"Trotz des Scheiterns ist der Aufstand am 17. Juni nicht umsonst gewesen, es war ein erster Meilenstein auf dem langen Weg zur Wiedervereinigung. Ich habe es nie bereut, dabei gewesen zu sein." Erika Albrecht, Jahrgang 1934, ist klein, zerbrechlich ist sie nicht. Und zerbrechen lassen hat sie sich auch nicht. Nicht von Repressalien und nicht von der Stasi. Erika Albrecht ist christlich erzogen worden, FDJ und SED kamen für sie nie in Frage. "Überzeugung", "Werte", das sind Begriffe, die ihr wichtig sind und immer wichtig waren. Wichtiger als der real existierende Sozialismus. Wichtiger als ihre Karriere. "Ich habe trotzdem interessante Tätigkeiten ausgeübt und bin ein bisschen stolz darauf, dass ich mir selbst treu geblieben bin." Erika Albrecht schaut vom S-Bahnhof Treptower Park hinüber zu dem mächtigen Backsteingebäude am Fuß der Treptowers, als "Institut für Regelungstechnik" bis 1990 ihr letzter Arbeitsplatz. Kaum zu glauben, dass auf der gleichen Straße vor nicht einmal 50 Jahren zornige Arbeiter gegen die Normerhöhungen der DDR-Regierung protestiert haben. Ein Aufstand, der Erika Albrecht, kaufmännischer Lehrling im letzten Lehrjahr und gerade im Praktikum in der Produktion, damals fast den Job und ihre Zukunft gekostet hat. Schon damals hat sie in dieser Gegend gearbeitet. Ein paar Straßen weiter war das, in einer Werkzeugmaschinenfabrik an der Bouchéstraße 12. "Das war vor 50 Jahren mein Arbeitsweg", sagt Erika Albrecht beim Spaziergang vom S-Bahnhof durch den grünen Tunnel der Platanenallee Am Treptower Park. Der riesige ziegelrote Backsteinkomplex links war damals schon eine Kaserne, eine der DDR-Grenzer. Jetzt arbeitet dort das Bundeskriminalamt. Das Gelände ist zur Straße hin mit zwei hohen Stahlzäunen gesichert. Erika Albrecht mag nicht über Polizei reden, über Geheimdienste, auch nicht im Jahr 2003. Bouchéstraße. Das Gebäude der Maschinenfabrik gibt es noch. "Gott, das sieht jetzt alles ganz anders aus, so schön", staunt Erika Albrecht. Im Erdgeschoss sind jetzt ein Supermarkt und eine Billardhalle, in den Büros logieren das "diabetes depot" und ein Kopierservice. Wiedererkennen erst im Hof. "Jawoll, da war die Verwaltung." Erika Albrecht zeigt auf ein altes Emailleschild mit der Aufschrift "Haus 8'. "Hier im Betrieb war damals von Generalstreik die Rede", erzählt sie. "Unser größtes Problem war der Mangel an Material." Und der irrige Glaube, dass das auch in der DDR festgeschriebene Streikrecht tatsächlich einen Streik möglich machen würde. So standen am Morgen des 17. Juni 1953 in der Maschinenfabrik wie in Hunderten anderen DDR-Betrieben die Maschinen still. Eine Betriebsversammlung war angesetzt. "Die Betriebsleitung hatte sich verkrochen. Trotzdem lief alles sehr geordnet ab", sagt Erika Albrecht. Alle Maschinen blieben heil. Man beschloss, sich dem Protest auf der Stalinallee anzuschließen, von dem im RIAS die Rede war. Vom Werksgelände ging es "über den Westen", über Mühlendamm, Warschauer Straße, Oberbaumbrücke und Schlesisches Tor Richtung Weberwiese. "Wir waren fassungslos. Die Westpolizei hatte die Straße abgesperrt, aber niemand versuchte uns aufzuhalten. Nur Menschen über Menschen, die Wut machte sich in Sprechchören Luft wie: "Es hat keinen Zweck, der Spitzbart muss weg.'" So ging es über die Leipziger Straße zum Potsdamer Platz, "und dann eskalierte das, dann fuhren die russischen Panzer auf und begannen, in die Menge zu schießen". Am S-Bahnhof Potsdamer Platz war das, am Columbushaus, Dienststelle der Volkspolizei. "Es war klar, dass wir keinerlei Chance hatten, und das "Streikrecht der Arbeiterklasse' erwies sich als blanker Hohn. Bei uns allen hat sich damals Resignation und Bitterkeit breit gemacht, auch Unverständnis, dass uns die übrigen Siegermächte nicht halfen. Aber aus heutiger Sicht gab es diese Möglichkeit wohl nicht, das wäre ein dritter Weltkrieg geworden - wäre es das wert gewesen?" Erika Albrecht hat ihre Entscheidung getroffen. Für Leib und Leben. Für die Mutter, die zu Hause in Bohnsdorf voller Sorge wartete. Sie flüchtete sich in ein Haus in einer Seitenstraße und wartete ab, bis die Panzer weg, bis die Luft wieder rein war. Dann ging sie heim. Zu Fuß. Es dauerte die ganze Nacht. Ein Teil der Streikleitung sei im Westen geblieben, sagt Erika Albrecht. Der Rest habe den Zusagen der Betriebsleitung vertraut, dass die, die wieder zur Arbeit erschienen, nicht zur Rechenschaft gezogen würden. "Nach etwa zehn Tagen wurden diese Menschen, die nichts Unrechtes getan hatten, verhaftet und wie Schwerverbrecher abgeführt." Von den meisten habe man nie wieder gehört. "Uns Lehrlingen drohte man, den Abschluss zu verweigern. Wir kamen aber mit einer Abmahnung davon." Lesen Sie morgen: Walter Klünner barg am 17. Juni 1953 als ehrenamtlicher DRK-Helfer am Potsdamer Platz Verletzte.
"Aufstand war nicht umsonst"

Erika Albrecht Zeitzeugin 17. Juni© Stefan Beetz | Stefan Beetz
KI-Stimme. Info

