Der ältere Herr mit der großformatigen Brille reagierte unfein: "Du hast da doch noch ja nich jelebt", rief der Anwohner der Karl-Marx-Allee dem jungen Stefan Liebich zu. Der 30-jährige Landesvorsitzende der Berliner PDS hatte gerade mit einer offenbar im PDS-Umfeld noch verbreiteten Legende aufgeräumt, nur eine Minderheit der Ost-Berliner Arbeiter habe sich an den Streiks vor dem 17. Juni 1953 beteiligt. "Die Mehrheit in den Betrieben hat gestreikt, auch aus politischen Gründen", stellte Liebich klar. "Die Mehrheit, das kann doch nicht wahr sein", maulte der Veteran und verließ kopfschüttelnd das Café Sybille an der Karl-Marx-Allee. Liebich stellte dort gestern einen Band mit Dokumenten vor, mit dem die PDS einen Beitrag zur Aufklärung leisten will. Wer bisher den Aufstand vor allem als Vandalismus im Gedächtnis habe, müsse diese Erfahrung mit den ,,Dokumenten kritisch abgleichen", sagte Liebich, der ein Geleitwort für das Buch "Die Klasse in Aufruhr" (Karl Dietz Verlag) verfasst hat. Streikaufrufe, Berichte der SED-Bezirksleitung, der Volkspolizei und anderer Quellen zeigen, dass am 17. Juni insgesamt 163 Betriebe bestreikt wurden.
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