Im Juni 1953 brodelte es in der DDR. Der Unmut über zahlreiche Direktiven und Erlasse der Regierung nahm zu - aus allen Schichten. Mit dabei waren auch die Bauarbeiter, die durch "Normerhöhungen" empfindlich weniger Lohn erhielten.
Heute dümpelt es auf dem Schwielowsee, das Ausflugsboot MS "Falke" mit seinen 75 Plätzen. Im Juni 1953 machte es unter dem Namen "Triumph" Geschichte. Die Fahrgäste am 13. Juni, es war ein Sonnabend: Mitglieder von Bauarbeiterbrigaden des Berliner VEB Industriebau mit ihren Frauen, die entweder in der Stalinallee an der Prachtstraße arbeiteten oder für das Krankenhaus Friedrichshain ein neues Bettenhaus bauten. Auf einem zweiten, mit 260 Plätzen weit größeren Dampfer, der "Seid bereit" (heute als "Seebär" für eine Reederei in Wusterhausen/Dosse unterwegs), befanden sich die technische Leitung des Betriebes sowie Bauarbeiter mit Familien, die keiner festen Brigade zugehörten. Ziel des Betriebsausflugs war das Gasthaus "Rübezahl" am Müggelsee. Für erwachsene Angehörige hatten die Bauarbeiter 3 Mark, für Kinder die Hälfte bezahlt. Trotz strahlender Sonne war die Stimmung mies an Bord. Denn am Tag zuvor hatten die Bauarbeiter die "Normerhöhung" genannten Lohnkürzungen zum ersten Mal zu spüren bekommen. Teilweise erhielten sie bis zu 25 Prozent weniger Geld. So kam es kaum überraschend, dass bereits vor der Bootsfahrt vereinzelt der Ruf nach Arbeitsniederlegung die Runde machte. Im Gasthaus "Rübezahl" angekommen, wurde kräftig gegessen und getrunken. Doch dann nutzte Bauleiter Karl Roepke, ein Funktionär, die sich bessernde Stimmung, um zu einem "fröhlichen Arbeitsbeginn" am kommenden Montag aufzufordern. Da platzte dem Brigadier Alfred Metzdorf, wie viele Kollegen leicht angetrunken, der Kragen: Er sprang auf einen Tisch und rief: "Kollegen, wir gehen am Montag um sieben Uhr nicht aus den Baubuden! Wir streiken!" In einem Vernehmungsprotokoll der Stasi, die später alle Augenzeugen jener Dampferfahrt eingehend befragte, heißt es: "Metzdorf wurde sofort vom Tisch gezogen und am Weiterreden gehindert. Ebenso ertönten Zurufe der Empörung über das Verhalten von Metzdorf. Wer die Kollegen waren, die den Metzdorf zur Ordnung riefen, weiß ich nicht." Wahrscheinlicher ist, dass nach dem Auftritt des angeheiterten Brigadiers die Unzufriedenheit eher zunahm. Bernhard Adamski, damals Betonierer auf der Baustelle Krankenhaus Friedrichshain, erinnert sich: "An den Tischen wurde diskutiert. Eigentlich waren sich alle einig, dass etwas geschehen müsse." Die schärfste Waffe, die sich die Bauarbeiter vorstellen konnten war der Streik. Der Brigadier Alfred Metzdorf, 45 Jahre alt, trug die Verantwortung für den Nachschub auf den Baustellen und allgemeine Transportarbeiten. Er hatte sich die Männer in seiner Brigade genau ausgesucht und nur solche ausgewählt, denen er vertrauen konnte. Denn im Kreise seiner Leute wetterte er gerne mal los, zum Beispiel noch am Abend zuvor gegen die Regierungspolitik und die Normerhöhung. Der Stasi sah in der Brigade Metzdorf im Nachhinein eine "Schlägerkolonne". Die Rückfahrt über gab es vor allem auf dem kleineren Dampfer "Triumph" für die aufgedrehten und angetrunkenen Bauarbeiter nur ein Thema: Streik am Montag. Zu regelrechten Absprachen mit den Arbeitern anderer Baustellen, wie später von der SED und der Stasi behauptet, scheint es aber nicht gekommen zu sein - auch wenn einige Kollegen von anderen VEBs als Gäste mit an Bord waren. Der freie Sonntag beruhigte die Arbeiter nicht, im Gegenteil: Am Montagmorgen nahmen sie tatsächlich ihre Arbeit nicht auf, sondern diskutierten und formulierten eine Resolution. Wieder mit an vorderster Front: Alfred Metzdorf. Irgendwann an diesem 15. oder 16. Juni muss ihn dann aber die Angst überwältigt haben: Metzdorf tauchte in West-Berlin unter. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Karl Roepke dagegen, der Bauleiter, der ungewollt den Anlass zu Metzdorfs Rede gegeben hatte, wurde nach dem Volksaufstand erst einmal verhaftet. Ein Informant denunzierte ihn, doch Roepke konnte die Vorwürfe für die Stasi glaubhaft entkräften. Nach einigen Wochen Untersuchungshaft kam er frei. War die Dampferfahrt vom 13. .Juni 1953 tatsächlich das entscheidende Ereignis, das den Volksaufstand auslöste? Lakonisch, aber zutreffend heißt es bereits 1954 in einer Publikation: "Es fügte sich in der Tat zufällig, dass an jenem Sonnabend die Arbeiter des VEB Industriebau Stalinallee einen lange geplanten Ausflug unternahmen. Dies musste geschehen: Dass sie nicht auseinander liefen am Wochenende, dass sie zusammenhockten, dass ihre Wut in der Runde noch einmal aufkochte. Es kam nicht darauf an, welcher der Akteure das Stichwort fallen ließ, es kam nur darauf an, dass es fiel: Generalstreik." In der Tat: So wichtig die Bootsfahrt für die folgenden konkreten Abläufe auch wurde - es hätte sich auch in einem anderen Großbetrieb "fügen" können: Tage früher, Tage später. Denn die SED hatte seit der II. Parteikonferenz im Juli 1952 ein Jahr lang so manches getan, um jenen Berg an Zunder anzuhäufen, der am 17. Juni 1953 explodierte.


