"xyz": Der Mann, der den Volksaufstand heimlich fotografierte

Heute vor 50 Jahren entlud sich der Ärger über die Situation in der DDR in einem Volksaufstand, der für Tausende im Gefängnis endete. Ein Fotograf wagte es, den Aufruhr im Kern zu verfolgen. Mit einer versteckten Kamera. Seine Bilder brachten die Dramatik des 17. Juni über die innerdeutsche Grenze. Und sie machten ihn berühmt: fast 50 Jahre lang aus Sicherheitsgründen nur unter dem Pseudonym "xyz". Erst heute bekennt sich Richard Perlia zu seinem Mut und seinem Namen. Serie, Teil 13

Von Lars-Broder Keil Das Buch ist alt und abgegriffen. "Der unerschöpfliche Ratgeber" lautet sein Titel, und erschienen ist das Handbuch für das deutsche Haus 1934 im Berliner Ullstein-Verlag. Für das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn ist die unscheinbare Schwarte heute das Vorzeigeobjekt schlechthin. Das liegt an einem Loch im Deckel und dem ausgehöhlten Innenleben, in dem am 16. und 17. Juni 1953 eine "Robot Junior" Platz fand, eine automatische Kleinbildkamera, nicht viel größer als eine Zigarettenschachtel.

Mit Hilfe dieser Konstruktion gelangen eindrucksvolle Bilder vom Volksaufstand in Berlin: von der Demonstration vor dem Haus der Ministerien, den durch Berlin marschierenden Hennigsdorfer Stahlarbeitern, von einrückenden sowjetischen Panzern, in Stellung gegangenen Haubitzen und bewaffneten Polizisten. Es sind Momentaufnahmen, die die Dramatik der Ereignisse zeigen.

So geheim wie diese Aufnahmen entstanden, blieb auch der Fotograf, der das Pseudonym "xyz" verwendete, fast 50 Jahre lang. Selbst in der 1998 vom Haus der Geschichte herausgegebenen Broschüre "Geheimkamera" ist nur von "xyz" die Rede. Im vergangenen Jahr legte der Fotograf, inzwischen 97 Jahre alt, seine Erinnerungen vor und lüftete damit das Geheimnis. Für die Berliner Morgenpost erzählte Richard Perlia die Geschichte seiner wagemutigen Aktion. Die Morgenpost gehörte zu den ersten Blättern, die am 17. Juni 1953 Fotos von ihm unter der Schlagzeile "Offene Rebellion in Ostberlin" auf Seite 1 veröffentlichte.

Perlia arbeitete zu diesem Zeitpunkt beim "Kurier", einer von den französischen Besatzern herausgegebenen Zeitung. Chefredakteur war der aus der sowjetischen Besatzungszone geflohene Mitbegründer der Ost-CDU, Ernst Lemmer, später Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen. Am 16. Juni hatte Lemmer vom Unmut der Ost-Berliner Bauarbeiter erfahren. Er wusste, dass sein Fotograf Perlia für eindrucksvolle Bilder das Risiko nicht scheute und ein Buch als Platz für eine Geheimkamera besaß. Perlia hatte ein halbes Jahr lang für die sowjetische Verwaltung in Potsdam als Militärfotograf gearbeitet, war dann mit Hilfe eines Offiziers der britischen Militärmission nach West-Berlin geflohen und hatte von dort aus ab und zu Aufträge für den amerikanischen Geheimdienst erledigt. So gelang ihm eine seltene Aufnahme von Häftlingen des sowjetischen Speziallagers im KZ Sachsenhausen.

Mit dem Buch unter dem Arm fiel Perlia auf der Stalinallee auch nicht auf, als er die kleine Gruppe Arbeiter mit ihrem Plakat "Bauarbeiter fordern Normsenkung" ablichtete. An jeder Ecke kamen neue Arbeiter dazu, so dass der Zug auf der nächsten Aufnahme schon sichtbar angewachsen war. Vor dem Haus der Ministerien in Mitte forderten knapp 2000 Demonstranten Vertreter der Regierung zur Diskussion heraus. Diese drei Fotos waren am nächsten Tag, dem 17. Juni, auf den Titelblättern verschiedener Zeitungen.

