Oranienplatz, Kreuzberg, 15 Uhr. Die Teilnehmer der Demonstration "Revolutionärer 1. Mai" sammeln sich. Von den Cafés und Restaurants am Rande des Platzes aus beobachten derweil Familien, Pärchen oder kleinere Grüppchen von Leuten jeglichen Alters das Geschehen. Im strahlenden Sonnenschein amüsieren sich viele bei Milchkaffee, Kuchen oder Weizenbier über die Aufmachung und die Parolen der Demonstranten, vornehmlich aus der autonomen Szene. Einige Neugierige wagen sich mit Fahrrädern und Kinderwagen in die Menge - noch herrscht Straßenfest-Atmosphäre.
Vor allem beim "Friedensfest" auf dem Heinrichplatz: Cocktail-Pavillons, Eisbuden, mobile Würstchen- und Dönerstände versorgen hier Demonstranten und Festbesucher. Eine Dixie-Combo sorgt für die musikalische Untermalung. Während später die Demo vorbeizieht, schieben einige ihre Kinder sogar bis an den Straßenrand, damit die Kleinen die Polizei und die Demonstranten sehen können - die Mai-Demo als Familienunterhaltung.
Ein Familienvater hat mit Frau und Kind während der Feiertagsradtour einen Abstecher an den Oranienplatz gemacht: "Wir wollen uns das ganze Geschehen nur mal anschauen. Bevor die Krawalle losgehen, sind wir wieder weg", sagt er. Seine Frau macht derweil Fotos mit der Handy-Kamera.
Daniel (21) aus Charlottenburg und Sören (21) aus Moabit sind mit ihren Kumpels extra nach Kreuzberg gekommen, um sich die Demo anzuschauen. Ihre Freunde aus Detmold schießen Erinnerungsfotos. Mit Jeansjacken und gegelten Haaren passen sie überhaupt nicht in die Szenerie der linken Protestler. Trotzdem können sie sich mit einigen politischen Forderungen der Demonstranten identifizieren. "Deren Kritik an der Agenda 2010 des Bundeskanzler kann ich teilweise nachvollziehen", sagt Daniel. Aber auch sie wollen die Gegend sofort verlassen, sobald es "knallt".
Philipp (22) aus Kreuzberg und seine Kumpels gehören indes zu jenen potenziellen "Krawall-Touristen", die bei der Polizei gar nicht gern gesehen sind. Das sind vor allem junge Leute, die nicht unbedingt nur zum Zusehen zur Demo nach Kreuzberg kommen, sondern hier den "ultimativen Kick" suchen. Philipp will auf jeden Fall bis zum Beginn eventueller Ausschreitungen bleiben. "Natürlich bin ich schaulustig. Das wird ja hier nachher eine große Party", sagt der Student. Irgendwie sei das "cool", am Chaos und dem Berlin-üblichen Mai-Ausnahmezustand teilzuhaben. Sein Kumpel will ausdrücklich nicht ausschließen, dass auch er später Steine werfen könnte.


