeiter-und-Bauern-Staates. Fettling will sie aufhalten. Vergebens: Er hat keinen Einfluss mehr auf seine Leute. Der Funktionär bleibt auf der Baustelle zurück.

Auch am nächsten Tag, am 17. Juni, beteiligt er sich nicht an den Protesten. Nach Feierabend geht er ganz ruhig nach Hause, wo er festgenommen wird.

Wer ist Max Fettling? Das wissen nicht einmal die Bezirksverordneten in Friedrichshain-Kreuzberg ganz genau. Die SPD-Vertreterin Dorit Lorenz hat immerhin ein Foto Fettlings aufgetrieben und alle bekannten Lebensdaten.

1907 in Berlin geboren, besuchte er die Volksschule, wurde Arbeiter in einer Schuhfabrik, dann Bauarbeiter. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zwangsverpflichtet zur Feuerwehr.

Nach der Kriegsgefangenschaft kam er zurück nach Berlin, arbeitete wieder auf dem Bau und wurde Gewerkschaftsfunktionär im VEB Industriebau. Seine Verhaftung verstand Fettling nicht; er hatte ein reines Gewissen. Aber es stand nun einmal sein Name unter dem Brief an Grotewohl.

Fettling wurde streng verhört, von einem Zellengenossen bespitzelt und schließlich zu zehn Jahren Haft verurteilt. Über sein weiteres Schicksal ist wenig bekannt. 1957 wurde er vorzeitig entlassen; die nächste (und letzte) Nachricht betrifft seinen Tod 1974 - in einem Krankenhaus in Neukölln. Offenbar ist er also in den Westteil Berlins gewechselt.

Wer war Max Fettling? Gewiss kein Anführer des Volksaufstandes vom 17. Juni. Deshalb sagt Erich Kundel vom Förderverein Karl-Marx-Allee: "Ich hätte mir durchaus andere Personen für die Ehrung vorstellen können." Fettling war ein Gewerkschaftsfunktionär, der seine Aufgabe erfüllen wollte, aber ins Räderwerk der rachsüchtigen Stasi geriet. Ein Opfer der SED-Diktatur, das jetzt mehr zufällig geehrt wird, weil sein Name unter einem Brief stand. War Max Fettling ein Held? Eher nicht. Und falls doch, so in jedem Fall ein Held wider Willen.