Am 16. Juni erhielt Perlia erneut einen Auftrag seines Chefredakteurs: "In Ost-Berlin soll morgen wieder gestreikt werden. Auch die Hennigsdorfer planen etwas. Fahren Sie ganz früh dorthin", sagte Lemmer. So stand Perlia am nächsten Tag gegen fünf Uhr morgens vor dem Betriebstor in Hennigsdorf. Die Arbeiter dürften sich über den Unbekannten gewundert haben, der sich als Journalist ausgab und mit ihnen marschieren wollte. Vielleicht waren sie misstrauisch, hielten ihn für einen Geheimpolizisten. Das war nicht ungefährlich - in diesem Fall für Perlia.

Der Fotograf wich den Hennigsdorfern auf ihrem Weg durch den französischen Sektor, auf der Friedrichstraße bis zum Haus der Ministerien, nicht von der Seite, später suchte er sich selber die Schauplätze und Motive aus. Er hielt die vor den Panzern fliehenden Massen, aber auch den Berliner Stadtkommandanten, General Pawel Dibrowa, in seinem Panzer fest. Die "Robot Junior" bot sich für den geheimen Einsatz nicht nur wegen ihrer geringen Größe an: Das Federwerk der Kamera transportierte den Film nach dem Auslösen automatisch weiter. Der Auslösemechanismus hing durch eine Öffnung im Buchrücken unscheinbar nach außen. Riskante Handgriffe waren also nicht notwendig. Aber die Kamera war nicht geräuschlos. "Ich musste bei jedem Auslösen eine Erkältung vortäuschen und habe laut gehüstelt", erinnert sich Perlia.

War eine Anzahl Filme zusammengekommen, brachte er sie zu seinem Auto in der Nähe des Potsdamer Platzes, in dem seine Frau wartete. Am frühen Abend war genügend Material zusammen. Während seine Frau zu den Verlagen fuhr, entwickelte der findige Fotograf auf dem Beifahrersitz die Filme. Denn Perlia verfügte über einen weiteren Schatz: die Rondinax, eine damals hochmoderne Entwicklerdose mit Thermometer und Schneideinrichtung, sozusagen eine Dunkelkammer für die Aktentasche. So konnte er den staunenden Redakteuren schon die fertigen Negative präsentieren.

Auch in der Ausgabe vom 18. Juni und in den folgenden Tagen tauchten die Fotos von "xyz" auf: in der Morgenpost, im "Telegraf", im "Tagesspiegel" und im "Kurier", aber auch auf den Sonderseiten des "Spiegel" und des "Stern" sowie in Büchern.

Möglich waren die Aufnahmen geworden, weil für den kleingewachsenen Fotografen waghalsige Manöver, in denen in Sekundenschnelle eine Entscheidung zu treffen war, fast sein ganzes Leben lang zum Alltag gehörten. Bevor sich der 1905 in Aachen geborene Perlia als "Mann mit der Geheimkamera" einen Namen machte, sammelte er in den 30er- und 40er-Jahren Meriten als Flieger. Perlia war Testpilot bei Junkers und gut mit Kunstflugweltmeister Gerhard Fieseler und dem "Fliegerhelden" Ernst Udet bekannt. Perlia flog Maschinen für die Filmaufnahmen von Leni Riefenstahl nach Grönland ein, landete auf dem verschneiten Zugspitzblatt und testete 1939 den Prototypen eines Hubschraubers. Mit dem Ende des Krieges 1945 endete auch Perlias Karriere als Flieger. Da war er 40 Jahre alt. Als Testpilot stand ihm eine Kameraausrüstung zur Verfügung, die ihm nun zu einem zweiten Berufsstart verhalf.

Bis heute hat Perlia die Tage im Juni 1953 nicht vergessen. Für ihn war das Volk aufgestanden: "Damals wurde der Name des Volkes missbraucht. Es gab volkseigene Betriebe, Volkspolizei, Volksrichter. Das echte Volk stand in den Straßen und verlangte den Rücktritt der Regierung. Als sie Sowjets das merkten, riefen sie Truppen und Panzer nach Berlin, um die so genannte Volksregierung vor dem Volk zu schützen."