Der Aufstand braucht ein Gesicht

Von Hubertus Knabe Die Stadtverordneten des ostdeutschen Städtchens Strausberg tun sich schwer mit der Erinnerung an den Volksaufstand vom 17. Juni. Sie weigern sich, die Namen der vor 50 Jahren verhafteten Streikführer des Orts auf einem Gedenkstein anzubringen. Der heute 80-jährige Streikleiter Heinz Grünhagen, der vier Jahre im Gefängnis saß, wünscht es sich so - und er hat Recht damit.

Historische Ereignisse sind immer mit Namen verbunden, wenn sie nicht in Vergessenheit geraten sollen. Robespierre steht für die Französische Revolution 1789, Lenin für den Putsch der Bolschewiki im Oktober 1917, Graf von Stauffenberg für das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944. Vor allem junge Leute finden in den Schicksalen von Anne Frank oder der Geschwister Scholl moralische Orientierung.

Aus der Volkserhebung im Juni 1953 hat sich dagegen kein einziger Name eingeprägt. Es ist ein Aufstand ohne Gesicht. Im Osten wurden die Männer, die 1953 für den Sturz der SED-Diktatur und freie Wahlen demonstrierten, jahrzehntelang als "faschistische Agenten" abgestempelt. Im Westen bot der Tag bald nur noch Anlass für Sonntagsreden. Die Entscheidung, den 17. Juni als Nationalfeiertag abzuschaffen, war auch deshalb so leicht, weil die Erinnerung an den Aufstand blass und namenlos geworden war.

Dabei haben die dramatischen Ereignisse zahlreiche Menschen ins Zentrum der Geschichte gerückt, die mit ihrem Mut und ihrem Schicksal den Geschwistern Scholl in nichts nachstanden. Einfache Arbeiter, die für Stunden dem Geschehen eine Richtung zu geben suchten. Da, wo sie die Gelegenheit dazu fanden, haben sie in schlichten, ergreifenden Worten die Forderungen der Bevölkerung formuliert. Ihre Programmatik war so eindeutig demokratisch, dass die Vorstellungen der Hitler-Attentäter oder des "Neuen Forums" vom Herbst 1989 dagegen autoritär erscheinen.

Erst jetzt, nach 50 Jahren, werden die Namen der Aufständischen dem Vergessen entrissen: Paul Othma, der Vorsitzende des Bitterfelder Streikkomitees, der auf dem Marktplatz eine spontane Rede hielt und erst kurz vor seinem Tod aus dem Gefängnis freikam. Herbert Stauch, der im Magdeburger Polizeipräsidium die Freilassung der politischen Gefangenen verlangte und dafür zum Tode verurteilt wurde. Max Fettling, der im Auftrag seiner Ostberliner Baustelle DDR-Ministerpräsident Grotewohl um die Rücknahme der Normenerhöhung bat und dafür zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Nach Fettling wird jetzt in Berlin eine Straße benannt - eine bescheidene Würdigung, wenn man bedenkt, dass in Ostdeutschland bis heute 111 Straßen die Namen von Grotewohl oder Wilhelm Pieck tragen. Es bestätigt sich die uralte Erfahrung, dass die Geschichte von Siegern geschrieben wird. In der DDR hatten sie 36 Jahre Zeit, die Erinnerung an den 17. Juni auszurotten.

Hinzu kommt noch ein anderes Versagen: Keiner der prominenten Intellektuellen ergriff - wie 1956 in Ungarn - für sie Partei. Im Gegenteil: Die Künstler beteiligten sich nach der Niederschlagung der Erhebung besonders eifrig an der Verleumdung der Aufständischen als "faschistischer Mob". Bert Brecht schlug sich rasch auf die Seite ihrer Unterdrücker. Schon am Morgen des 17. Juni schrieb er an Ulbricht, dass es ihm ein Bedürfnis sei, "Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands auszusprechen". Den Schriftsteller Friedrich Wolf erinnerten die Aufständischen an die "Nazibrandstifter von 1933". Stefan Heym bezeichnete sie als "Mob von faschistischen Stoßtrupplern in Ringelsöckchen und Cowboyhemden".

Vor diesem Hintergrund ist es um so wichtiger, den Aufständischen vom Juni 1953 Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die Todesurteile kann niemand rückgängig machen, wohl aber ihre zweite, moralische Bestrafung durch jahrzehntelange Geschichtspropaganda. Nicht die Eliten haben gegen die Diktatoren aufbegehrt, sondern Arbeiter. Wir sollten ihnen ein Denkmal setzen, damit der Aufstand gegen Ulbricht endlich ein Gesicht bekommt. Der Autor ist Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und Verfasser des Buches "17. Juni 1953. Ein deutscher Aufstand"